23. September 2014 .he

Status Azorenkampagne 2014 – „Sie werden immer kleiner …“

(c) Friederike Kremer-Obrock

Die SHARKPROJECT-Campaigner Friederike Kremer-Obrock und Meik Obrock sind frisch von den Azoren zurück – mit erschreckenden, bedrückenden Informationen:

„Im Sommer 2012 dokumentierte SHARKPROJECT das erste Mal die Haianlandungen im Hafen von Horta auf der Azoren-Insel Faial. Dort werden bis zum heutigen Tage von spanischen Haifängern Blau- und Makohaie für den Weitertransport auf das spanische Festland in Überseecontainer verladen. Diese Fischer haben eine offizielle Lizenz zum Fang von Schwertfischen, landen aber zu 95% als „Beifang“ Haie an.

Offizielle Kreise bestätigen uns auf Nachfrage in Horta angelandete 2 800 Tonnen Hai pro Jahr. Wir selbst errechneten anhand der uns vorliegenden Daten sogar eine Zahl von 5 000 Tonnen Hai pro Jahr. Im gesamten Nordatlantik fischen die Spanier und Portugiesen mit Ihren Langleinen jährlich im Schnitt 60 000 Tonnen Blauhai und Makohai (ICCAT).

Gegenüberstellung Fotos 2012 / 2013 (c) Gerald Nowak, Anja Webersberger, Christine Gstöttner

Gegenüberstellung Fotos 2012 / 2013
(c) Gerald Nowak, Anja Webersberger, Christine Gstöttner

Im Juli 2013 trat das neue EU-Recht in Kraft, durch das das Finning ein für alle mal gebannt wird. Seither müssen die Fischer Haie mit den Flossen am Körper anlanden. In einem Gespräch mit der Lokalregierung der Azoren wurde uns im Juli 2013 versichert, dass das neue EU-Recht für ein Drittel der Spanischen Haifänger das finanzielle Aus bedeuten werde. Gleichzeitig versicherte man uns, dass auf den Schiffen nicht gefinnt wurde, und verwies auf die nun aufwändigere Lagerung der Haie in den Kühlkammern der Schiffe. Dieses wirtschaftliche Aus scheint sich zu bestätigen: In 2014 landen in der Tat laut unserer lokalen Quellen bei weitem weniger spanische Schiffe Haie im Hafen von Horta an. Auch die schwimmenden Fischfabriken im Kanal zwischen Faial und Pico sind verschwunden.

Man könnte meinen, dass dies eine positive Entwicklung ist. Aber, wie so oft, muss man genauer hinsehen, um der Wahrheit nahe zu kommen: Die Haie werden trotz Flossen am Körper nicht minder effektiv gelagert. Somit stellt sich die Frage, warum es plötzlich für ein Drittel der Fischer nicht mehr lukrativ ist? Im Gegenschluss: wurde bis Juli 2013 gefinnt, um die um ein Vielfaches teureren Flossen nach Asien zu exportieren?

Gegenüberstellung Fotos 2014

Gegenüberstellung Fotos 2014
(c) Friederike Kremer-Obrock

Dieses Jahr dann, als wir (wie immer unangekündigt) vor Ort recherchierten, mussten wir folgendes notieren: Am 28. Juli 2014 landete die Manuel Alba unter spanischer Flagge mit Heimathafen Vigo ca. 90 Tonnen Fisch, überwiegend Hai, im Hafen von Horta an. Oberflächlich betrachtet: das gleiche Bild wie in der Vergangenheit. Wieder wird aus dem Schiff über 16 Stunden direkt in die Überseecontainer entladen. Schaut man aber genauer hin, entdeckt man signifikante Unterschiede. Zum einen besteht die Besatzung mittlerweile zum Großteil aus Phillipinos, die für einen Hungerlohn auf diesen Schiffen arbeiten, vermutlich um die Lohnkosten der Eigner zu senken.

Zum anderen werden immer kleinere, jüngere Haie entladen. Waren es 2012 noch durchweg erwachsene Blauhaie und sehr große Makohaie, die entladen wurden, so hängen nun überwiegend junge Exemplare an dem Haken des Krans. Sie werden immer kleiner …

Ansonsten ist gleich geblieben, dass der „Beifang“ zu 95% Blau- und Makohai ist. Die Jagdgründe liegen vor Neufundland (Kanada). Auf Nachfrage wurde uns zu unserer Bestürzung bestätigt, dass sich die Jagd in den Gewässern der Azoren nicht mehr lohnt, da die Haie inzwischen zu klein sind, und die Menge damit zu gering ist.

Bedenkt man nun, dass laut aktueller Studien des Meeresinstituts der Universität Lissabon die Kinderstube der Blauhaie und diverser anderer geschützter Haiarten wie dem Hammerhai in den Gewässern der Azoren liegt, und dass sich laut dieser Studien die Tiere aus dem Gebiet der Azoren in den gesamten Nordatlantik bewegen, sollten eigentlich bei allen Beteiligten die Alarmglocken angehen.

Bewegungen Blauhaie Nord-Atlantik Studie August 2014

Bewegungen Blauhaie Nord-Atlantik Studie August 2014

Fakt ist, dass die Tauchbasen einen signifikanten Rückgang der Haie auch in Schutzgebieten wie den Condor Banks beklagen. Tummelten sich in 2011/12 noch zwischen fünf und zehn, in Spitzenzeiten sogar über ein Dutzend Haie um die Taucher an den Condor Banks, so reduzierte sich dies in 2013 auf einen Schnitt von drei bis vier Haie. In 2014 konnten nur mit Glück noch zwei Tiere pro Tauchgang gesehen werden, meistens sogar nur ein Hai. Die Tauchbasen schlagen Alarm, ist doch gerade der Tauchtourismus eine lukrative Einnahmequelle für die Insulaner in den Sommermonaten.

Bisher galten die Azoren als der Hai-Tauchspot vor den Haustüren Europas. Dies wird wohl, wenn es so weiter geht, schon bald der Vergangenheit angehören.

Die Forderung von SHARKPROJECT nach einem großen Meeres-Schutzgebiet rund um die Azoren, das nur der nachhaltigen lokalen Fischerei zu Verfügung steht, verhallen bislang im Nichts. Immer wieder wurden wir von lokalen Fischern angesprochen, dass etwas getan werden müsse, um die Hai-Anlandungen zu stoppen.

(c) Friederike Kremer-Obrock

(c) Friederike Kremer-Obrock

Hierbei muss ganz klar gesagt werden, dass auf den Azoren-Inseln kaum einmal „Hai“ auf der Speisekarte der Insulaner steht. Allenfalls in einigen touristisch orientierten Restaurants findet man Hai auf der Karte; wenn halt bei lokalen Fischern mal ein Hai am Haken hängt, wird er verwertet. Es gibt aber keinen gezielten lokalen Haifang auf den Azoren, mit einer Ausnahme: Auf Sao Miguel findet sich durchaus auch Hai in der Supermarkttheke. Die lokale Fangstatistik besagt somit nur einen geringen Anstieg an Haifang in den Jahren 2011-13, der im Verhältnis zu den Gesamtzahlen eher vernachlässigt werden kann. Einzig die lokale Tiefseelangleinenfischerei stellt ein großes Problem für das Ökosystem der Azoren dar, das auf Dauer gelöst werden muss.

Wir haben die Lokalregierung in Person des Regionaldirektors für Maritime Angelegenheiten auf Faial um eine offizielle Stellungnahme zur aktuellen Lage gebeten, aber bis heute jedenfalls keine Antworten auf unsere Fragen erhalten.

Dabei sind einige wichtige Fragen unbeantwortet: Gern hätten wir gewusst, ob und inwieweit die Anlandungen im Hafen von Horta seit Juli 2013 zurück gegangen sind. Auch hätte uns interessiert, was die Lokalregierung gegen die Ausrottung der Blau- und Makohaie unternehmen will. Sieht sie diese Arten überhaupt als gefährdet an? Betrachtet sie das touristische Image der Azoren durch die Haianlandungen in Horta als beschädigt?

SHARKPROJECT fordert die Einrichtung eines 200-Seemeilen-Schutzgebietes um die Azoren – wie realistisch ist die Umsetzung in politischer Hinsicht? Denn: Dass dieses Schutzgebiet auf Dauer kommen muss, steht außer Frage; anders kann die „Kinderstube der Haie“ im Nordatlantik nicht nachhaltig geschützt werden.

(c) Friederike Kremer-Obrock

(c) Friederike Kremer-Obrock

Inzwischen geklärt ist die Antwort auf die Frage, wo eigentlich der Hai, der in den Häfen Europas angelandet wird, konsumiert wird: Bei uns!

Die Nachfrage nach Haiflossen nimmt in Asien (erfreulicherweise) kontinuierlich ab. Die europäische Nachfrage nach Haifleisch nimmt aber dagegen kontinuierlich zu. Die Flossen des Hais, die nach Asien exportiert werden, machen ohnehin nur 5% des Körpers aus; 95% des Tiers, nämlich das Fleisch, werden gar nicht aus Europa heraus exportiert, sondern werden hier konsumiert, auch in Deutschland.

Wir Europäer konsumieren dieses Haifleisch in diversen Speise-Formen, als Fish & Chips, als Seeaal oder Rock Salmon, als Schillerlocke, als Haisteak beim Mongolen um die Ecke oder (oft fast vergessen) als Grundlage künstlich hergestellter Fischprodukte uind Nahrungsergänzungsmittelchen.

Längst ist gar nicht mehr Asien unsere „Hauptbaustelle“ – Europa rückt zunehmend in den Fokus. In Spanien, Italien, Frankreich, England und Rumänien wird Hai mit steigender Tendenz konsumiert – und eben auch bei uns, in Deutschland.

Dem muss entgegen gewirkt werden, zumal das Fleisch der Tiere in extrem hohen Maße mit Methylquecksilber belastet ist, was neben Hai auch für Schwertfisch und den beliebten Thunfisch gilt.

Doch noch einmal zurück zu den Azoren:
Über Wasser, nach außen hin, präsentieren sich die Azoren weiterhin mit einem sauberem Ökotourismus-Image. Auf den grünen Inseln fällt vermehrt eine recht konsequente Mülltrennung auf. Vor jedem Haushalt auf Flores stehen gelbe, grüne, blaue und schwarze Tonnen; ein Recyclingwerk hat seine Arbeit aufgenommen. Ehrgeizig: ab 2016 soll die Insel komplett über erneuerbare Energien mit Strom versorgt werden. Ein großes Wasserkraftwerk ist bereits in Bau.

Plastikumgang Horta 2014 (c) Meik Obrock

Plastikumgang Horta 2014 (c) Meik Obrock

Dies alles aber steht im krassen Widerspruch zum Verhalten der Einwohner, insbesondere dem Plastikkonsum: In den Supermärkten werden zu Hauf Plastiktüten kostenlos vergeben. Da kann es schon einmal vorkommen, dass man in einem Einkaufwagen bis zu zwanzig einzelne Tüten zählt. Tüten, die nicht alle stets den Weg in nachhaltige Wiederverwendeung finden, sondern oft genug den „kurzen Weg“ in Natur und Wasser geweht werden. Immerhin dies soll ab 2015 ein Ende haben: Plastiktüten sollen nach Plänen der Lokalregierung in Zukunft kostenpflichtig werden, so dass dieser Konsum hoffentlich zurück geht.

Porto Pim / Horta 2014 (c) Friederike Kremer-Obrock

Porto Pim / Horta 2014
(c) Friederike Kremer-Obrock

Bleibt zu wünschen, dass diese Umweltgedanken endlich auch unterhalb der Wasserlinie, in den Meeren rund um die Azoren umgesetzt werden; dass die Lokalregierung endlich begreift, wie wichtig ökonomisch und ökologisch ein gesunder Ozean ist. Ein konsequenter Schutz der Haibestände der Azoren ist essentiell für das Ökosystem des Nordatlantik.

Es ist fünf nach 12, auch wenn dies einige noch nicht begriffen haben.“

 

Fotos (c) SHARKPROJECT / Friederike Kremer-Obrock, Meik Obrock, Gerald Nowak, Anja Webersberger, Christine Gstöttner, Plos.One

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