4. Mai 2017 .he

Interview mit Fred Buyle zur Shark Night Zürich: „Ich bin das Bindeglied zwischen Wissenschaft und Unterwasserwelt“

(c) Fred Buyle / SHARKPROJECT

Fred Buyle forscht als Freitaucher über alles, was sich im Wasser bewegt. Seine Schwerpunkte setzt er bei Walfischen und Weissen Haien. Am 12. Mai stellt er seine Arbeit bei der Shark Night in der Masoala-Halle des Zürcher Zoos vor, um den Schutz und die Verhaltensforschung der „Grossen Weissen“ noch populärer zu machen.

Fred Buyle, Sie schützen bei Ihrer Arbeit Tiere. Wieso konzentrieren Sie sich vor allem auf Meerestiere?
Ich war schon als Kind mit meinen Eltern oft mit dem Segelboot auf den Meeren unterwegs. Da ich so oft auf dem und am Meer unterwegs war, wollte ich irgendwann wissen, was sich unter der Oberfläche befindet. Ich wollte diese Welt entdecken – all das, was man vom Boot aus nicht sieht.

Und so kamen Sie zum Freitauchen?
Ja genau. Mit 10 Jahren begann ich mit Freitauchen, und seit diesem Zeitpunkt hat mich dieser Sport nicht mehr losgelassen.

Heute ist Freitauchen nicht nur ein Zeitvertreib, sondern Ihre Arbeit. Sie erklären Schülern die Unterwasserwelt, arbeiten an wissenschaftlichen Studien mit, drehen auf der ganzen Welt Dokumentarfilme und vieles mehr. Oft dreht sich die Arbeit um Haie. Sind Haie Ihr Schwerpunktthema?
Der Hai ist eines von vielen Tieren, mit denen ich mich beschäftige. Heutzutage sind Haie jedoch immer mehr ein Thema, vor allem auch in den Medien. Es werden immer mehr Studien über Haie erstellt, Forschungsprojekte laufen auf der ganzen Welt. Da dreht sich natürlich auch ein grosser Teil meiner Arbeit um Haie, das heisst mehrere Projekte pro Jahr. In letzter Zeit arbeite ich aber immer mehr mit Walen, vor allem im Bereich der Kommunikation und der Lärmproblematik.

Haie lassen sich in den Medien aber besser verkaufen als Walfische. Hier kommt ein anderer Punkt Ihrer Arbeit zur Sprache, nämlich der Kampf gegen den „negativen Journalismus“ und für eine positive Sicht auf die Tiere. Wie geht das, wenn ein menschliches Haiopfer die bessere Schlagzeile ist als ein Erfolg bei der Verhaltensforschung von Haien?
Paradox an der Berichterstattung ist, dass wissenschaftliche Themen immer mit toten Tieren untermauert werden, oder auch mit Wasserverschmutzung, Walfischfang oder dem Abschneiden von Haiflossen. Sieht man das immer wieder, fühlt man sich irgendwann machtlos und gelangweilt. Die Leute wollen sich gar nicht mehr engagieren, weil ihnen vorgegaukelt wird, dass es gar nichts mehr zu retten gibt. Das ist normal.

Und wie kehrt man das ins Positive?

(c) Fred Buyle / SHARKPROJECT

(c) Fred Buyle / SHARKPROJECT

Ich denke, dass positive Bilder mehr Kraft haben, um die Menschen für eine Kampagne zu motivieren. Wenn ich mit einem Weissen Hai tauche oder mit einem Wal, dann denken die Leute, sie wollen das auch, sie wollen sich engagieren. Immer nur zu sagen, dass eine Art ausstirbt, bringt uns nicht weiter. Am Schluss bleiben sowieso eher die positiven Dinge in unseren Köpfen. Deshalb sollten wir mehr die schönen Seiten der Natur zeigen. Es ist der Job von Naturschützern, das zu zeigen, was noch geschützt werden kann.

Nun verkaufen sich die Zeitungen und Klicks im Internet aber besser mit Haiangriffen.
Es gab sie schon immer, die Angriffe von Haien. Seit gut zehn Jahren hat man aber das Gefühl, es gäbe mehr Angriffe. Das kommt daher, dass immer mehr Menschen am Meer leben und ins Wasser gehen, ohne dass sie genau wissen, was alles auf sie zukommt. Der Surfer vor 20 Jahren wusste, wie er sich im Meer verhalten muss. Der durchschnittliche Strandurlauber sieht jedoch nur Wasser und will schwimmen und ist nicht auf die Gefahren vorbereitet. Statistisch gibt es einfach mehr Unfälle, wenn mehr Leute ins Meer gehen. Das gilt für alle Sportarten oder Freizeitaktivitäten, in der Schweiz zum Beispiel auch beim Skifahren.

Kinder haben nicht die selben Vorurteile wie die Generation „Jaws“

Weshalb gehen denn immer mehr Leute vermeintlich „gefährlichen“ Sportarten nach?
Das Internet und die Medien können uns heute ganz einfach aufzeigen, wie „vermeintlich einfach“ doch alles ist, vom Haitauchen bis zum Salto mit dem Motorrad. Jeder kann gemäss Youtube anscheinend alles, und jeder dreht davon einen Film und zeigt es im Internet der ganzen Welt. Also wollen auch immer mehr Leute alles machen.

Wie kann man mit diesem Konflikt umgehen?
Ich möchte die Leute mit meiner Arbeit aufklären, das sehe ich als meine Pflicht. Wichtig ist, die vorhandenen Informationen zu filtern. Das sollten schon die Journalisten machen.

Sehen sie dank ihrer Arbeit und Aufklärung schon Veränderungen im Verständnis für die Unterwasserwelt?
Bei der Generation „Jaws“, also allen ab rund 35 Jahren, die den Film „Der weisse Hai“ gesehen haben, ist das schwierig. Viele haben wegen dieses Films Angst vor dem Hai und wollen schon gar nicht ins Wasser. Aber bei Kindern, die den Film nicht kennen, ist das ganz anders. Ich hatte gerade eine Schulklasse bei mir für drei Tage. Sie haben diese Vorurteile nicht und sehen den Hai als eine gefährdete Tierart. Hier haben gewisse Medien auch sehr gute Arbeit geleistet, in dem sie aufgezeigt haben, dass der Hai zwar auch ein wildes, aber bei weitem nicht so gefährliches Tier ist. Das zeigt sich in der ganzen Umweltbildung. Die Kinder und jüngeren Generationen wissen, welcher Abfall getrennt werden muss, wie man die Umwelt weniger verschmutzen kann. Es braucht einfach zwei bis drei Generationen, um Veränderungen zu verankern.

Eines ihrer Projekte, „The Great White Mystery“, läuft vor Guadalupe in Mexiko. Dort arbeiten sie mit Weissen Haien. Was machen sie da genau?
Ich bringe dort hauptsächlich die Sender an den Haien an. Beim Freitauchen kann ich mich den Tieren besser nähern als mit Druckluftflaschen. Zudem ist es die schonendere Variante, als die Tiere für die Besenderung aus dem Wasser zu holen, denn dies ist purer Stress für die Haie. Neu wurden sogenannte „Tags“ entwickelt, die Sender und Empfänger zugleich sind. Dadurch sollen dieses Jahr vor allem neue Informationen zum sozialen Verhalten der Weissen Haie gesammelt werden. Ich sehe mich deshalb auch als Link zwischen der Wissenschaft und der Unterwasserwelt. Ich bin also nur ein Glied in der Kette dieses Projekts.

Eines der schwierigsten Projekte, an denen ich gearbeitet habe

Wie kommt man dann an die Daten der Sender und Empfänger?
Jedes andere Tier, das einen Sender trägt und an einem besenderten Weissen Hai vorbeischwimmt, kann mit dem neuen Gerät aufgezeichnet werden. Vor allem aber ist auch das Ziel, die Interaktionen zwischen den Haien zu erforschen. Nach bis zu einem Jahr löst sich der Sender wieder und wir sammeln sie ein. Das ist aber alles sehr kompliziert, vor allem, die Geräte wieder zu finden, die irgendwo im Meer an der Oberfläche treiben. Ihr Signal zu finden ist das kleinere Problem, die kleinen Geräte dann aber auch zu sehen, ist das grössere. Es ist wohl eines der schwierigsten Projekte, an denen ich schon mitgearbeitet habe.

Wie lange dauert die Arbeit des Besenderns?
Ich werde drei Wochen mit den Weissen Haien tauchen, auch damit sie sich an mich gewöhnen. Man meint immer, Haie nähern sich gerne und immer dem Menschen. Normalerweise ist das Gegenteil der Fall. Zudem muss man die Sprache der einzelnen Haie studieren. Wenn wir kein gutes Gefühl haben, kann es sein, dass wir einen Tag auslassen, weil die Tiere zum Beispiel nervös sind.

Und dann wartet man einfach ein Jahr, bis die Sender wieder abfallen?
Nein, nicht ganz. Die ersten Tags werden schon nach einer Woche wieder abfallen. Das sind für uns die Test-Sender und -Empfänger, um zu schauen, ob die Technik funktioniert. Ist das der Fall, wovon ich ausgehe, werden wir danach die Tags anbringen, welche monatelang am Tier haften bleiben. Je mehr Tags wir anbringen können, desto mehr Daten werden wir auswerten. Da die Tags aber vollkommen neu sind, kosten sie noch rund 4000 Dollar pro Einheit. Geld dafür wollen wir mit der Sharknight Zürich von SHARKPROJECT sammeln.

Ein Unfall mit einem wilden Tier ist immer der Fehler des Menschen

Wenn ich Sie so erzählen höre, denke ich, dass Sie noch nie in eine gefährliche Situation mit Haien gekommen sind.
Es gab schon kritische Situationen, doch. Dann kommt es aber immer auf deine Reaktion an. Je mehr ich über Haie weiss, desto vorsichtiger bin ich, denn wir arbeiten doch mit wilden, teilweise auch unberechenbaren Tieren zusammen. Haie haben gute und schlechte Tage, genauso wie Menschen. Dann ist es aber eben unsere Entscheidung, nicht ins Wasser zu gehen, sich nicht unter Druck zu setzen, die Arbeit in den drei Wochen machen zu müssen. Wenn es einen Unfall mit wilden Tieren gibt, ist es immer der Fehler des Menschen. Der Hai kann nichts dafür, dass wir uns ihm vor die Zähne werfen in einem Moment, in dem er darauf nicht gefasst ist. Unser Verhalten löst im Tier ein Verhalten aus, das ist auch bei Hunden so. Bin ich aggressiv gegenüber einem Hund, wird er mich beissen. Diesen Gedanken muss man beim Umgang mit wilden Tieren immer im Kopf haben.

Fred Buyle, danke für das Interview.

Das Interview führte der Kampagnenleiter von SHARKPROJECT Switzerland Martin Kempf.

Alles zur Shark Night 2017 unter www.sharknight.ch.
Fotos (c) Fred Buyle / SHARKPROJECT

SPENDEN | HELFEN

Sie möchten uns unterstützen?
Wir freuen uns immer, über jede Art von Hilfe…

 

Länderauswahl