25. April 2019 .he

Nachruf: Samuel „Doc“ Gruber ist tot

"Doc" Gruber auf der "boot" 2011 'HaiTanic' | Foto: C. Gstöttner

Prof. Dr. Samuel H. Gruber ist tot. Er starb am 18. April. „Doc“ Gruber war einer der wichtigsten Haiforscher der letzten Jahrzehnte und begründete mehrere Spezialistengruppen zur besseren, wissenschaftlichen Forschung und Zusammenarbeit zum Schutz der Haie. Ein Wissenschaftler durch und durch; in seinem persönlichen Spezialgebiet ‚Verhaltensforschung von Haien‘ klar der Renommierteste von allen.

Ihn und SHARKPROJECT verbinden viele gemeinsame Erlebnisse. Bis heute wirkt insbesondere nach, dass er der Geburtshelfer zu BLIND DATES war – ohne ihn gäbe es das Buch nicht.

Was er für das Verständnis des Tiers Hai weltweit erreicht hat, wird immer unser Vorbild bleiben. Die Szene der Haischützer verliert mit ihm einen grossen Kämpfer und Freund.

Gerhard Wegner

Prof. Dr. Samuel "Doc" Gruber (1938-2019) | Foto: BiminiSharkLab

Prof. Dr. Samuel „Doc“ Gruber (1938-2019) | Foto: BiminiSharkLab

Mit freundlicher Erlaubnis des SHARKPROJECT-Gründers und Ehrenmitglieds Gerhard Wegner zitieren wir aus dem entsprechenden Kapitel seiner SHARKPROJECT-Biografie HAILIGHTS:

BLIND DATES IN ÄGYPTEN

Sharm El Sheikh (Ägypten) – Am 6. Dezember 2010, ziemlich genau um 15:55 Uhr, hatte die Unfallserie ihren traurigen Höhepunkt. Eine deutsche Urlauberin starb nach einem Haiangriff, und das nur wenige Tage nach der blutigen Attacke eines Hais (des gleichen?) auf vier Touristen ebenfalls in Sharm El Sheikh.
Ein Badeparadies stand unter Vollschock. Strände wurden geschlossen. Bewaffnete Polizisten patrouillierten mit ihren Booten vor der Küste und warteten, ob sich eine Rückenflosse zeigte.

In Deutschland stand mein Telefon nicht mehr still. Gefühlt tausend Interviews gab ich in diesen Tagen. Kamerateams gingen in meinem Arbeitszimmer ein und aus. Die Haiattacken in Ägypten waren die Pressesensation schlechthin. Warum, ist mir immer noch nicht ganz klar. Aber es war sicherlich die Kombination „Eine Tote aus Deutschland, Weihnachten, Urlaub und viel Blut“, die die deutsche Medienlandschaft zum Kochen brachte.

Jeder wollte von mir wissen, weshalb diese Unfälle passiert waren. Ich hatte zwar Fotos und Unfallberichte, doch was sagte das schon aus? Normal war das sicher nicht. Es musste eine Ursache geben. Aber im Gegensatz zu anderen „Experten“, die zielsicher von Schafskadavern fabulierten, die dort im Wasser getrieben wären, oder noch größeren Blödsinn verzapften, versuchte ich, mit den wenigen Unfallzahlen pro Jahr zu argumentieren und das Ganze wieder auf eine vernünftige Basis zu bringen. Die Presseleute hörten sich das an und fragten dann zum Abschluss hartnäckig, ob es denn nicht genauer ginge. Ihre Leser hätten schließlich ein Anrecht auf die ganze blutige Wahrheit. GRRR!

Ich hatte von unser Partnerorganisation HEPCA aus Ägypten zwar Fotos und Unfallberichte vorliegen, aber die genauen Gründe der verschiedenen Unfälle ergaben sich daraus nicht zwangsläufig.
Das hinderte jedoch einige selbsternannte Experten nicht daran, eigene und zum Teil sehr abstruse Thesen als alleinige Wahrheit zu verbreiten. So waren bei dem einen Schafskadaver schuld, die ein somalischer Frachter vor der Küste über Bord geworfen hatte, beim anderen war es die Überfischung der Meere, die die Haie dazu zwang, jetzt vor der Küste nach Nahrung zu suchen, und so weiter und so weiter. Thesen und Antithesen blühten, und es fehlte nicht viel, dass die Experten sich noch deswegen prügelten. Trotz des Drängens der Journalisten hielt sich SHARKPROJECT mit Vermutungen und Spekulationen zurück. Wir argumentierten mit den wenigen Haiunfällen weltweit. Dazu versuchten wir, die Unfälle auch mit dem normalen Verhalten der Tiere und dem abnormalen Verhalten der Menschen zu erklären.

Das unterschied uns deutlich von all den anderen Experten, die ihre These jeweils als alleinige Wahrheit verkauften.

In Ägypten standen die Tourismusverantwortlichen vor der gleichen Problematik wie der Bürgermeister aus dem Film „Der Weiße Hai“: Sollten sie die Strände sperren, Haie vor der Küste abfischen oder einfach darauf vertrauen, dass die Unfallserie zu Ende war?

Sie entschieden sich für die Strandsperrung und das Abfischen. Aus unserer Sicht die falsche Entscheidung. Um es kurz zusammenzufassen: Wir vermuteten, dass durch veränderte Wasserbedingungen die Fischschwärme näher am Ufer waren als sonst, und die Haie ihnen folgten. Oder dass sie den Safaribooten folgten, die in den Hafen wollten. Dann die Badegäste und Schnorchler mit zum Teil hektischen Bewegungen. Diese Bewegungen werden von Haien als Geräusche wahrgenommen und je hektischer und nervöser, umso eher klingt es wie ein verletzter Fisch – die natürliche Beute der Haie. Dafür sprach, dass es sich bei den an der Unfallserie beteiligten Haiarten ausschließlich um Hochseehaie wie Longimanus und Makos handelte. Und dass es kleinere Tiere – Youngsters – waren, die sowieso viel neugieriger sind, viel zu lernen haben und sich viel wagemutiger (leichtsinniger) verhalten als erwachsene, erfahrene Exemplare.

Aber – na ja – vermuten heißt nicht wissen, und als die Fragen nicht aufhörten, entschieden wir uns, einen langjährigen Experten und Freund von SHARKPROJECT, Prof. Dr. Samuel Gruber, den international bekanntesten Haiverhaltensforscher auf die Messe „boot“ nach Düsseldorf einzuladen. Er sollte uns und der Presse die fehlenden Antworten bzw. die wissenschaftliche Basis liefern. Das war zumindest unsere Idee. Wir hatten die Rechnung jedoch ohne den „Doc“, Professor Dr. Samuel Gruber, gemacht.

Zunächst schien alles perfekt. „Doc“ Gruber, der auf Bimini auf den Bahamas seine Forschungsstation hat, zu uns nach Deutschland einzuladen, hätte unser Budget wahrscheinlich gesprengt. Aber wir hatten Glück. Er war zu dieser Zeit auf einem Vortrag in London und freute sich auf einen kurzen Abstecher nach Deutschland und nach Düsseldorf. Dazu kam, dass er uns nach vielen Jahren Mailkontakt endlich einmal persönlich kennenlernen wollte. Die Kosten für uns waren überschaubar, und für die Flüge und Hotelkosten sprang ein großer deutscher Sponsor ein, der nicht genannt werden möchte. (Danke nochmals, Erwin!)

Wir luden die deutsche und internationale Presse zu einer großen Pressekonferenz während der „boot“ ein: und alle kamen. Für uns ein Riesenerfolg. Noch nie hatten wir auf einer SHARKPROJECT-Pressekonferenz so viele Journalisten. Neben den Kameraleuten der TV-Sender waren das Vertreter der regionalen und nationalen Radiosender, der großen Magazine, der Tageszeitungen und natürlich die gesamte Tauchsportpresse.

Wir hatten Prof. Gruber alle Unterlagen selbstverständlich vorher zugeschickt, inklusive der kompletten Unfallberichte von Behörden und Augenzeugen. Parallel gaben wir ihm alle Kontaktadressen in Ägypten. Viele Rückfragen und Gespräche später signalisierte er, dass er perfekt vorbereitet war, und wir alle waren nun gespannt, welche Erklärung er und sein Team für die Unfallserie gefunden hatten.

Dann kam der Tag der Pressekonferenz. Ein großer Tag für uns und eine große Ehre. Denn solche Haiprominenz hatten wir selten gehabt. Zunächst besichtigten Prof. Gruber und sein Team unseren Messestand. Damals hatten wir die MS-HAITANIC „die größte, kleinste Haiausstellung“ auf der Messe aufgebaut. Auf einer VIP-Führung, die wir für den „Doc“ und sein Team exklusiv durchführten, ernteten wir viel Anerkennung für unsere Arbeit und unser ehrenamtliches Engagement.

Mit stolzgeschwellter Brust gingen wir dann anschließend in den Pressebereich, wo wir einen Saal für die Pressekonferenz angemietet hatten.

Unser Team dort war schweißgebadet. Im Laufe des Vormittags mussten sie den Raum zweimal gegen einen größeren wechseln, da immer mehr Anmeldungen für die Konferenz hereingekommen waren. Rund 80 Journalisten hatten sich inzwischen für unsere Veranstaltung akkreditiert. Unglaublich, was Haie und vor allem Haiunfälle für ein Interesse auslösen können.

Endlich ging`s los. Nach einer kurzen Begrüßung und der Vorstellung der Personen begann die Pressekonferenz. Und was dann geschah, hat Auswirkungen auf unsere Arbeit bis heute.

Zunächst war alles normal. Prof. Gruber nahm das Mikro. Kameras wurden eingeschaltet, ein Meer von Mikrofonen reckte sich ihm entgegen und unzählige Kameras klickten, als er begann.

Prof. Gruber:
„Guten Tag, meine Damen und Herren von der Presse. Ich bin überrascht, dass so viele Journalisten sich für diese wenigen Unfälle in Ägypten interessieren. Was interessiert Sie so sehr daran?“

Anwesende:
Stimmen durcheinander. Dann ein Journalist: „Bei diesen Haiattacken wurde eine deutsche Urlauberin von einem Hai getötet. Unsere Leser wollen wissen, warum?“

Prof. Gruber (lächelnd):
„Okay, I understand. Sie wollen von mir wissen, warum es zu diesen Unfällen kam? Warum ausgerechnet von mir?“

(Kurze Unterbrechung an dieser Stelle. Ja – die Journalisten schauten ziemlich belämmert aus der Wäsche. Und selbst wir, die wir aus den Diskussionen mit ihm wussten, was kam, wurden unruhig.
Wie würde die Presse reagieren? Doch weiter im Ablauf.)

Ein Journalist (meldete sich nach einigen Sekunden der Verblüffung):
„Professor Dr. Gruber. Sie gelten als einer der größten Kenner der Materie. Sie haben die Haiforschung geprägt wie kein Zweiter und gelten als anerkanntester Wissenschaftler für die Verhaltensforschung der Haie. Natürlich hoffen wir auf eine Erklärung von Ihnen. Deshalb sind meine Kollegen und ich zu dieser Pressekonferenz gekommen.“

Prof. Gruber (ernstwerdend):
„Natürlich weiß ich, warum Sie hier sind und warum ich hier bin. Entschulden Sie meine Rhetorik. Ich komme gleich zum Punkt und ich hoffe, Sie werden mir dann meine Einleitung verzeihen. Doch ich befürchte, meine Antwort wird Sie nicht zufriedenstellen.“

(Lange Spannungspause …)

Prof. Gruber (ernst):
„Ich wollte nur klarstellen, dass Sie ausschließlich meine Meinung als Wissenschaftler und Haiverhaltensforscher wissen möchten. Aus dem Bauch heraus würde ich nämlich das Statement von SHARKPROJECT unterschreiben – als Wissenschaftler kann ich das jedoch nicht. Hier muss ich eine andere Ansicht vertreten.“

(Noch längere Spannungspause)

Prof. Gruber (schaut in die Reihen der Journalisten):
„Mein Team und ich haben alle Fakten und Daten der Unfallserie geprüft. Dazu kamen viele Gespräche mit Augenzeugen und den Verantwortlichen vor Ort. Und unsere Antwort ist die gleiche, die wir auch für jeden anderen Haiunfall geben würden und die Ihnen – wie angekündigt – nicht gefallen wird.“

(Jetzt sollte es eigentlich mit den Spannungspausen. Aber die folgende war noch länger.)

Prof. Gruber (sehr ernst):
„Meine verehrten Damen und Herren von der Presse, Sie wollen von mir wissen, warum diese Unfälle in Ägypten passiert sind? Die Antwort ist ganz einfach!“

Prof. Gruber (grinst):
„Wir haben keine Ahnung!“

Überraschte Stille im Saal. Alle schauen etwas ungläubig zur Bühne.

Prof. Gruber weiter:
„Und nicht nur ich und mein Team haben keine Ahnung. Kein seriöser Wissenschaftler dieser Welt kann einen Haiunfall erklären. Es gibt nämlich einfach zu wenig Unfälle mit Haien weltweit und zu viele unterschiedliche Einflussfaktoren. Jede Wissenschaft braucht ausreichende Versuchsreihen bei gleichen Bedingungen, um verifizierte Antworten geben zu können. Das ist bei Haiunfällen – aus den eben genannten Gründen – nicht möglich. Wer etwas anderes behauptet, lügt oder argumentiert nicht wissenschaftlich sauber. Wenn Sie wissen wollen, warum diese Unfälle passiert sind, verweise ich nochmals auf die Stellungnahme von SHARKPROJECT. Sie erscheint mir wahrscheinlicher als all die anderen Thesen, die in Ihren Medien standen.“

Gerhard Wegner (Rettungsversuch):
„Tja, …ähh. Meine Damen und Herren, Sie sehen also: Es gibt keine einfachen Antworten. Wir wissen noch viel zu wenig über das Verhalten der Haie und wir wissen viel zu wenig über die speziellen Einflussfaktoren bei dieser Unfallserie. Wir können Ihnen deshalb nur Thesen liefern.

Doch es gibt eine Wahrheit, die Sie bei Ihrer Berichterstattung berücksichtigen sollten. Haie sind keine Monster und Menschenfresser. Es gibt keine gefährlichen Haie, aber es gibt Einflussfaktoren, die das Risiko eines Haiunfalls – und Sie merken, dass wir von Haiunfällen und nicht von Haiattacken reden – erhöhen können. Und hier sind die wichtigsten …“

Es folgte eine lange und diskussionsfreudige Pressekonferenz. Den Journalisten hat`s gefallen, Professor Gruber auch, doch in mir rasten die Gedanken: Wenn der Doc recht hat, und das hat er zweifelslos, dann hatten wir jetzt ein dickes Problem. Wie können wir als SHARKPROJECT über Haiunfälle reden und über Unfallfaktoren, wenn es dafür keine wissenschaftliche Grundlage gibt? Und wie können wir Verhaltenstipps für Haibegegnungen herausgeben, wenn die Wissenschaft uns keinen roten Faden gibt? Die Pressekonferenz hatten wir zwar gerettet, doch wie sollten wir in der Zukunft vorgehen?

Ich hatte eine schlaflose Nacht. Das war gut, denn in dieser Nacht kam mir die rettende Idee. Wenn die Wissenschaft uns nicht helfen kann, dann mussten wir möglichst viele individuelle Erfahrungen sammeln und versuchen, daraus einen generellen Nenner zu generieren. Nichts Neues, so haben es schon unsere Urahnen erfolgreich praktiziert. Und wir waren gerade auf der „boot“. In der Taucherhalle waren in dieser Woche viele international bekannte Unterwasser-Fotografen, Wissenschaftler und Hai-
guides konzentriert. Zusammen zehntausende von persönlichen Haierfahrungen, die wir nur anzapfen mussten. Die meisten der anwesenden Haiexperten kannte ich persönlich. Einige wichtige fehlten, aber wozu gab es Mail, skype und Telefon?

Gleich am Morgen redete ich mit Christine Gstöttner, die mit mir zusammen am SHARKPROJECT-Stand Dienst tat. Sie war spontan begeistert und wir beschlossen, das geplante Buch mit dem gesammelten Wissen gemeinsam zu planen und zu schreiben. Noch während der Messe sprachen wir mit den wichtigsten Leuten.

An einem langen Wochenende bei mir zu Hause konzipierten wir gemeinsam den roten Faden des Buches und die dafür notwendigen Fragebögen. Dazu legten wir unsere Wunschexperten fest. Wichtigstes Kriterium dafür war ihre Praxiserfahrung. Schnell kamen wir dabei auf fünfundzwanzig Experten mit zusammen über 35.000 Haitauchgängen. Mehr Know-how ging nicht.

Schon in der nächsten Woche schrieben Christine und ich alle an und fanden mit unserem Buchkonzept ungeteilte Begeisterung.
Die ersten Fragebögen erhielten wir bereits nach einer Woche ausgefüllt zurück, dazu viele persönliche Empfehlungen und Erlebnisse.

Doch nicht alle Erfahrungen waren auf einer Linie.

Viele Rückfragen und Diskussionen wurden notwendig, sodass wir über ein Jahr mit dem Buch beschäftigt waren.

Für Christine und mich war es einer der spannendsten und lehrreichsten Abschnitte unserer SHARKPROJECT-Zeit. Wie von selbst ergaben sich dabei eine klare Linie und klare Antworten. Doch schnell kristallisierte sich heraus, dass es kein Schwarz oder Weiß gibt. Eine Begegnung mit einem Hai ist immer auch ein BLIND DATE. Wer das Buch liest, wird viel über Haibegegnungen erfahren, aber neben der Einzigartigkeit und Schönheit einer Haibegegnung, auch die Risiken kennenlernen.

Text: Gerhard Wegner / Sharkproject in „HAILIGHTS“

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