Migration, Familienbande und Schutz – dem geheimen Leben der Weißen Haie auf der Spur

Great White Mystery

Great White Mystery ist ein wissenschaftliches Forschungsprojekt unter der Leitung von Dr. Mauricio Hoyos, der mithilfe neuer Tags detaillierteres Wissen über die Migrationen von Großen Weißen Haien erhalten möchte. Ziel der Ergebnisse ist es, in Zusammenarbeit mit bestimmten Institutionen, Fangverbotszonen zu errichten.

Der Weiße Hai (Carcharodon carcharias), die funktionale Spitze vieler mariner Nahrungsnetze, ist in den kühlen Küstengewässern und den Weiten des offenen Ozeans beheimatet. Mit einer durchschnittlichen Länge von 4,5 bis 6,5 m gehört er zu den größten Raubfischen der Meere. 

Von der IUCN wird die Art weltweit als „Gefährdet“, regional teilweise sogar als „Stark Gefährdet“ eingestuft. Die Populationszahlen sinken kontinuierlich, somit wird beim nächsten Assessment eine Verschärfung der Einstufung erwartet. Die aktuell größten Gefahren für Weiße Haie – sowie für andere pelagische Arten – liegen in der gezielten, aber auch in der nicht-beabsichtigten Fischerei. Auch die immer drastischeren Auswirkungen der steigenden Wassertemperaturen durch den Klimawandel wirken sich negativ auf die bereits angeschlagenen Populationszahlen aus. 

Fang- sowie Handelsverbote, Ansätze zur Reduktion von Beifang und die gezielte Implementierung von Schutzzonen sind essenziell zur weltweiten Erhaltung der Art. Doch um diese Maßnahmen effizient einzusetzen, muss die Lebensweise der Tiere im Detail bekannt sein. Denn obwohl der Weiße Hai einer der größten Raubfische der Ozeane ist, weiß die Wissenschaft erstaunlich wenig über ihn. Erst in den letzten Jahrzehnten ermöglichten es Fortschritte in Gentechnik und Technologie, mehr über die Tiere und ihr Leben herauszufinden.  

Ausschlaggebend dafür war u.a. die Insel Guadalupe, 240 km vor der Küste von Baja California, Mexiko gelegen. Durch ihre günstige Lage im Kalifornienstrom unterstützen die Gewässer des 2005 gegründeten Biosphärenreservats eine Fülle an Leben aller evolutionären Klassen. Die zerklüfteten Küsten beherbergen außerdem große Kolonien dreier Pinnipedia-Arten. Diese Fülle an Beutetieren wird als einer der Hauptgründe angenommen, warum Weiße Haie hier saisonal so stark vertreten sind. Die Migrationsrouten der Tiere führen meist von den Aufzuchtgebieten vor der Westpazifischen Küste nach Guadalupe. Populationsstudien zeigen, dass junge männliche Haie ab Anfang Juli vermehrt eintreffen. Ab September steigt die Anzahl der gesichteten Weibchen stark an.  

Die Gewässer der Schutzzone werden – neben dem White Shark Café – als einer der wichtigsten Ansammlungsstellen von Weißen Haien im Nordpazifik angesehen. Ausgewachsene Haie sowie Jungtiere zeigen eine starke Standorts- und Migrationstreue. Genetisch ist die lokale Population von den Aggregationen vor Australien und Südafrika distinkt. Für Meeresbiologen und eine stetig wachsende Ökotourismus-Industrie ist die Gegend dank ihres klaren Wassers und der guten saisonalen Vorhersagbarkeit ein idealer Ort, um die Tiere zu beobachten. 

Ein internationales Forschungsteam um den Meeresbiologen Dr. Mauricio Hoyos benutzt neuste Technik aus den Bereichen Telemetrie und Gentechnik, um der Lebensweise der Weißen Haie auf die Spur zu kommen. Ihre wertvollen Erkenntnisse fördern das Verständnis über einen der größten maritimen Jäger unserer Zeit. Außerdem tragen sie maßgeblich zu einem effizienteren und erfolgreicheren Artenschutz bei.

Hintergrundinformationen über das Projekt

Ziele

Sharkproject unterstützt seit 2015 gezielt die Forschungsarbeiten von Dr. Hoyos. Die bereitgestellten Gelder werden zum Erwerb von MiniSur (CATs Fincams) und VMT Tags (Vemco Mobile Transceiver) verwendet, die für Populationsstudien benutzt werden. Die übergeordneten

Ziele des Projekts sind: 

  • Das Erstellen akkurater Migrations- und Aufenthaltsmuster der lokalen Population durch die bereitgestellten MiniSur und VMTs.
  • Die Erweiterung des Verständnisses von inter- (Hai/Beute) und intraspezifischen (Hai/Hai) Interaktionen.
  • Die Nutzung der Daten zum Ausbau von Schutzzonen entlang Migrationsrouten und Sammelstellen.

Dauer

Die Forschungen zu den Verhaltens- und Migrationsweisen der Weißen Haie dauern an. Ein Ende des Projekts ist aktuell nicht geplant. 

Zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie wurden Reisen in die Region zeitweise untersagt, was zu Verzögerungen bei der Datensammlung führte. Sharkproject erwartet, dass die Forschungen ab 2022 wieder aufgenommen werden.

Wissenschaftler

Dr. Mauricio Hoyos – Wissenschaftliche Leitung. Zu den Forschungsschwerpunkten des Wissenschaftlers (Sitz in La Paz, Mexiko) zählen Bewegungsmuster und Interaktionen verschiedener Hai-Arten. Seit 2005 konzentriert er sich auf Populationsanalysen Weißer Haie im Nordpazifik, speziell im Biosphärengebiet um Guadalupe.
 
Dr. Yannis Papastamatiou – Technische Leitung. Als Experte für Telemetrie und Tagging unterstützt der Meeresbiologe (Sitz in Florida, USA) verschiedene Projekte mit Schwerpunkt Verhaltens- und Migrationsforschung. Seine Erkenntnisse tragen massiv zum Ausbau von Schutzzonen entlang Migrationsrouten pelagischer Hai-Arten bei.

Fred Buyle – Der bekannte Freitaucher unterstützt das Team um Dr. Hoyos beim Anbringen der Satelliten-Tags und Entnahme von DNA-Proben von Weißen Haien. Seine weitreichenden praktischen Erfahrungen und Fähigkeiten erlauben es ihm, sich den Tieren auf einzigartige Weise zu nähern.

Förderer und Sponsoren

Das Team von Sharkproject wurde bei den Vorbereitungen und Durchführungen der diverseren Shark Night Events mit Sachspenden großzügig unterstützt. Wir danken hier besonders: 

MARES – just add water, SEACAM, Servotel, Kubicek Fördertechnik GmbH, Reisebüro fish&trips, Unterwasserkamera.at, Printshop und Chris Benz  

Im Zuge der Shark Night stellten Servotel und Kubicek Fördertechnik GmbH einen VMT Tag für Dr. Hoyos zur Verfügung.  

Ort

Guadalupe ist eine kleine Insel vulkanischen Ursprungs vor der Westküste Mexikos. Die dramatische Landschaft beheimatet zahlreiche endemische Pflanzen und Vogelarten; viele davon vom Aussterben bedroht.  

Die isolierte Lage im ansonsten turbulenten und strömungsreichen Pazifik macht Guadalupe zu einem Hotspot an Biodiversität. Mehrere Robben- und Seelöwen-Arten sind entlang der geschützten Küsten zu finden. 

Nicht zuletzt deswegen sind hier Weiße Haie in großer Zahl saisonal anzutreffen. Inzwischen gilt die Region als einer ihrer Hauptansammlungsorte im Nordpazifik.

Reisen

Touristische Reisen in das Biosphärenreservat sind stark reguliert und ausschließlich nach Absprache mit der lokalen Regierung möglich. Pro Jahr werden nur eine limitierte Anzahl an Tauchsafaris genehmigt; ein Betreten der Insel ist generell untersagt. Die Reisesaison geht von Juli bis November. 
 
Auf Grund der weiterhin ungewissen Lage durch die Covid-19-Pandemie sind aktuell keine von Sharkproject begleiteten Reisen geplant. Wir halten Euch auf dem Laufenden, wenn neue Termine für Guadalupe feststehen.

Technische Informationen

Telemetrie

Tier-Telemetriestudien ermöglichen Wissenschaftlern das Sammeln einer Vielzahl an Informationen mithilfe von akustischen oder satellitengestützten Sensoren, sogenannten Tags. Sie werden vor allem eingesetzt, um Migrationsmuster pelagischer Arten sichtbar zu machen. Die so entstehenden Bewegungskarten lassen definitive Rückschlüsse über die Lebensweise und Historie der Tiere zu.  

Nicht nur horizontale Migrationen werden durch die Tags sichtbar gemacht, sondern auch die notorisch schwer nachzuvollziehenden vertikalen Bewegungen mariner Arten. So wissen wir inzwischen, dass männliche Weiße Haie vor Guadalupe bis zu 1.200 Metern tief tauchen, Weibchen jedoch wesentlich flacher bleiben. Jede dieser Informationen ist ein kleines Mosaikteil im Bild „Hai als Mysterium“ – die immer präziser werdenden Tagging-Technologien erlauben es uns, dieses Bild nach und nach zu vervollständigen. 
 
Lange ging man davon aus, dass Haie nur eine sehr limitierte Sozialstruktur haben; das Bild des Haies als Einzelgänger hält sich hartnäckig. Auch hier sind die Daten der Tags Grundlage für einen Wandel in unserem Verständnis der Tiere. Intensität und Länge der inter- und intraspezifischen Interaktionen werden aufgezeichnet, ein komplexes Bild des Paarungsverhaltens, sozialen Hierarchien und Beute-Interaktionen werden dadurch sichtbar.   

Telemetriestudien auf der gesamten Welt haben wichtige Einblicke in die Bewegungs- und Verhaltensökologie der Haie geliefert. Dieses Wissen bildet nun die Grundlage, um effektive Schutzstrategien für diese gefährdeten Tiere zu entwickeln. So erlaubten die Tagging-Studien die Ausweitung der Schutzzonen für Weiße Haie im Nordpazifik. Nicht nur ihre Aufzuchtgebiete vor den Küsten Nordamerikas werden nun geschützt, sondern auch ihre Aggregationspunkte vor Guadalupe.

Verwendete Tags und Technologien 

Bei den Forschungsarbeiten vor Guadalupe werden zwei Arten Sensoren benutzt: VEMCO Mobile Transceiver (VMT) und Sonotronics MiniSUR

Der VMT ist ein Hybrid zwischen einem Sender und Empfänger, dieser kann also nicht nur Daten an Stationen senden, sondern auch von diesen empfangen. Die Kommunikation ist mit allen gängigen VEMCO-kodierten Geräten möglich, auch Sender anderer Hersteller können registriert werden.  

Der Erfassungsbereich variiert von wenigen hundert Metern in Küstengewässern, bis zu einem Kilometer im offenen Ozean. Der VMT kann in Tiefen bis zu 1000 Metern betrieben werden und eignet sich für Studien in tiefen Wasserumgebungen. 

Im Nordpazifik befinden sich viele fest installierte Receiver-Stationen sowie eine Vielzahl an stationären Objekten wie FADs oder Bojen, die mit VEMCO-codierten Sendern ausgestattet sind. Dies erlaubt Rückschlüsse über Migrationsrouten und die jeweilige Verweildauer der Haie. Informationen zur Interaktion mit anderen markierten Tieren werden ebenfalls gespeichert. Dies erlaubt es Forschern, die Sozialstrukturen der Haie besser zu verstehen.  

Sonotronics Miniature Submersible Ultrasonic Receiver (MiniSUR) Tags wurden zusätzlich mit Unterwasser-Kameras (FinCams) ausgestattet, um weitere Informationen über das Verhalten der Weißen Haie vor Guadalupe zu sammeln. Bilddaten werden vor allem zur Identifikation nicht-markierter Haie und Beute genutzt. 

Tagging-Vorgang 

Die Weißen Haie werden mittels Köder zu den Forschungsbooten gelockt. Das Anbringen der Tags erfolgt je nach Bauart direkt vom Boot aus oder durch Freitauchende im Wasser. Beide Tag-Arten werden an der Rückenflosse des Tieres verankert; die VMT-Tags werden mithilfe einer Harpune eingestochen, die MiniSUR werden mit einer Klammervorrichtung direkt an die Flosse geklemmt. Bei beiden Anbringungsarten sind keinerlei negativen Auswirkungen auf die Haie bekannt.  

Bei der Entnahme der Tags unterscheiden sich jedoch die beiden Sensoren-Arten. Die MiniSUR lösen sich nach spätestens 12 Tagen vom Tier ab und treiben – dank eines integrierten Auftriebskörpers – an die Oberfläche. Anhand von Satellitensignalen können sie zeitnah gefunden und eingesammelt werden. Das Auslesen der Daten erfolgt nach erfolgreichem Auffinden der Tags. 

Die VMT-Tags verbleiben bis zu 10 Monate am Hai. Die Entnahme der Tags erfolgt wie beim Anbringen entweder durch Freitauchende oder per Hand vom Boot aus. Auch die Entnahme birgt keine Risiken für die Haie. Die Daten werden durch Auslesegeräte gespeichert und verwertet. Sollte eine Entnahme des Tags nach 10 Monaten nicht möglich sein – etwa, weil das Tier nicht nach Guadalupe zurückgekehrt ist – verbleibt der Tag am Hai, hört aber auf, Daten zu sammeln, sobald die integrierten Batterien aufgebraucht sind. Der Hai hat durch ein Verbleiben des Tags keinerlei Nachteile.  

Leider kommt es regelmäßig zu Verlusten der Tags, sei es durch unbeabsichtigtes Ablösen durch Revierkämpfe und Paarungsverhalten, Änderung der Migrationsrouten oder den Tod des Tieres.

Projektverlauf

2015 Projektstart

Um das Projekt zu finanzieren, fanden bereits mehrere Charity-Veranstaltungen statt:

  • 8. Oktober 2016 in Wien
  • 3. März 2017 die Hai Noon in Köln
  • 12. Mai 2017 in Zürich bei der Shark Night im Masoala Regenwald des Zürcher Zoos 
  • 13. Oktober 2018 in Wien im Arcotel Wimberger
  • 2019 in Zürich

11. Oktober bis 15. Oktober 2017: Epic Shark Expedition/Guadalupe, weitere 6 VMTs wurden nach der Sharkproject Expedition von Dr. Mauricio Hoyos gesetzt.

13. Oktober 2018: Die Dokumentation zur Umsetzung des Projekts von der Epic Shark Expedition im Oktober 2017 wurde auf der SharkNight Vienna im Arcotel Wimberger Wien präsentiert. Anwesend: Dr. Mauricio Hoyos, Frederic Buyle und Dr. Yannis Peter Papastamatiou.

Oktober 2018: Epische Hai-Expedition/Guadalupe

2020 war Guadalupe aufgrund der Covid-19-Pandemie leider für uns nicht erreichbar. Daher konnte noch keiner der VMTs von den Haien abgenommen werden. Aber das spannende Filmmaterial von den Fincam-Tags wird derzeit analysiert und ausgewertet. Wir warten gespannt darauf, was die Großen Weißen Haie gefilmt haben.

September/Oktober 2021: Reise der Sharkproject-Projektleiter Herbert und Gabriela Futterknecht nach Guadalupe, um sich einen Überblick über die aktuelle Lage zu verschaffen. Pläne zur Wiederaufnahme und Zukunft des Projekts werden zeitnah bekannt gegeben.

Guadalupe
Guadalupe
Guadalupe - Fred Buyle, Alex Voyer, Herbert Futterknecht