3. Juni 2017 .he

Zwei mal drei macht vier – Meeressiegel Scheinbar Clever

(c) SHARKPROJECT et NGOs

SHARKPROJECT greift den MSC an – es ist keine Nachhaltigkeit des Siegels gewährleistet. Umdenken und Neuausrichtung des MSC ist unverzichtbar.

Zwei mal drei macht vier, widewidewitt, und drei macht neune, ich mach mir die Welt, widewidewie sie mir gefällt.“ Der Marine Stewart Councilship (MSC) scheint sich dieses Kinderlied als Motto ausgesucht zu haben. Eine post- oder alternativfaktische Interpretation mag modern sein: richtig und zutreffend ist sie nicht. Der MSC blendet nachteilige Bestandteile einzelner Fischereien aus, um dem verbleibenden Rest isoliert die Nachhaltigkeit zu bescheinigen. In der Gesamtschau steht aber fest, dass zertifizierte Fänge Raubbau an den Meeren darstellen.

Messestandansicht (c) F. Kremer-Obrock / Sharkproject

Messestandansicht (c) F. Kremer-Obrock / Sharkproject

Wir hatten Anfang des Jahres bereits als Thema unseres Standes auf der „boot“ auf ein laufendes Zertifizierungsverfahren hingewiesen, bei dem zwei spanische Fischereien ein MSC-Siegel für den Langleinenfang auf Schwertfisch als ’nachhaltig‘ beantragt hatten. Die Zahlen ließen uns gruseln: lediglich 14% des Gesamtfangs besteht aus Schwertfisch. 86% aller Tiere, die mit den Longlines aus dem Meer gerissen werden, sind andere Fische, Beifang. Und dieser Beifang teilt sich auf in 3% irgendwelcher Arten, und 83% Blauhaie und Makohaie. Der MSC war tatsächlich kurz davor, diesen Fischereien das MSC-Siegel zu verleihen, und damit 83% Hai-Beifang mit Scheuklappen auszublenden. „… widewidewie sie mir gefällt.“

Eine weltweite Aktionsgruppe von über 50 NGOs und NPOs unter Koordination von SHARKPROJECT hat damals einen Brandbrief an den MSC gerichtet, und öffentlich auf diesen Unfug hingewiesen. Kurz danach zogen die Fischereien ihre Anträge zurück – eine Zertifzierung ist (aktuell zumindest) nicht mehr anstehend.

Doch kaum ist diese Runde gefochten, steht der nächste Gegner parat, und diesmal im beschleunigten Eilverfahren und in ganz anderen Mengen: fünf riesige Fangschiffe von je mehr als 100m Länge und einer Masse von 1.700 BRT sollen für den indischen Ozean zertifiziert werden, Schiffe aus Spanien und von den Seychellen. In Ringwadennetzen soll Bonito gefangen werden, der in Europa gerne als Thunfischersatz genommene Skipjack. Ein erstes Verfahren konnte durch einige Umweltschutzorganisationen verhindert werden.

Fish Aggregating Device (FAD) / (c) Paul Hilton / Greenpeace

Fish Aggregating Device (FAD) / (c) Paul Hilton / Greenpeace

Ist es ein Zufall, dass genau dieses Antragsverfahren als Pilotprojekt eines neuen Eilverfahrens mit beschränkten Einspruchsmöglichkeiten erfolgt? Der MSC „testet“ dieses neue, schnellere Verfahren ausgerechnet für eine Fischerei, die bereits einmal durchgefallen ist. „Drei mal drei macht sechs“ … ein Schelm, der Böses dabei denkt.
Denn auch dieses Verfahren hat es in sich: Maximal die Hälfte der Fische, die gefangen werden, sind tatsächlich Bonito. Fast der gesamte Restfang (für den MSC: Beifang) besteht aus Gelbflossenthunfisch und Großaugenthunfisch. Man muss kein Spezialist sein um zu wissen, dass diese Tiere einen besonders hohen Wert haben. Es ist also durchaus plausibel, dass der ‚Beifang‘ hier der eigentliche ‚Zielfisch‘ ist.

SHARKPROJECT treibt zudem besonders an, dass etwa 6.000 Seidenhaie jährlich von diesen Schiffen gefangen werden. Ab Ende 2017 wird diese Art Appendix II der CITES-Vereinbarung unterfallen, ist damit also (dann) artgeschützt.

Ungeachtet dieser erschreckenden Wiederholung der selektiven Wahrnehmung des MSC ist auch die Fangtechnik anzusprechen, die angeblich ’nachhaltig‘ sein soll: Es werden kleine künstliche Schwimminseln abgesetzt, um die herum sich recht schnell kleine Ökosysteme bilden, mit verschiedenen Fischarten bis hin zu den größeren Raubfischen am oberen Ende des Nahrungsnetzes. Aber auch Schildkröten, Meeressäuger und bisweilen Vögel siedeln um diese Flöße. Die Fischereien legen dann ein Ringnetz um das ganze herum und hieven es komplett an Bord der Riesenschiffe, ohne jegliche Selektion. Es ist klar, dass der Beifang immens sein muss.

Noch etwas blendet der MSC vollständig aus: Fischereischiffe sind verpflichtet, am Automatischen Identifikations-System AIS teilzunehmen, bei dem ständig ein Signal ausgesandt wird, das Ort und Tätigkeit des Schiffs offenlegt. Jeder (auch wir) soll sehen können, welche Schiffe gerade wo auf Fischfang unterwegs sind. Die 5 betroffenen Riesenschiffe indes haben ihr AIS ausgeschaltet, als sie in Dienst gestellt wurden, und fahren seitdem „unter dem Radar“. Diesen Bruch internationalen Rechts ignoriert der MSC. SHARKPROJECT fragt sich: was haben diese Schiffe zu verheimlichen?

Screenshot https://www.marinetraffic.com

Screenshot https://www.marinetraffic.com

SHARKPROJECT koordiniert die inzwischen auf etwa 60 Organisationen angewachsene Allianz, die dem MSC nun genauer auf die Finger schauen. Es ist offensichtlich, dass der Marine Stewart Councilship nicht (mehr) hinreichend auf echte Nachhaltigkeit prüft, sondern im Interesse der Zertifikatsvergabe oft nicht mehr richtig hinschaut. Die Meere sind immer mehr überfischt, es gibt also immer weniger wirklich nachhaltig fangbare Fischgebiete. Damit muss es eigentlich immer weniger MSC-Zertifikate geben – was dem MSC immer weniger Gebühren einbringt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

In einem ersten Termin in Brüssel Anfang Mai zeigte sich, dass der MSC gesprächsbereit ist. Er wurde aufgefordert, sinnvolle Standards einzuhalten, die eine wissenschaftliche, unbefangene und vor allem von Eigeninteressen vollkommen freie Bewertung der Fischereien ermöglichen. Schnellverfahren, selektive Teilprüfungen oder Scheuklappen müssen ebenso ausgeschlossen sein wie Prüfungen auf den Schiffen sicher zu stellen sind. Wer Prüfungen durch den MSC verhindert – z.B. durch Abschalten des AIS oder Fälschen von Fangprotokollen etc. – muss sofort das Siegel aberkannt bekommen. Nur dann kann das Siegel wieder zu dem ursprünglich guten Zertifikat zurück finden, das dem Konsumenten die Wahl nachhaltig gefangenen Fischs ermöglicht.

Derzeit muss man feststellen: das MSC-Siegel ist nicht glaubwürdig. Es wurden und werden Fischereien zertifiziert, bei denen durch Fangmethode oder Zählweise eine Beifangmenge ‚übersehen‘ wird, die nicht ignoriert werden darf. Ändert der MSC sein Verhalten nicht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis er vom Markt verschwinden muss. Vielleicht versteht man rechtzeitig, dass das auch dem MSC nicht nützt.

SHARKPROJECT bleibt dran.

Eine ausführlichere Darstellung der Lage ist hier als PDF zum Download verfügbar (hier klicken, 369 kB).

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