28. Juni 2018 .he

SHARKPROJECT spezifiziert und archiviert beschlagnahmte Haiflossen

Foto: Friederike Kremer-Obrock / SHARKPROJECT

3 Tonnen Flossen, Fraport Frankfurt.

Mitte April 2018 nach diversen Schriftwechseln und Bemühungen erfolgt der Anruf des Hauptzollamts Frankfurt/Main: „Kommen sie vorbei und holen CITES-Flossen für SHARKPROJECT ab. Der Rest wird verbrannt, etwa 400 kg sollen verbrannt werden!“

Wie es kam, dass SHARKPROJECT rechtmäßiger Eigentümer einiger Haiflossen wurde.

Foto: Friederike Kremer-Obrock / SHARKPROJECT

Foto: Friederike Kremer-Obrock / SHARKPROJECT

Frühjahr 2018 in Frankfurt. Ein Cargo-Flugzeug aus Mexiko bringt 3 Tonnen (3000 kg) Haiflossen mit einem geschätzten Marktwert von 3 Millionen Euro. Aufmerksame Zollbeamte am Frankfurter Flughafen haben die Sendung im Cargo-Bereich entdeckt und vorerst beschlagnahmt. Unter Mitwirkung der Experten des Zoologischen Staatsarchivs München wurde die gesamte Ladung begutachtet, die gen Hongkong weitergehen sollte.

Es war ja offensichtlich, dass es sich um Haiflossen handelte. Das stand offen und unverhohlen auf den Transportkisten, mit dem dezenten Hinweis, diese vor jeglicher Feuchtigkeit geschützt zu lagern.

Foto: Friederike Kremer-Obrock / SHARKPROJECT

Foto: Friederike Kremer-Obrock / SHARKPROJECT

Die Aufgabe bestand vielmehr darin zu prüfen, ob Arten vorhanden waren, deren Transport und Handel durch CITES verboten ist. Dies gilt (leider) nur für 12 der über 500 Haiarten. Sofern solche CITES-geschützten Flossen in der Sendung wären, müssten diese beschlagnahmt werden; alle anderen Flossen waren nach (leider) geltendem Recht bei zutreffender Deklaration zum Weiterflug nach Hongkong freizugeben.

Das klingt einfacher, als es ist. So lange die Flosse sich am Hai befindet, ist es relativ einfach, die Art zu bestimmen. Aber getrocknet und zu Dutzenden in Kartons gestapelt – das ist schon weit komplizierter. Es fehlt jegliche Relation zur Größe des Tiers, das Trocknen ändert Farbe und Größe und deformiert teilweise – und dann liegen zudem noch alle Flossen wild durcheinander gewürfelt. Es wollen ja auch Brustflossen, Rückenflossen, Analflossen und Schwanzflossen aller Arten und Größen unterschieden werden.Das geht alleine mit dem guten Flossen-Führer der FAO und allgemein erreichbarer Literatur nicht mehr.

Deshalb rief der Zoll die Experten auf den Plan. Jürgen Pollerspöck vom Staatsarchiv München sortierte in Frankfurt alle 3000 Kilo Haiflossen um; eine gute Vorsortierung. Jeder, der jemals mit getrockneten Haiflossen zu tun hatte, weiß, dass dies kein Vergnügen ist. Damit meine ich nicht nur, dass es einem aus purem Mitleid für die Tierqualen die Tränen in die Augen treibt. Man wünscht sich zudem, keinen Geruchssinn zu haben, glaubt mir.

Offensichtlich handelte es sich um Flossen, die mittels ‚Finning‘ von den Tieren getrennt wurden – die Flossen werden sofort bereits an Bord der Schiffe getrocknet und erhalten deshalb ein typisches Loch vom Aufhängen in der Sonne. Fast jede zweite Flosse trug dieses auch aus vielen Dokus bekannte Loch. Erschütternd!

Die erste Arbeit war dann endlich vollbracht, 400 kg aussortiert. 400 kg Flossen, von Haien, die CITES-geschützt sind. Sofort erkennbar: Weißspitzen-Hochseehai (Carcharhinus longimanus) und Seidenhai (Carcharhinus falciformis). Andere Arten sind schwieriger zu bestimmen. Hier beginnt nun die eigentliche wissenschaftliche Arbeit. In München möchte man genetisch genau bestimmen, um welche Arten es sich handelt. So kann zukünftig weltweit der Zoll von dieser Arbeit profitieren; denn je mehr Daten von Haiflossen vorhanden sind, umso einfacher kann man bei Funden und Beschlagnahmungen an Flughäfen und Lagerstätten Flossen sofort bestimmen – und ggf. beschlagnahmen und strafrechtliche Nachweise gegen handelnde Personen führen.

Foto: Friederike Kremer-Obrock / SHARKPROJECT

Foto: Friederike Kremer-Obrock / SHARKPROJECT

Mitte April: SHARKPROJECT übernimmt

Hauptzollamt Bad Hersfeld, der Tag der Abholung für SHARKPROJECT. Es ist heiß, 32°C und das Lager stickig, das Rolltor fährt hoch, es verschlägt den Zollbeamten und mir sprichwörtlich den Atem. Ein infernalischer Gestank nach Ammoniak und Aas. Die Kartons liegen vor uns, eigentlich nicht mehr viele. Eben jene 400 kg der CITES-Arten abzüglich der Flossen, die bereits in München lagern.
Der Rest ist bereits auf dem Weg weiter nach Hongkong. 2,6 Tonnen, in erster Linie Blauhai und einige andere (leider noch ungeschützte) Arten. Der Händler in Asien wird die etwa 400.000 € Kollateralschaden durch den Verlust der CITES-Arten sicherlich bemerken, aber wirtschaftlich verkraften. Mehr hat er realistisch nicht zu befürchten.

Es ist anstrengend. Wir arbeiten Karton für Karton durch. Was wir nicht nehmen, wird verbrannt. Wir sortieren. Was ist auffällig? Was muss mit, damit es vor der Einäscherung gerettet wird? Longimanus, den Weißspitzen-Hochseehai, erkennt man sofort. Dann, ganz unten, man muss tief wühlen, finden wir auch die besonders großen Flossen, Brustflossen bis zu 70 Zentimeter lang. Wir finden leider auch ganz kleine Rückenflossen: Seidenhaie, vermutlich gerade ein paar Monate alt. Es ist immer wieder erschütternd.

Wir nehmen mehrere Dutzend Flossen mit. Über das Geruchserlebnis des Transports im Pkw ins Rheinland schweigen wir, um die Erinnerung nicht wieder allzu präsent werden zu lassen. Es gibt nichts vergleichbares.

Foto: Friederike Kremer-Obrock / SHARKPROJECT

Foto: Friederike Kremer-Obrock / SHARKPROJECT

Das Archiv der Finnen

Ein maßgeblicher und wohlsortierter Teil der Flossen lagert nun in München und bei SHARKPROJECT. Die Sammlung wird derzeit, jede einzelne Flosse für sich, katalogisiert und archiviert. Bis Ende des Jahres 2018 soll die Arbeit in Zusammenarbeit mit der Uni München abgeschlossen sein. Der Rest der 400 kg Haiflossen von CITES-Arten wurde im Auftrag des Zolls rechtskonform verbrannt.

Die gefinnten Haie erhalten nunmehr noch einen Zweck. Sie sind ein Mahnmal für eine „unmenschliche“ Praxis, die sich so perfide nur der Mensch ausdenken kann.

116 einzelne Flossen geschützter Arten haben ihren Weg in das Archiv bei SHARKPROJECT gefunden, wo sie jetzt genetisch bestimmt und katalogiosiert werden. Unter den strengen Regeln, die uns das Hauptzollamt und die Gesetze vorgeben, werden wir sie für unsere Öffentlichkeitsarbeit nutzen und auch präsentieren können und der Wissenschaft und Forschung zur Verfügung stellen.

Und eine Forderung an den Gesetzgeber schließen wir an: Es müssen über die Verträge der CITES hinaus Gesetze gegen solche Handelssysteme geschaffen werden! Kann man nicht die gesamte Ladung beschlagnahmen und vernichten, sobald sich auch nur eine einzige geschützte Art in einer Ladung findet?Dies würde dem Händler deutlicher zeigen, dass der Handel mit CITES-Arten nicht nur unerwünscht ist, sondern auch unlukrativ. SHARKPROJECT findet es unfassbar, dass bei 400 kg geschützter Flossen dem Händler die restliche Gewinnerwartung von über 2,6 Millionen Euro bleibt. CITES zu verletzen darf kein Kavaliersdelikt sein, es muss ernsthafte und spürbare Konsequenzen haben! Hier ist der Gesetzgeber für effektivere Artenschutzgesetze gefragt!

Unser besonderer Dank gilt dem Hauptzollamt in Bad Hersfeld, den Beamten des Zolls am Fraport und den Experten des Zoologischen Staatsarchivs in München, denen wir zu verdanken haben, dass Bestimmungen von Flossen in Zukunft schneller und zielgerichteter möglich sein werden.

 

Text / Fotos: Friederike Kremer-Obrock / SHARKPROJECT

 

 

SPENDEN & HELFEN

Sie möchten uns unterstützen?
Wir freuen uns immer, über jede Art von Hilfe…

 

Länderauswahl