15. Januar 2018 admin

SHARKPROJECT nimmt an Anhörung des Britischen Parlaments zum MSC teil

Der Marine Stewartship Council (MSC) wurde zu einer Anhörung in das Britische Parlament geladen. Derzeit 10 der Abgeordneten des Unterhauses haben sich der „On The Hook“-Coalition angeschlossen, der auch SHARKPROJECT angehört. Vier dieser Members of Parliament luden den Vorstand des MSC formell nach London ein, um diesen zur Zertifizierung zu befragen.

Für SHARKPROJECT nahm die Germany-Vorsitzende Friederike Kremer-Obrock hat an diesem Termin teilgenommen und in einem Statement unsere Auffassung vertreten.

An diesem 4. Dezember 2017 empfingen die MPs Richard Benyon (ehemaliger Fischereiminister), Zac Goldsmith, James Heappey und Kerry McCarthy im Parlamentsgebäude die Vertreter von sechs NGOs, nämlich John Burton (World Wise Foods), Isabella Gornall (Maintland Green), Frédéric Le Manach (BLOOM), Charles Redfurn (Fish 4 Ever), Professor Callum Roberts (University of York) und Timothy Wild (Maintland Green) und Friederike Kremer-Obrock in Vertretung von Dr. Iris Ziegler (SHARKPROJECT).

Worum es geht

Die „On The Hook“-Coalition setzt sich aus Parlamentsmitgliedern, NGOs, Supermarktketten, Wissenschaftlern und bekannten Persönlichkeiten zusammen, die den MSC-Praktiken speziell zur PNA-Fischerei nicht tatenlos zusehen wollen. Die englische Abkürzung PNA steht für ‚Parties to the Nauru Agreement‘ und bezeichnet die Mitgliedsstaaten des Nauru-Abkommens. Über dieses Bündnis haben sich acht Inselstaaten in Ozeanien durch eine subregionale Übereinkunft auf das Management der Thunfischfischerei in ihren ausschließlichen Wirtschaftszonen und benachbarten Hoheitsgebieten geeinigt. Von der Zertifizierung abgedeckt sind von den Mitgliedsstaaten lizenzierte Fangschiffe, die in den ausschließlichen Wirtschaftszonen von Papua-Neuguinea, Kiribati, Nauru, Palau, der Föderierten Staaten von Mikronesien, der Marshall-Inseln, den Salomonen und Tuvalu mit Ringwaden fischen. Diese zweitgrößte Thunfisch-Fischerei der Welt mit ca. 300 Industrieschiffen agiert im West- und Zentralpazifik mit Ringwadennetzen und sogenannten FADs und ist bereits seit 2011 MSC-zertifiziert. Die erneute Zertifizierung steht an – und darf mit aktuellen Standards nach unserer Auffassung nicht erteilt werden.

Hintergründe

Ringwadenfischerei ist eine industrielle Fischerei mit großen Schiffen, deren Fang sofort an Bord eingefroren wird. Für diese Fischerei, die weltweit den größten Anteil am Thunfischfang ausmacht, kommen sehr häufig sog. FADs (Fishing Aggregation Devices) zum Einsatz. FADs sind Flöße, die aus allem zusammengezimmert werden, was schwimmt und damit brauchbar ist, auch Plastiktonnen und -stangen, Bambus und Holz, die im offenen Ozean Fische anlocken sollen. Im Schutz dieser vermeidlichen Rettungsinseln versammeln sich ganze Ökosysteme von Fischen, allen voran Bonito und Gelbflossen-Thunfisch, dem Hauptfang der PNA. Es handelt sich oft um Jungfische, aber auch um Schildkröten, Haie, Seevögeln, Delfine und Wale.
Oftmals werden unterhalb der FADs große Netze angebracht, alte Fischernetze, ausgedient, aber noch gut genug, um als trügerischen Schutz für Jungfische herzuhalten. Was mit den Haien passiert, , die sich in den Netzen verfangen und dort qualvoll sterben, wird nicht ermittelt – im West und Zentralpazifik sind dies in erster Linie Seidenhaie, die auf der Roten Liste Bedrohter Arten der IUCN kürzlich auf „von der Ausrottung bedroht“ hochgestuft wurden, und die im CITES Appendix II aufgeführt sind.
Die PNA-Schiffe betreiben dabei einen „partitionierten Daycatch“: einen guten Teil des Tages fischen sie im Rahmen der zertifizierten Fischerei mit Ringwadennetzen ohne FADs. Aber: da sie schon auf hoher See in der Nähe sind, fahren sie zu den FADs und fischen dort außerhalb des Zertifikats mit freitreibenden FADs.
Die Ringwade wird ringförmig um das FADs ausgelegt, und dann wird das gesamte Mikro-Ökosystem um das FAD angehoben. Unter der tonnenschweren Last werden Bonitos, Thunfische, Jungfische aller Couleur, Haie, Schildkröten und Delfine eingequetscht und getötet. Es gibt aus der Ringwade kein Entrinnen. Selbst wenn der ungewollte Beifang dann nach dem Einholen des Netzes an Bord aussortiert und wieder ins Meer zurückgeworfen wird, sind die Tiere überwiegend bereits tot oder sterben gerade. Dies gilt insbesondere auch für die Haie, allen voran die Seidenhaie, die mit 88% den größten Anteil am Beifang dieser Art der Fischerei ausmachen.

Die Zertifizierer des MSC gehen so weit, dass sie vermeintlich nachhaltige MSC-Fischerei in Entfernung von nur einer Seemeile zu den FADs akzeptieren. Seit der Zertifizierung in 2011 hat sich alleine der Einsatz von FADs bei PNA mehr als verdoppelt, wodurch auch der Beifang an Haien und Meeressäugern enorm gestiegen ist. Alleine die PNA-Fischerei verwendet derzeit jedes Jahr offiziell 80.000 drifting FADs, die Dunkelziffer liegt weit höher.

Die Auswirkungen für Verbraucher sind in deutschen Kühltheken sichtbar: beispielsweise „Wagner Bio-Pizza Tuna“ und „Wagner Big-Pizza Tuna“ sind mit MSC-Siegel-Bonito belegt, „FAO 71 Ringwade“. Die „Wagner Tuna Piccolinis“ daneben ist ebenfalls mit Bonito aus „FAO 71 Ringwade“ belegt, aber ohne MSC-Siegel. Beide Tageswerke des partitionierten Daycatch kommen nebeneinander zu liegen – der MSC ignoriert diese paradoxe Situation – ob Wagner bei der Produktion akribisch trennt, ist unbekannt, aber letztlich auch nicht entscheidend.

Viele dieser treibenden Flöße gehen auch irgendwann verloren. Sie driften in Korallenriffe, sinken ab, oder bleiben als Geisternetze in den Ozeanen zurück. Diese töten dann über 400 Jahre hinweg alles, was sich in ihnen verfängt, nicht nur Haie, sondern auch Schildkröten, Vögel und Meeressäuger.
Der Beifang an Seidenhaien ist dramatisch. Schätzungen gehen von 68.000 Tieren jedes Jahr aus, eine Masse, die bis zu 90% tot wieder über Bord geworfen wird.

Dies akzeptiert der MSC und bezeichnet es weiterhin als ,nachhaltig‘, seit 2011, und zertifiziert es.

Auf den PNA-Schiffen wird bis heute auch ,Finning‘ betrieben, die besonders brutale Methode, Haie zu töten. Dem noch lebendem Hai werden die Flossen abgeschnitten; das Tier wird dann einfach über Bord in das Meer geworfen. Dort verendet es qualvoll über Tage – es erstickt oder wird bei lebendigen Leibe von anderen Fischen aufgefressen.

Die Re-Zertifizierung für weitere fünf Jahre ist bereits von den Conformity Assessment Bodies (CAB) empfohlen worden; nur aufgrund eines Einspruchs ist die Zertifizierung aktuell bis Anfang 2018 ausgesetzt. Es steht zu befürchten, dass die laxen Standards des MSC zulassen, dass die PNA-Fischerei re-zertifiziert wird.

„On The Hook“ agiert dagegen

MP Richard Benyon stellte den Personen des MSC-Vorstands (CEO Rupert Howes sowie Dr. David Agnew, Toby Middleton, Claire Pescod und James Simpson) die Frage, wie Verbraucher in das MSC-Label vertrauen können sollen, wenn augenscheinlich nicht nachhaltige Fischereien wie PNA zertifiziert werden. Er machte gemeinsam mit den Abgeordneten Zac Goldsmith und James Heappey sehr deutlich, dass nach seiner (und unserer) Auffassung der Verbraucher in die Irre geführt wird. Die anwesenden Members of Parliament seien eindeutig nicht bereit, dies länger hinzunehmen: Werde der MSC seine Praktiken nicht in Kürze ändern, werde man die Öffentlichkeit umfassend informieren und erforderlichenfalls von dem Label abraten.

Der Vorsitzende des MSC, Rupert Howes, entgegnete, dass der MSC nun seit 20 Jahren gute Arbeit leiste, und dass man diese Erfolge nicht zerstören dürfe. Er verwies gemeinsam mit Dr. David Agnew darauf, dass letztlich nicht der MSC die Zertifikatsentscheidungen treffe, sondern die Zertifizierungsbüros, die sog. CABs. Der MSC sei transparent, und man solle sehr genau darüber nachdenken, bevor man die Arbeit von 20 Jahren zerstöre. Es sei immer noch besser, 50% der Fischereien wie bei PNA zu zertifizieren, als gar nicht zu zertifizieren: dann würde alles im Dunklen verschwinden.
Außerdem benötige man Zeit – mindestens bis 2020 dauere es, Änderungen des Systems einzuführen. Dies sei der normale Fünfjahresturnus, in dem man arbeite. Dieser Aussage müssen wir alleine unter Hinweis auf die Verhandlungen mit SHARKPROJECT im Frühjahr letzten Jahres in Brüssel widersprechen: der MSC hatte bereits mehr als ein halbes Jahr Zeit, und es hat sich nach eigenes Aussage des Vorstands des MSC nichts getan, obwohl gegenüber SHARKPROJECT im April 2017 Zugeständnisse und Zusagen gemacht worden waren.

Die Abgeordneten Goldsmith und Heappey setzten – unterstützt durch die NGOs – im Rahmen der Diskussion den MSC weiter unter Druck. Sie beharrten darauf, dass sie theoretisch bereit sein müssten, auch die Arbeit von 20 Jahren zu zerstören, wenn sich das Label als nicht nachhaltig herausstelle und es zeige, dass es nicht schleunigst bereits im Laufe des Jahres 2018 drastische Änderungen herbeiführen wolle.

Dr. Agnew vom MSC verwies nun darauf, dass man große Erfolge bei nachhaltigen Fischereien habe. Beispielsweise sei die norwegische Fischerei zu 67% MSC-zertifiziert, die dänische Fischerei zu 90%, und die isländische Fischerei gar zu 100%.

Professor Callum Rogers von der University of York erwiderte hierauf sehr eindeutig: Wie könne, bitte, eine Fischerei ,nachhaltig‘ sein, hier z.B.  die isländische, wenn alleine durch sie jährlich 900 Robben und 5.000 Seevögel sterben? Eine Fischerei, die vielleicht eine Hälfte des Jahres ,nachhaltig‘ fisch, aber (mit den gleichen Booten und Menschen) die andere Hälfte des Jahres auf Walfang gehe?

Aussicht

Ob die anwesenden Vertreter des MSC verstanden haben, dass ein „Weiter-so“ nicht erfolgen wird, bleibt abzuwarten. Der MSC ist, so weit feststellbar ist, auch nach diesem Termin am 4. Dezember nicht bereit, kurzfristig seine Praktiken zu ändern. Er spielt offenbar auf Zeit, um weitere lukrative und nicht-nachhaltige Fischereien zu zertifizieren.

Mit der Anhörung im Britischen Parlament ist aber eine neue Dimension im Kampf für wirklich nachhaltige Fischereipraktiken erreicht. Dank der „On The Hook“-Coalition und dem Engagement der Members of Parliament, gemeinsam mit uns und den anderen Unterstützern, kann aktuell tatsächlich erreicht werden, den MSC davon abzuhalten, die PNA-Fischerei erneut zu zertifizieren. Es ist denkbar, dass eine geänderte Praxis eines wirklich nachhaltigen Fischens eingeführt wird.

Das Engagement von SHARKPROJECT „gegen“ den MSC geht allerdings noch darüber hinaus.

Weltweit müssen die Praktiken der MSC-Zertifikate kritisch hinterfragt und weitgehend korrigiert werden. Es wird nicht hingenommen, wenn Fischereien zertifiziert werden, die enorme Beifangzahlen an streng geschützten Arten haben, oder die bis zu 50% Hai als Beifang haben, oder die einen Teil des Tages nachhaltig und die andere Hälfte des Tages nicht nachhaltig fischen, oder die auch Wale fangen, um nur einige Beispiele verwerflicher Fischereimethoden zu benennen, die aktuell mit MSC-Label praktiziert werden dürfen. SHARKPROJECT verschließt hier nicht due Augen – auch nicht vor dem Hintergrund von 20 Jahren erfolgreicher MSC-Arbeit.

Wir wollen das MSC-Zertifikat wieder zu dem werden zu lassen, was es als gute Grundidee einmal war: ein „Nachhaltigkeitssiegel“, dem man wirklich vertrauen kann.

Fotos und Text: Friederike Kremer-Obrock

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