21. Juli 2015 admin

SHARKPROJECT erkundet Europas größten Haiumschlagplatz im spanischen Vigo

(c) SHARKPROJECT, Wolfram Koch

Vigo liegt in der Region Galicien an der rauen, regenreichen Atlantikküste Nordspaniens, nicht weit entfernt von Santiago de Compostela, dem Ziel des bekannten Jakobsweges. Weitaus weniger bekannt: In dieser idyllischen Region befindet sich das europäische Zentrum des gnadenlosen Abschlachtens der großen Räuber des Golfstroms.

30% aller immer noch weltweit gehandelten Haiflossen kommen aus Europa, und Vigo ist einer der Hauptumschlagplätze. SHARKPROJECT Germany wollte vor Ort recherchieren, welche Fangmengen angelandet werden, und wie diese (und wohin) weiter gehandelt werden. Unsere dafür wiederholt ausgesprochenen Bitten um Drehgenehmigung wurden noch nicht einmal von der Hafenbehörde beantwortet. So machte sich im Mai 2015 ein Team von SHARKPROJECT auf, um diesen Ort an drei aufeinander folgenden Tagen und Nächten zu erkunden und die Erkenntnisse (mit versteckter Kamera) zu dokumentieren. Das Hafengelände selbst ist zwar offen zugänglich, wird aber von der Polizei bewacht. Diese setzt auch die Geheimniskrämerei durch: private Kameras sind strikt verboten! Journalisten sind unerwünscht.

In Vigo werden Makohai und Blauhai neben Schwertfisch und Thunfisch entladen und gehandelt. Die Haifangflotten haben eine offizielle Lizenz für den Schwertfischfang. Sie landen jedoch oftmals ausschließlich Hai an, in erster Linie Blauhai und somit 100% Beifang. Ihre Fanggebiete liegen vor Neufundland/Kanada und im Bereich der Azoren, aber auch vor der Küste Englands. Die Spanier als mit Abstand größte Haifangnation Europas fangen Blauhai, wo immer ihn die Meeresströmungen an die bis zu 100 Kilometer langen Langleinen mit ihren bis zu 20.000 Haken treiben. Laut ICCAT-Report 2013 summierten sich die Fangmengen der spanischen Fischer mit ihren Longlining-Flotten alleine im Atlantik auf 43.000 Tonnen Blauhai und 7.300 Tonnen Makohai. Portugal als zweitgrößte Haifangnation Europas folgt in der Statistik mit mit 6.150 Tonnen Blauhai und 3.500 Tonnen Makohai im Jahr 2012.

(c) SHARKPROJECT / Wolfram Koch

(c) SHARKPROJECT / Wolfram Koch

Die Großfischhalle, in der die Haie und Schwertfische auf großen Europaletten aufgebahrt sind, ist vergleichsweise klein im Verhältnis zu der eigentlichen Fischauktionshalle. Auf der Größe eines Fußballfeldes werden alle anderen Fischarten gehandelt. Ein Geruch von Fisch gepaart mit Ammoniak schlägt jedem entgegen, der die Großfischhalle betritt. Der ausliegende Hai ist zwar fangfrisch, doch durch die besonders im Haifleisch hochdosiert vorhandenen Harnstoffe setzt der Verwesungsprozess besonders schnell ein. In Vigo werden täglich Dutzende Tonnen Blauhai, Makohai, Schwertfisch und einige Thunfische versteigert. Der Anteil an Blauhai überwiegt. Schon beim ersten Blick fällt auf, dass der Großteil der Haie eine sehr geringe Körpergröße aufweist. Dieses Bild kennt SHARKPROJECT schon von den Azoren. Der Grund liegt darin, dass inzwischen die junge Generation abgefischt wird, und nur wenige ältere Tiere; ein alarmierendes Zeichen, nun auch hier in Vigo. Am ersten Tag des SHARKPROJECT-Einsatzes beobachten wir die Versteigerung von ca.12 Tonnen Blauhai, vornehmlich nicht geschlechtsreife Tiere. Hinzu kommen 12 Makohaie und nur ein paar Dutzend Schwertfische, das eigentlich „offiziell“ gewollte Ziel des Fangs.

(c) SHARKPROJECT / Wolfram Koch

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An den folgenden beiden Tagen der Recherche legen vier weitere Schiffe an. Eines kommt wieder von den Azoren, ein anderes kam von Neufundland nach Vigo. Es werden an diesem zweiten Tag rund 26 Tonnen entladen – ausschließlich Blauhai. Am dritten Tag folgen weitere 22 Tonnen.

Zwei Flottenverbände aus Spanien, CEPESCA und OR.PA.GU, haben 2014 tatsächlich das MSC-Siegel für den Blauhaifang beantragt. Es bleibt zwar abzuwarten, ob der MSC diese Fänge überhaupt als „nachhaltig“ qualifizieren könnte – es wäre aber ein Wiederspruch in sich, wenn „Longlining“ als MSC-Siegel-fähige Fangtechnik zertifiziert würde. Denn diese Methode, mit der in Europa 98% aller Haie gefangen werden, kann nicht „nachhaltig“ sein, da sie nicht auswählt, was an den Haken hängen bleibt (was allzu oft auch Seeschildkröten, Seevögel und sonstigen Beifang umfasst).

Alle örtlichen Firmen, die SHARKPROJECT vor Ort als getarntes, neutrales Kamerateam anruft, um näheres zu recherchieren, lehnen ein Interview zu diesem Thema ab oder verweisen auf andere Ansprechpartner. Fragen sind generell unerwünscht. Somit bleibt für uns vorerst die Frage offen, was mit geschützten Arten passiert, die unweigerlich auch an den Langleinen hängen.

Unabhängige Experten bestätigen uns später das leider naheliegende und befürchtete Szenario: Gängige Praxis auf allen Longlining-Schiffen ist es, geschützte Haie (wie Fuchshai, Weißspitzen-Hochseehai oder Hammerhai) lebend oder tot wieder ins Meer zurückzuwerfen, da sie in der EU nicht angelandet werden dürfen. Auf hoher See finden meistens keine Kontrollen statt. Da diese Tiere sich zu diesem Zeitpunkt oft bereits länger als einen Tag an der Langleine befunden haben, sind sie als Hochseehaie unrettbar zum Tode verurteilt. Was dann noch „offiziell“ angelandet wird, ist der legale Rest des Gesamtfangs, in Übereinstimmung mit dem EU-Recht. SHARKPROJECT fragt sich, was das mit Nachhaltigkeit und dem MSC-Anspruch zu tun hat, den die zwei Verbände beantragt haben und ist gespannt auf die Entscheidungen des MSC in naher Zukunft.

(c) SHARKPROJECT / Wolfram Koch

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In der dritten Nacht landet die Siempre Juan Luis einen Großteil der 22 Tonnen Hai an. Genauso wie zwei weitere Haifänger, die wir im Hafen entdecken, ist sie unserem Team bereits von den Azoren bekannt, wo die drei Schiffe regelmäßig anlegen. Die Siempre Juan Luis kann bis zu 70 Tonnen Fisch laden. Hierfür wird eine weitere Hafenanlage mit diversen Hallen in der Bucht von Vigo genutzt, fernab von den Auktionshallen. Dorthin wird der bereits tiefgefrorene Hai gebracht, nicht öffentlich zugänglich, nur von der Autobahnbrücke über die Bucht einsehbar. Durch örtliche Insider-Informationen und die Tracking-Daten der Schiffe kristallisiert sich mehr und mehr heraus, dass viele Schiffe der spanischen Longlining-Flotte die Azoren als zweites Standbein einer mehrwöchigen Fangtour nutzen, um die Haifanggründe vor Neufundland auszubeuten; der dortige Fang ist beim Verlassen der Azoren bereits tiefgefroren verarbeitet an Bord. Auf dem Rückweg nach Vigo, dem Heimathafen, werden dann zusätzlich die Seegebiete südlich der Azoren befischt und der Rest der Schiffbäuche frisch gefüllt. In diesem Teil des Atlantiks liegt die Kinderstube vieler bedrohter Haiarten, aber auch des Blauhais, der als noch nicht bedroht eingestuft wird und somit im frischen Zustand in der Auktionshalle landet. Die Forderung mehrerer spanischer, portugiesischer und deutscher Umweltschutzorganisationen ein Gebiet von 200 Seemeilen um die Azoren als Meeresschutzgebiet für die Kinderstube der bedrohten Haiarten des Atlantiks zu etablieren, verhallen in der Politik genauso wie der dringende Apell den Fangdruck auf die Haie des Atlantiks zu reduzieren.

Aktuelle Zahlen einer großangelegten Studie, die für SHARKPROJECT angefertigt wurde, beweisen zweifelsfrei, dass Portugal aktuell in großem Stil in das Geschäft mit Hai einsteigt – die Importzahlen stiegen um fast das doppelte, die Exportzahlen von 2013 zu 2014 sogar um mehr als das doppelte. Die wirtschaftlichen Verstrickungen des In- und Exports mit Spanien lassen den Schluss zu, dass die beiden benachbarten Nationen im Haigeschäft sehr eng kooperieren.

(c) SHARKPROJECT / Wolfram Koch

(c) SHARKPROJECT / Wolfram Koch

Der spanischen Haifangbranche geht es dabei eigentlich nicht einmal gut. Der weltweite Preis für Haiflossen ist in den vergangenen zwei Jahren drastisch um fast die Hälfte gefallen. Der Flossenkonsum ist in Südchina dank umfangreicher Aufklärung um 84% gesunken. Viele Staaten (wie Kalifornien mit seiner größten chinesischen Gemeinde außerhalb Chinas) haben den Handel mit Haiflossen gesetzlich verboten. Aber noch ist die Nachfrage nicht zusammengebrochen, es besteht immer noch eine große Nachfrage an Haiflossen in Asien.

Da aber seit Juli 2013 in der EU alle Haie mit allen Flossen am Körper angelandet werden müssen, erreicht das Land nunmehr ein riesiger Berg an Haifleisch, den man loswerden muss. Früher wurde das Tier ohne Flossen beim „Finning“ einfach auf hoher See ins Meer entsorgt. Wer konsumiert in Europa diese Massen an Haifleisch? Die Antwort ist erschreckend: Wir Europäer selbst sind die Konsumenten! Deutschland importierte 2014 bereits 296 Tonnen, vornehmlich Blauhai und Mako, gegenüber 265 Tonnen noch in 2013. Diese Mengen bestehen zum Großteil aus verarbeiteten Produkten wie Haisteaks, für die jedoch weit mehr als die importierten 296 Tonnen Haie gestorben sind. Weitere 250 Tonnen Dornhai kamen z.B 2013 aus den USA für „Schillerlocken“ hinzu. Insgesamt konsumiert Deutschland jährlich weit über 600 Tonnen Hai, umgerechnet auf das Lebendgewicht der Tiere.

Das mag im Vergleich zu anderen europäischen Staaten vergleichsweise wenig sein. Aber inzwischen findet sich in fast jedem Live-Event-Buffet beim „Mongolen“ um die Ecke Hai in der Auslage, in Restaurants, die dies immer noch als „Hip“ ansehen. Deutsche Fischhändler verkaufen bis heute unverändert Schillerlocken, den Bauchlappen des Dornhai, obwohl diese Tiere unter offiziellem Artenschutz stehen und die Bestände im Nordatlantik um 95% zurückgegangen sind.

(c) SHARKPROJECT / Wolfram Koch

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SHARKPROJECT-Fazit: Vorbei sind die Zeiten, in denen wir Europäer beim Haikonsum tadelnd nach Asien verwiesen haben. Wir sind hier in Europa nicht besser aufgestellt.

Die europäischen Konsumenten sollten umdenken, es liegt in ihrer Hand: Werden keine Haiprodukte gekauft, bricht der Markt hierfür zusammen. Der Raubbau an der Natur geschieht aktuell bei uns, genau hier vor unserer Haustür – nicht nur weit weg in Asien. Europa muss dies jetzt verstehen – und kann dagegen handeln!

Text: Friederike Kremer-Obrock, Präsidentin SHARKPROJECT Germany e.V.; Bilder: Wolfram Koch; (c) SHARKPROJECT

21.7.2015

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