Wie Bakterien unserer Haustiere das Ökosystem Meer gefährden

12. Februar, 2023

Warum Katzen Delphine töten

Alles begann im Jahr 2004, als Tierärztin und Wildtierpathologin Melissa A. Miller vom kalifornischen Marine
Wildlife Veterinary Care and Research Center in Santa Cruz über einen toten Seeotter informiert wurde. Am nächsten Tag noch einer. Bis insgesamt mehr als 40 tote Tiere an der Küste angespült wurden. Aufwändige Untersuchungen ergaben: Die Todesursache war der parasitische Einzeller Sarcocystis neurona, ein ferner Verwandter des Malariaerregers. Der Haupt- und Endwirt dieses Parasits ist normalerweise das Oppossum, welches den Erreger mit seinem Kot ausscheidet. Sobald dieser ins Meer gelangt, können sich Meerestiere mit diesem Land-Parasiten infizieren. 

Für Landtiere ungefährliche Viren sind für Meeresbewohner oft ein Todesurteil

Das Immunsystem unserer Haus- und Nutztiere sowie der kulturfolgenden Wildtiere hat über Generationen gelernt, mit den Erregern umzugehen. Meeressäuger von Seelöwen bis zu Schweinswalen diesen jedoch kaum etwas entgegensetzen. 

Forscher vermuten, dass die Sporozysten durch Starkregenfälle und Unwetter über die Flüsse ins Meer gelangen. Scheidenmuscheln, die das Wasser filtrieren, nehmen den Erreger auf. Diese Muscheln zählen zu den Hauptnahrungsmitteln der oben erwähnten Otter. 

Weitere Beispiele

In Kalifornien wurden Orcas tot angetrieben, die höchstwahrscheinlich mit Salmonella Newport, einem speziellen Stamm, der normalerweise Vögel und Nutztiere infiziert, befallen waren. 

Bei Großen Tümmlern im Atlantik vor South Carolina wurde ein antibiotikaresistenter Stamm von Staphylococcus aureus gefunden. 

Doch es trifft nicht nur Säugetiere. In der Karabik starben Elchgeweihkorallen aufgrund des für den Menschen relativ harmlosen Meningitis-Erregers Serratia marcescens ab. 

In Neuengland starben 162 Robben an einer Lungenentzündung, die durch eine Mutation der Vogelgrippe hervorgerufen wurde. 

Katzen und Delphine

Der weltweit verbreitete Einzeller Toxoplasma gondii ist der wohl am besten erforschte Erreger, der für Meeresbewohner sehr gefährlich ist. Der Endwirt sind Katzen. Auch Menschen können als Zwischenwirte dienen, doch meist wird die Infektion gar nicht oder kaum bemerkt - nur für Ungeborene kann eine Infektion der Mutter schwerwiegende Folgen haben. Dieser Einzeller wurde nicht nur bei tot angespülten Delphinen gefunden, sondern auch bei den extrem bedrohten Mönchsrobben. 

Wenn eine frisch infizierte Katze diesen Einzeller über den Kot ausscheidet, können binnen 10 Tagen bis zu 100 Millionen Ooszyten ins Freie gelangen. Diese sind so widerstandsfähig, dass sie sowohl im Boden als auch im Wasser, egal ob Salz- oder Süß-, jahrelang überleben können. Selbst Salzsäure macht ihnen nichts aus. 

Doch die Ooszyten an sich töten die Meeressäuger nicht direkt. Vielmehr ist es eine schleichende Infektion, die das Tier nach und nach schwächt. Infiziert sich der Säuger nun mit einer weiteren Bakterien- oder Virenart, kann die Kombination sehr schnell zum Tod führen. Auch verunreinigte Abwässer können die Tiere überbelasten. 

Verdreckte und verseuchte Abwässer

Forscher stellten in Wasserproben mehr als 60 vom Land stammende Pathogene fest. Darunter auch mehrere Salmonella-Stämme, ein seltenes Bakterium, das normalerweise in Jauche lebt  sowie das Bakterium Tridium Perfringens, das Lebensmittelvergiftungen hervorruft. 

Auch weitere Stressfaktoren wie Motorlärm von Booten und Schiffen jeglicher Größe schwächt die Abwehrkräfte der Tiere. 

Doch nicht nur Krankheitserreger werden vom Land ins Meer gespült. Immer häufiger gelangen über Abwässer auch Östrogene (z.B. Antibabypille) oder Aufputschmittel (Koffein) und Beruhigungsmittel (Oxapezam) in die marinen Gebiete. 

Größtes Problem: Antibiotikaresistenz

In einer groß angelegten Studie untersuchten Wissenschaftler der Woods Hole Oceanographic Institution in Massachusetts 370 tot angespülte Tiere. Bei 3 von 4 Kadavern wurde mindestens ein antibiotikaressistenter Erreger gefunden, bei knapp einem Drittel sogar bis zu fünf dieser Bakterien. 

Eine Vermutung, warum gerade Meerestiere viel häufigere Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien als Landtiere haben, ist, dass ungenügend gereinigte Abwässer von Tierfarmen ins Meer gelangen.  

Wale und Robben als Brutstätten für neue Erreger

Insbesondere in Meeressäugern können die Erreger stark mutieren. Diese neuen Viren können beispielsweise Durchfallserkrankungen bei Menschen auslösen, was gerade für Kinder, alte Menschen und vorbelastete Erwachsene gefährlich sein kann. 

Uneinigkeit unter den Experten

Während viele Forscher sowohl die Meereswelt als auch uns durch zurückkehrende, mutierte Keime bedroht sehen, sind andere Experten der Meinung, dass ein Austausch von Erregern zwischen Land und Wasser immer schon stattgefunden hat und somit keine dramatischen Großereignisse zu erwarten sind. 

Jedoch sehen die kritischen Stimmen einen großen Anstieg und eine Beschleunigung des Erregertransfers insbesondere vom Land Richtung Meer. 

Quelle: Spektrum der Wissenschaft Kompakt 

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