Das bekannteste Ökolabel für nachhaltige Fischerei hält nicht, was es verspricht. Aufforderung an den Marine Stewardship Council (MSC), die Verordnungen einzuhalten

MSC – Make Stewardship Count

Überfischung, Artensterben und die Ökosysteme im Meer, die Grundlage allen Lebens auf der Erde, stehen kurz vor dem Zusammenbruch! Es bedarf daher jetzt all unserer Anstrengungen um diesen Niedergang noch umzukehren. Oberste Priorität muss dabei die Nachhaltigkeit haben - bei allem, was wir tun.

Zu diesem Zweck wurde das MSC-Umweltsiegel ins Leben gerufen. Es soll Transparenz und nachhaltige Fischerei garantieren, indem es nur solche Fischereien zertifiziert, die zumindest die festgelegten Anforderungen seines Fischereistandards erfüllen. Die Verbraucher sollen den Versprechungen des "Goldstandards" unter den Ökosiegeln für Meeresfrüchte Glauben schenken können.

Doch was ist zu tun, wenn genau dieses Siegel gegen seine eigenen Absichten handelt? In dem Bestreben, sein eigenes Wachstum zu maximieren, hat das MSC bei der Zertifizierung von Fischereien zunehmend gegen seine eigenen Ansprüche an Nachhaltigkeit und Transparenz verstoßen. Immer mehr Fischereien wurden mit dem Siegel ausgezeichnet, obwohl sie offensichtlich nicht nachhaltige Praktiken anwenden und sich ihre Fangtätigkeiten negativ auf empfindliche Arten und Lebensräume auswirken.

Um diesen Trend zu stoppen, haben sich zahlreiche Organisationen in der Koalition "Make Stewardship Count" zusammengeschlossen. Die Koalition hat dabei nicht die Absicht, das MSC zu zerstören, sondern arbeitet im Gegenteil daran, dem MSC zu helfen, seine Standardanforderungen zu verbessern, damit es wieder zu dem werden kann, was es einmal war, nämlich ein "Goldstandard" für nachhaltige Meeresfrüchte. Denn eines ist ganz klar: Wir brauchen viel mehr Transparenz und mehr echte Nachhaltigkeit, um das Ruder für den Meeresschutz herumzureißen. Und Siegel, denen die Verbraucher vertrauen können, dass sie wirklich für diese Werte stehen, sind ein wichtiger Baustein, für die Erreichung dieses Ziels.

Jetzt ist die letzte Chance für das MSC, auf dem Wasser wirklich noch etwas Positives zu bewirken!

Wird es dem Marine Stewardship Council (MSC) gelingen, seinen Fischereistandard jetzt dahingehend zu verbessern, dass bedrohte (ETP für „Endangered, Threatened and Protected“) Arten wirklich geschützt werden, die Verschwendung von Leben aus dem Meer reduziert wird, das Finning von Haifischen auf dem Meer aufhört und die Zerstörung sensibler Lebensräume durch MSC-zertifizierte Fischereien endet?

Nach der mehrjährigen Überprüfung wird der Vorstand jetzt im Juni entscheiden ob und welche Teile des am 1. Februar vorgelegten Standardentwurfs, der bis zum 4. April in einer öffentlichen Konsultation kommentiert werden konnte, letztendlich in den neuen Standard übernommen werden, bevor dieser dann gegen Ende des Jahres veröffentlicht wird. Wir haben uns seit Beginn des Jahres 2018 an der Überprüfung der Fischereistandards (FSR) beteiligt, haben an vielen Workshops und öffentlichen Konsultationen teilgenommen und unzählige Briefe geschrieben, .... Doch nun ist es die letzte Chance, dafür zu sorgen, dass das MSC dieses Mal das Richtige tut. 

Als Teil von Make Stewardship Count und gemeinsam mit vielen anderen Organisationen und verantwortungsvollen Einzelhändlern haben wir kritische Verbesserungen zum Prinzip 2 des Standards, der Bewertung von Beifang und der Auswirkungen auf das Ökosystem, gefordert und die Vorschläge des MSC über den gesamten Konsultationsprozess hinweg verbessert und nachgeschärt, denn wir sind davon überzeugt, dass nur ein deutlich verbesserter Standard letztendlich gewährleisten wird, dass das blaue Label tatsächlich sein Versprechen von "zertifiziert nachhaltigen Meeresfrüchten" und "Ozeanen voller Leben" erfüllen kann.

Und in der Tat begrüßen wir, dass der im Februar veröffentlichte Entwurf des Standards viele gute Absichten enthält, um z.B.

  • Das Abtrennen von Haifischflossen (Finning) auf See endlich einzudämmen, indem von allen Fischereien, die Haie fangen oder als Beifang haben, verlangt wird, dass sie vor der Zertifizierung nachweisen müssen, dass sie Vorschrift befolgen keine Flossen aus See abzutrennen sondern die gefangenen Haie samt aller auf natürliche Weise am Körper befindlichen Flossen (FNA oder „Fins Naturally Attached“ Vorschrift) anzulanden sofern sie nicht direkt wieder freigelassen werden – und zwar ohne Ausnahme.
  • Verstärkung des Schutzes gefährdeter, bedrohter und geschützter ETP Arten und Verpflichtung der zertifizierten Fischereien Maßnahmen zu treffen um deren Sterblichkeit zu minimieren
  • Verbot der Beeinträchtigung von Meeressäugern durch die Fischerei, z. B. durch das Setzen von Ringwadennetzen um Delfinschulen herum, um den mit den Delfinen im Verbund schwimmenden Thunfischschwarm zu fangen
  • Vorschrift eines Mindestmaßes an unabhängiger Beobachtung um quantitative Belege für die Bewertung der Auswirkungen einer Fischerei auf z.B. Beifang an ETP-Arten oder deren Auswirkungen auf empfindliche Lebensräume im Meer zu haben

Dies könnte insgesamt die Messlatte wirklich höher legen, Verbesserungen vorantreiben und die Zertifizierung all dieser Fischereien verhindern, die wir in den letzten Jahren als Interessenvertreter in Form von Kommentierung oder gar dem Einspruch gegen diese Zertifizierungen immer wieder heftig kritisiert haben - bisher allerdings immer ohne Erfolg, da der aktuelle Standard die Zertifizierung all dieser nicht nachhaltigen Fischereien ganz legal zulässt.

Leider enthält der Entwurf des Standards in seiner jetzigen Form aber immer noch mehrere gewaltige Schlupflöcher, die dringend geschlossen werden müssen, bevor der endgültige Text des Standards im Laufe dieses Jahres veröffentlicht wird. Wenn diesbezüglich keine Nachbesserung stattfindet, wird dieser neue Standard wieder einmal keine Verbesserungen auf dem Wasser bringen und auch in Zukunft nicht dazu beitragen die Glaubwürdigkeit des ehemaligen "Goldstandards" der Nachhaltigkeitssiegel wiederherzustellen.

In unserem Beitrag zur jüngsten Konsultation im April haben wir daher unsere Bedenken ausführlich dargelegt und das MSC darauf hingewiesen, dass der jetzige Entwurf dringend überarbeitet werden muss und dass eine überarbeitete Version vor der Veröffentlichung des endgültigen Textes dann unbedingt nochmals allen Interessengruppen vorgestellt und mit ihnen diskutiert werden sollte.

Nach fast fünf Jahren der Standardüberprüfung ist es nun wichtig, diesen Standard DIESESMAL entscheidend zu verbessern, auch wenn sich dadurch die Veröffentlichung des endgültigen Textes nochmals um ein paar Monate verzögern sollte. Da es eine dreijährige Übergangszeit für die Fischerei und zusätzliche Ausnahmen für die Gültigkeit geben wird, wird der neue Standard auf dem Wasser nicht vor 2030 in Kraft treten. Der derzeitige Entwurf des Standards muss insbesondere in folgenden Punkten verbessert werden, um die bestehenden Schlupflöcher zu schließen und die Intention des Standards tatsächlich umzusetzen.

  • Die Anforderung, den Fang von ETP-Arten oder OOS (Out Of Scope) Arten, die niemals zertifiziert werden können auf ein absolutes Minimum zu reduzieren, könnte eine echte Verbesserung darstellen, ABER durch die Definition von "auf ein Minimum reduzieren" als "ist in diesem Zusammenhang so auszulegen, dass der Fang auf das kleinstmögliche Maß reduziert wird, ohne die Sicherheit der Besatzung zu beeinträchtigen, die Fangmenge der eigentlich gewollten Fänge um mehr als 10 % zu beeinträchtigen oder sich negativ auf andere Arten oder Lebensräume auszuwirken" wird verhindert, dass diese Bestimmung etwas bewirkt. Denn wirtschaftliche Gründe überwiegen weiterhin und ermöglichen es den Fischereien dann auch in Zukunft, nicht auf selektivere Fangmethoden umzusteigen oder wirksame Strategien zur Vermeidung von Beifang oder zumindest zur Reduzierung dessen Sterberate anzuwenden.
  • Im Standard fehlen wichtige Definitionen, die stattdessen in den nicht verbindlichen Leitlinien zum Fischereistandard enthalten sind. Noch bedenklicher ist es, dass im gesamten Standard viele entscheidende Bestimmungen nicht klar geregelt sind, sondern sich weiterhin auf das "Expertenurteil" des Bewertungsteams verlassen. Dadurch haben die Teams (CAB Conformity Assessment Body), die die Bewertungen durchführen und über die Zertifizierung von Fischereien entscheiden, einen übermäßig großen Ermessensspielraum bei der Auslegung der Anforderungen und der Auswahl der zulässigen Maßnahmen, die sie für angemessen halten. Des weiteren können sie sich sogar über das vorgeschlagene Mindestmaß an "unabhängiger Beobachtung" hinwegsetzen, das in den Nachweisanforderungen für die Bewertung der Auswirkungen der Fischerei auf andere Arten und die Lebensräume im Meer jetzt festgelegt ist.
  • Die Festlegung klarer Anforderungen für die erforderlichen Informationen und insbesondere für ein Mindestmaß an unabhängiger Beobachtung sind sehr zu begrüßen, allerdings ist die neue Toolbox, die das MSC zu diesem Zweck vorgeschlagen hat, übermäßig kompliziert und weist erhebliche Schlupflöcher auf. Die vorgeschlagenen Mindestquoten für unabhängige Verifizierung der Daten stellen zwar eine echte Verbesserung dar, sind aber so wie vorgeschlagen nur für die Bewertung einiger weniger Bewertungsindikatoren (Scoring Issues SIs) erforderlich, während dies für die Bewertung der Einhaltung einer „Fins Naturally Attached“ Regelung oder die Bewertung der Einhaltung von Anforderungen aus dem Prinzip 3 des Standards (Management) derzeit nicht vorgesehen ist.
  • „Fins Naturally Attached“ als Voraussetzung für die Zertifizierung einer Fischerei stellt zwar eine wesentliche Verbesserung des Standards dar, wird aber auf dem Wasser nichts ändern, wenn die Einhaltung einer solchen FNA-Politik nicht auch unabhängig überwacht wird. Anstelle eines risikobasierten Ansatzes für die Festlegung der erforderlichen Mindestquoten für die unabhängige Überwachung, wie von Sharkproject und vielen anderen Interessengruppen gefordert, hat sich das MSC leider für den „Toolbox“-Ansatz entschieden, der verlangt, dass alle Fischereien die gleichen Anforderungen erfüllen müssen, aber nichtsdestoweniger bedarf es in jedem Fall die Anwendung dieser Mindestquoten an unabhängiger Beobachtung als Voraussetzung für die Bewertung ALLER Bewertungskriterien inklusive der Einhaltung von Maßnahmen wir FNA.
  • Da der Entwurf des Standards zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht vollständig ausgearbeitet und getestet war, befanden sich wichtige Teile des Standards und insbesondere Teile der Toolbox, einschließlich der vorgeschlagenen Mindestquoten, zum Zeitpunkt der Konsultation noch in eckigen Klammern und könnten im Laufe der weiteren Überprüfung durch das MSC in den Sitzungen des Technischen Beirats (TAC), des Stakeholder-Beirats (STAC) und der Vorstandssitzung im Mai/Juni ohne weitere öffentliche Konsultation nochmals geändert werden. Darüber hinaus wird es weitere Expertentreffen zwischen dem MSC und den CABs und möglicherweise auch mit der Fischerei geben, aber soweit bekannt keine weitere öffentliche Konsultation oder Diskussion mit den verschiedenen Interessensvertretern.

Alle Ausführungen zu unseren Bedenken und unsere Verbesserungsvorschläge sind in unserer schriftlichen Eingabe vom 3. April 2022 im Detail zu finden.

Hintergrundinformationen

Fallbeispiele von Zertifizierungen von schädlicher Fischerei:

  • Eine Thunfischfischerei in Mexiko setzt ihre Ringwadennetze gezielt über Delphinschulen aus, um so einen in deren Nähe vermuteten Fischschwarm zu fangen. Zwar werden die Delphine kurz vor dem Einholen der Netze herausgetrieben oder von Tauchern befreit, aber diese Methode führt dennoch oftmals zu schweren Verletzungen oder zum Tod der Tiere und stellt einen permanenten Stressfaktor für die kleinen oder gar gefährdeten Bestände dar. Die Fischerei wurde trotz weltweiter Kritik und eines Einspruchs des WWF als „nachhaltig“ zertifiziert. Kürzlich wurde bekannt, dass genau diese Fischerei sogar in Meeresschutzgebieten fischt, in denen der Fischfang verboten ist.
  • Die größte Thunfischfischerei im westlichen und mittleren Pazifik (PNA) mit einem Fangvolumen von über 1,2 Millionen Tonnen Thunfisch (Bonito und Gelbflossenthunfisch) soll für die Hälfte ihres Fanges rezertifiziert werden, weil dieser Teil mit einer Fangmethode (freie Netze) gefangen wird, der wenig Beifang verursacht. Die Fischerei setzt allerdings auch eine sehr schädliche Ausprägung dieser Fangmethode ein. Dabei werden sogenannte FADs, künstliche Flöße, ausgesetzt. Unter diesen suchen viele Fische Schutz vor Fressfeinden. Darunter viele junge Thunfische, aber auch Seidenhaie, die beim Einholen der Netze dieser Fischerei als Beifang zum Opfer fallen. Die genauen Zahlen sind nicht bekannt, da dieser Teil der Fischerei  nicht MSC-zertifiziert ist und daher keine Daten erfasst werden müssen. Dass dadurch jährlich fast 68.000 Haien sterben, wird nicht weiter bewertet. Nicht nur das: Beobachter berichteten auch in über 300 Fällen von „Finning“.
  • Eine auf Schwertfisch ausgerichtete, kanadische Langleinenfischerei wurde kürzlich rezertifiziert, obwohl für den Fang von nur 20.000 Schwertfischen jährlich 100.000 Haie (meistens Blauhaie) als ungewollter Beifang gefangen und tot oder sterbend über Bord geworfen werden. Mindestens 1.200 gefährdete Meeresschildkröten sind ebenfalls als Beifang dieser Fischerei betroffen.

Ziel

Die Allianz appelliert an den MSC, den Dialog aufzunehmen, um die Forderungen zügig umzusetzen. Diese sieben Forderungskategorien umfassen folgende Themengebiete:

  • Die gesamte Auswirkung der zu zertifizierenden Fischerei auf das marine Ökosystem ist zu betrachten und dabei sind sowohl Einflüsse von MSC zertifizierten Fischereien als auch die aller anderen Fischereien in einem Gebiet zu berücksichtigen
  • Alle Fangaktivitäten einer Fischerei für die Zielspezies müssen im Rahmen der Bewertung betrachtet werden
  • MSC-zertifizierte Fischereien dürfen nicht zur Zerstörung der Artenvielfalt der Meeresböden beitragen
  • Die zur Zertifizierung der Fischerei verwendeten Daten müssen transparent und vollständig und für die am Bewertungsprozess beteiligten Umweltschutzorganisationen überprüfbar sein
  • Auflagen für die Zertifizierung einer Fischerei müssen vor der ersten Re-Zertifizierung vollständig erfüllt sein
  • Die Bewertung einer Fischerei hinsichtlich der gewünschten Zertifizierung darf nur durch Zertifizierungsagenturen erfolgen, die wirtschaftlich von der zu zertifizierenden Fischerei unabhängig sind und nicht von dieser beauftragt oder direkt bezahlt werden
  • Der MSC muss den wissenschaftlichen Standard und die Nachhaltigkeitsziele des Programms proaktiv überprüfen und aufrechterhalten

Das Steering Commitee besteht aus:

  • Shannon Arnold (Ecology Action Centre, Canada)
  • Dr. CAT Dorey (Consultant (Fish, Fisheries, & Science Communication), Australia)
  • Kate O’Connell (Animal Welfare Institute, USA)
  • Dr. Iris Ziegler (Sharkproject)

Involvierte Partner

Eine Übersicht über alle Partner findest du hier:

https://www.make-stewardship-count.org/partners/

Projektverlauf

2018
Kampagnenstart der Sharkproject Kampagne "Return to Sustainability" mit einem offenen Brief an den Marine Stewardship Council (MSC)

2019
Umbenennung der Kampagne zu "Make Stewardship Count". Die Kampagne wird ein eigenständiger Verein mit Sitz in der Schweiz mit zahlreichen Partnerorganisationen.

2022

Schriftliche Eingabe von Sharkproject im Rahmen der Konsultation von MSC im April 2022 mit dem Hinweis, dass der jetzige Entwurf des MSC-Standards dringend überarbeitet werden muss.

2022

Gemeinsamer Brief von Partnern und Händlern (wie MIGROS) and den MSC vom 13.05.2022, mit dem Aufruf die notwendigen Änderungen im MSC-Standard beizubehalten und auch gegen den Widerstand der Industrie durchzusetzen.