24. Januar 2018 .he

Offener Brief von SHARKPROJECT und 65 Umweltschutzorganisationen, Wissenschaftlern und Einzelpersonen mit Forderungen an den MSC

Fish Aggregating Device (FAD) / (c) Paul Hilton / Greenpeace

Gemeinsame Forderung an den Marine Stewardship Council (MSC) zu weitreichenden und umgehenden Nachbesserungen des Zertifizierungsstandards – nur so lässt sich der Nachhaltigkeitsanspruch des MSC-Siegels rehabilitieren

SHARKPROJECT und weitere 65 Umweltschutzorganisationen, Wissenschaftler und Einzelpersonen haben gemeinsam vom Marine Stewardship Council (MSC) weitreichende und umgehende Nachbesserungen am Zertifizierungsstandard gefordert, mit dem Ziel, den Nachhaltigkeitsanspruch des MSC-Siegels zu rehabilitieren.

Der MSC hat diese Forderungen in einem offenen Brief am 18. Januar 2018 (PDF, 336 kB) erhalten mit der Aufforderung, bis zum 12. Februar 2018 mit konstruktiven Vorschlägen zu reagieren.

Die Allianz appelliert an den MSC, den Dialog aufzunehmen, um die Forderungen zügig umzusetzen. 

Zum Hintergrund

Vor 21 Jahren wurde der MSC als Resultat einer gemeinsamen Initiative des WWF und Unilever gegründet, um der Überfischung der Ozeane Einhalt zu gebieten und dem Verbraucher eine echte Alternative beim Einkauf zu bieten; die Wahl zwischen Fisch aus nachhaltigem Fang oder dem aus konventioneller Fischerei mit entsprechender Zerstörung unserer Ozeane.

Als damals die ersten Fischereien mit dem blauen MSC-Logo im Handel erschienen schien es, als sei eine echte Lösung für den umweltbewussten Verbraucher gefunden. Wer kann als Verbraucher schon anhand des Handelsnamens oder Fanggebietes erkennen, ob durch den Fang eines Fisches ein bereits überfischter Bestand an Gelbflossenthunfisch weiter ausgebeutet wird, empfindliche Meeresgebiete mit Schleppnetzen umgepflügt werden, oder bedrohte Tierarten qualvoll als Beifang sterben?

Im Gegensatz zu anderen Fischsiegeln am Markt beruht das MSC-Siegel auf einer Zertifizierung durch unabhängige Zertifizierungsagenturen, die anhand eines veröffentlichten Anforderungsstandards die Fischerei beurteilen. Dabei können sich auch Umweltschutzorganisationen und Wissenschaftler in die Bewertung einbringen und erforderlichenfalls ein Schiedsgerichtsverfahren einleiten. Eigentlich wirklich ein „Goldstandard“.

Was ist aus diesem Goldstandard geworden?

Zunehmend wurden in den letzten Jahren Fischereien zertifiziert, von deren Nachhaltigkeit die Wissenschaftler und Umweltschutzorganisationen nicht überzeugt sind. Dies hat einen Grund in den Wachstumsvorgaben des MSC selbst. In seinem Jahresbericht 2017 setzt sich der MSC ein hohes und zugleich kontroverses Ziel: “Wir werden unsere Bemühungen für den Schutz unserer Ozeane noch weiter erhöhen, noch mehr Fischereien dabei unterstützen, die Zertifizierung zu erlangen und zu behalten, und die Versorgung mit Fisch für diese und zukünftige Generationen sicherstellen.

Um dieses Ziel zu erreichen (20% des weltweiten Fangs aus MSC-zertifizierter Fischerei bis zum Jahr 2020 und mehr als 33% bis 2030), müssen ständig zusätzliche Fischereien zertifiziert werden.

Einfache und kleine Fischereien wie Handleinen-, Angelruten-, oder Harpunenfischereien reichen zum Erreichen dieses Soll-Wachstums bei weitem nicht aus, so dass in den letzten Jahren vermehrt große Fischereien mit zweifelhaften Fangmethoden in das Bewertungs-und Zertifizierungsprogramm aufgenommen wurden.

Es gibt eine wachsende Anzahl an problematischen Zertifizierungen, die trotz der datenbasierten und wissenschaftlich untermauerten Einsprüche von Umweltschutzorganisationen zertifiziert wurden:

  • Eine Thunfischfischerei in Mexiko setzt ihre Ringwadennetze gezielt über Delphinschulen aus, um so einen in deren Nähe vermuteten Fischschwarm zu fangen. Zwar werden die Delphine kurz vor dem Einholen der Netze herausgetrieben oder von Tauchern befreit, aber diese Methode führt dennoch oftmals zu schweren Verletzungen oder zum Tod der Tiere und stellt einen permanenten Stressfaktor für die kleinen oder gar gefährdeten Bestände dar. Die Fischerei wurde trotz weltweiter Kritik und eines Einspruchs des WWF als ,nachhaltig’ zertifiziert. Kürzlich wurde bekannt, dass genau diese Fischerei in Meeresschutzgebieten fischt, in denen der Fischfang verboten ist.
  • Die größte Thunfischfischerei im westlichen und mittleren Pazifik (PNA) mit einem Fangvolumen von über 1,2 Millionen Tonnen Thunfisch (Bonito und Gelbflossenthunfisch) soll gerade wieder für die Hälfte ihres Fanges re-zertifiziert werden, weil dieser Teil mit einer Fangmethode (freie Netze) gefangen wird, der wenig Beifang verursacht. Aber: mit den gleichen Schiffen wird während der gleichen Fangfahrt und oft sogar am gleichen Tag auch eine andere Ausprägung der gleichen Fangmethode eingesetzt, bei der gezielt künstliche Flöße ausgesetzt werden, die auch als „Fischsammler“ bezeichnet werden, weil sich unter ihnen viele Fische ansammeln, um Schutz vor Feinden zu suchen. Die Fischer müssen die Schwärme nicht mehr mühsam suchen, sondern peilen die umhertreibenden „Fischsammler“ direkt an. Die Netze werden dann über diese Flösse gesetzt und der gesamte darunter befindliche Schwarm an Bord gehoben. Dabei handelt es sich v.a. um junge Thunfische, aber auch um viele junge Seidenhaie, die ebenfalls dort Schutz suchen und gerade deshalb vielfach Opfer dieser Fangweise werden. Wie viele dies genau sind, muss die Fischerei weder angeben, noch muss sie versuchen, diese Anzahl zu reduzieren: denn dieser Teil des Fanges ist nicht MSC-zertifiziert. Dass die Fischerei für den Tod von fast 68.000 Haien pro Jahr verantwortlich ist, wird nicht weiter bewertet. Auch wird ausgeblendet, dass noch im Jahr 2015 – über 3 Jahre nach der ersten Zertifizierung – über 300 Fälle von „Finning“ von Beobachtern an Bord berichtet wurden. Die Zertifizierungsagentur nahm diese Aspekte auch nicht zum Anlass, für die Re-Zertifizierung Auflagen zu erteilen, den Beifang zukünftig zu verringern
  • Eine auf Schwertfisch ausgerichtete, kanadische Langleinenfischerei wurde kürzlich re-zertifiziert, obwohl für den Fang von nur 20.000 Schwertfischen jährlich 100.000 Haie (meistens Blauhaie) als ungewollter Beifang gefangen und tot oder sterbend über Bord geworfen werden. Mindestens 1.200 gefährdete Meeresschildkröten sind ebenfalls als Beifang dieser Fischerei betroffen.
  • Weitere Beispiele sind im englischsprachigen Annex dargestellt.

Was heißt das für den Verbraucher?

Der Verbraucher verliert angesichts solcher Informationen mehr und mehr das Vertrauen in das Siegel. Er wird dann keine gezielte Auswahl mehr treffen, sondern irgendeinen Fisch kaufen, wie es auf dem Sektor der Bioprodukte bereits stattgefunden hat. Den Ozeanen ist dadurch nicht geholfen.

Deshalb fordern Umweltorganisationen weltweit schon seit längerer Zeit, dass der MSC endlich seinen Standard insbesondere hinsichtlich der Bewertung des Beifangs und der Einflüsse auf die marinen Ökosysteme „nachbessert“, und das Zertifizierungsverfahren so abändert, dass eine echte Unabhängigkeit der Zertifizierungsagenturen gewährleistet ist. Bisher beauftragt und bezahlt die zu Fischerei die Zertifizierungsagentur selbst.

Leider scheiterten bisher aber alle Versuche beim MSC ein Umdenken zu bewirken – selbst die von großen Umweltschutzorganisationen.

Offener Brief der bisher 66 Zeichner vom 18. Januar 2018

Nun haben 66 Umweltschutzorganisationen, Wissenschaftler und Einzelpersonen gemeinsam vom MSC weitreichende und umgehende Nachbesserungen am Zertifizierungsstandard gefordert, mit dem Ziel, den Nachhaltigkeitsanspruch des MSC-Siegels zu rehabilitieren.

Der MSC hat diese Forderungen in einem offenen Brief am 18. Januar 2018 erhalten mit der Aufforderung, bis zum 12. Februar 2018 mit konstruktiven Vorschlägen zu reagieren.

Zwei Themenbereiche sind besonders dringend und daher bis spätestens Ende 2018 umzusetzen und nicht, wie vom MSC beabsichtigt, erst ,eventuell‘ im Rahmen der nächsten Regelüberprüfung im Jahr 2020:

  • Der aktuelle Zertifizierungsstandard „CRv2.0“ weist gravierende Lücken zu Fragen des Beifangs und der Zerstörung des Lebensraums auf – neben dem Zielfisch muss auch der Beifang hinsichtlich seiner Nachhaltigkeit ganzheitlich in die Bewertung einfließen;
  • Die Zertifizierungspraxis mit ihren Abläufen und Abhängigkeiten an sich muss verbessert werden.

Die Allianz appelliert an den MSC, den Dialog aufzunehmen, um die Forderungen zügig umzusetzen.

Diese sieben Forderungskategorien umfassen folgende Themengebiete:
(weitere Details im englischsprachigen „Offenen Brief“):

1. Die gesamte Auswirkung der zu zertifizierenden Fischerei auf das marine Ökosystem ist zu betrachten und dabei sind sowohl Einflüsse von MSC zertifizierten Fischereien als auch die aller anderen Fischereien in einem Gebiet zu berücksichtigen

2. Alle Fangaktivitäten einer Fischerei für die Zielspezies müssen im Rahmen der Bewertung betrachtet werden

3. MSC-zertifizierte Fischereien dürfen nicht zur Zerstörung der Artenvielfalt der Meeresböden beitragen

4. Die zur Zertifizierung der Fischerei verwendeten Daten müssen transparent und vollständig und für die am Bewertungsprozess beteiligten Umweltschutzorganisationen überprüfbar sein

5. Auflagen für die Zertifizierung einer Fischerei müssen vor der ersten Re-Zertifizierung vollständig erfüllt sein

6. Die Bewertung einer Fischerei hinsichtlich der gewünschten Zertifizierung darf nur durch Zertifizierungsagenturen erfolgen, die wirtschaftlich von der zu zertifizierenden Fischerei unabhängig sind und nicht von dieser beauftragt oder direkt bezahlt werden.

7. Der MSC muss den wissenschaftlichen Standard und die Nachhaltigkeitsziele des Programms proaktiv überprüfen und aufrechterhalten

Mit seiner Reaktion auf diese dringliche Aufforderung der internationalen Gemeinschaft an Meeresschutzorganisationen hat es der MSC selbst in der Hand, sich für den einen oder den anderen Weg zu entscheiden: ein Verbrauchersiegel, das nachhaltig gefangenen Fisch garantiert – auch und insbesondere hinsichtlich des Beifanges – oder nur ein Märchen, dem dann bald niemand mehr glauben wird.

Hier zum Download

Bei SHARKPROJECT zeichnet Dr. Iris Ziegler für die Koordination verantwortlich.

Foto (c) Paul Hilton / Greenpeace / SHARKPROJECT

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