28. Oktober 2017 .he

SHARKPROJECT bei der Konferenz zur „Ony-by-one“-Fischerei

Foto (c) Meik Obrock / SHARKPROJECT

Im Rahmen der Azorenkampagne hat SHARKPROJECT bei einer internationalen Konferenz zur „One-by-one“-Fischerei teilgenommen. Diese fand in unmittelbarer Nähe zu massiven Anlandungen gefangener Haie statt.

„One-by-one“-Fischerei

Man erkennt die Schiffe der Pole-and-Line-Fischerei sofort. Vor dem flachen Heck, das mit Bambusangeln bestückt ist, an denen Kunststoffköder hängen, befinden sich kleine Tanks, in denen lebende Anchovis schwimmen. Die kleinen Sardellen sind der lebende Köderfisch für die Bonito- oder Thunfischschwärme, auf die es die Fischer dieser nachhaltigen Fischerei abgesehen haben. Meist lokal mit kleinen Schiffen organisiert, fahren die Fischer der Azoren im Sommer während der Thunfischsaison fast täglich auf das Meer hinaus.
Viele Thunfische fangen sie allerdings nicht mehr. Die Quote für die lokalen Fischer der Azoren lag 2017 bei 5.000 Tonnen; gefangen hat man in der gesamten Saison 1.000 Tonnen. Wie in den Jahren zuvor bereits fiel der Thunfischfang fast ganz aus. Grund ist, dass die Thunfisch-Schwärme des Nordatlantiks von den großen Fangflotten gnadenlos überfischt werden. Dramatisch für die lokalen Fischer, die seit Generationen mit dieser besonders nachhaltigen Methode ohne jeglichen Beifang den sogenannten „One-by-One“-Fischfang betreiben. Jeder einzelne Fisch wird mit der Angel gefangen und sofort entschieden, ob er die richtige lohnende Größe hat; wenn nein, wird er wieder ausgesetzt.

Daher fand auch die erste weltweite Konferenz mit über 200 Vertretern der One-by-One Fischerei auf den Azoren in Horta am 16. bis 17. Oktober 2017 statt. Nach zwei Tagen mit Vorträgen, Diskussionen und Workshops waren sich die Teilnehmer einig, dass die Pole-and-Line-Fischerei besser vermarket werden muss. Vielen Einzelhandelsunternehmen und Verbrauchern ist diese besonders nachhaltig agierende Fischerei kaum oder gar nicht bekannt.

Foto (c) Meik Obrock / SHARKPROJECT

Foto (c) Meik Obrock / SHARKPROJECT

Die Vorsitzende von SHARKPROJECT Germany, Friederike Kremer-Obrock, leitete auf dieser Konferenz das Forum für Nachhaltigkeit. Die Teilnehmer übten große Kritik an dem Einsatz sogenannter FADs (Fishing Aggregation Devices). FADs sind Flöße, die im Meer treiben, teils mit alten Fischernetzen darunter, bewusst ausgesetzt, um als vermeintlicher Schutz Fische anzulocken. Im Schutz dieser FADs und Netze bilden sich Mikro-Ökosysteme, die dann von den Ringwadennetzen eingeschlossen werden – um dann in Gänze an Bord der großen Industriefangschiffe gehievt werden.
Alleine die MSC-zertifizierte PNA-Fischerei im Westpazifik mit annähernd 300 Industrieschiffen setzt jedes Jahr 80.000 FADs aus. Die Dunkelziffer dürfte tatsächlich noch weit höher sein: Eine Hälfte des Tages fischt PNA ohne FADs und damit „nachhaltig“ (soweit die Ringwadenfischerei mit ihren dramatischen Zahlen an Hai-Beifang überhaupt so genannt werden kann). Die andere Hälfte des Tages wird mit FADs Jagd auf Thunfische gemacht, wodurch ganze Ökosysteme zerstört werden.
Es sind diese weltweiten Flotten, die nachhaltig unsere Ozeane zerstören und den lokalen Fischern ihre Lebensgrundlage nehmen. Und das mit MSC-Siegel!

Horta, Azoren, 16. Oktober 2017

Foto (c) Friederike Kremer-Obrock / SHARKPROJECT

Foto (c) Friederike Kremer-Obrock / SHARKPROJECT

Die Monxo Segundo aus Vigo/Nordspanien hat über Nacht rund 120 Tonnen Hai in Überseecontainer entladen. Zwischen diesem Morgen des 16. Oktober und dem Abend des 18. Oktober kommen drei weitere Schiffe in Vigo an: die Martinez Quelle, die Lomba Mauri und die Ribel Tercero, alle aus Vigo stammend.
Sie entladen pro Schiff weitere 120 Tonnen Hai und vereinzelt ein paar Schwertfische. Insgesamt werden an diesen drei Tagen fast 500 Tonnen Fisch entladen.

Foto (c) Friederike Kremer-Obrock / SHARKPROJECT

Foto (c) Friederike Kremer-Obrock / SHARKPROJECT

Alle 90 bis 120 Sekunden verlassen, an einem gelben Kran hängend, acht bis zwölf Tierleiber die Schiffe. Rechnen wir die Tonnenzahl und die Zeit hoch, werden in diesen drei Tagen ca. 20.000 Haie entladen!
Alle vier Schiffe sind spanische Longlining-Schiffe. Die Lomba Mauri und die Ribel Tercero gehören zur „OR.PA.GU“-Flotte, die sich aktuell im MSC-Zertifizierungsprozess für „nachhaltigen“ Schwertfischfang befindet. An diesen drei Tagen im Oktober 2017 wurden fast ausschließlich Haie entladen, überwiegend Blauhaie.
Zur Erinnerung: Durchschnittlich 86% der Fische sind Beifang, gefischt, um 14 % des Zielfangs Schwertfisch zu erhalten. Diese Quote wird derzeit vom MSC als „nachhaltig“ erachtet!

AIS-Daten. Screenshot Friederike Kremer-Obrock / SHARKPROJECT

AIS-Daten. Screenshot Friederike Kremer-Obrock / SHARKPROJECT

Die AIS-Daten legen offen, wo sich die einzelnen Schiffe in den vergangenen sechs Monaten aufgehalten haben: Die Fanggründe liegen vor der Küste Nordmerikas, westlich und vor allem südwestlich der Azoren in der Kinderstube der Blauhaie. Zusammen mit der MSC-zertifizieren Kanadischen Long-Lining-Flotte zerstört diese spanische Flotte systematisch das Ökosystem des Nordatlantiks.
Damit sind jene industriellen Fischereien ein weiterer Sargnagel für die lokalen Fischer der Azoren.

Die Azoren als Hauptumschlagplatz

Foto (c) Friederike Kremer-Obrock / SHARKPROJECT

Foto (c) Friederike Kremer-Obrock / SHARKPROJECT

Mittlerweile ist man sich in Horta auch dieses Negativimages bewusst und versucht, die Fakten zu verschleiern. Früher frei zugängig, wird nun auch Journalisten der Zutritt zu dem Pier verwehrt, an dem die Spanier ihre kalte, tote Fracht entladen. Von der einsehbaren Seeseite aus gefilmt, sind die Gesten der spanischen Besatzungsmitglieder eindeutig. Die philippinischen Seeleute bleiben unter Deck und dürfen die Schiffe nicht verlassen.
Als weiterer Aspekt in diesem brutalen Geschäft ist die regelrechte Versklavung asiatischer Fischer an Bord, die Tag und Nacht für Hungerlöhne um 150 Euro pro Monat hart arbeiten müssen.

Unterschiedlicher können die Gegensätze nicht sein: Saubere und wirklich nachhaltige One-by-One-Fischerei direkt versus einer der dreckigsten, keinesfalls nachhaltigen Fischereien der Welt. Die nachhaltigen kommen nicht über die Runden – die zerstörerischen sind teilweise sogar MSC-zertifiziert!

SHARKPROJECT fordert die Lokalregierung der Azoren auf, endlich die Anlandung hunderttausender Haie auf den Azoren zu stoppen. Den spanischen Floten ist „Hausverbot“ zu erteilen.
Das „Grüne Image“, das man sich so gerne in der Tourismusbranche gibt, muss endlich auch tatsächlich gelebt werden, nicht nur auf dem Hochglanzpapier von Werbebroschüren für Touristen und Reiseveranstalter. Das derzeit wahre Bild der Azoren, ihre buchstäblich „hässliche Fratze“, zeigt sich im Hafen von Horta, dem heutigen Schandfleck für die Inselgruppe.

Fotos (c) Friederike Kremer-Obrock, Meik Obrock / SHARKPROJECT

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