4. November 2013 admin

„Haifang – Bedrohung für die Ozeane und den Tourismus auf den Azoren“ – Langbericht von Reise-Inspirationen.de

Das Portal „Reise-Inspirationen.de“ legt mehrfach im Jahr das eMagazin „Reise-Inspirationen: Entdecken – Erleben – Genießen“ auf – in der aktuellen Ausgabe „Winter 2013/14“ ist ein langer Artikel von Judith Hoppe zum Thema „Haifang – Bedrohung für die Ozeane und den Tourismus auf den Azoren“ enthalten (Gesamtausgabe als pdf hier per Klick downzuloaden von reise-inspirationen.de [ca. 26 MB]).

Mit freundlicher Genehmigung hier der Text:

Ohne Zweifel – die Azoren sind ein Naturparadies. Doch der für viele Touristen nicht sichtbare Teil, der sich unter der Wasseroberfläche des Atlantiks verbirgt, ist in Gefahr. Jedes Jahr holen industrielle spanische und portugiesische Fangflotten 60.000 Tonnen Haie aus dem Nordatlantik. Das Fleisch wird auf dem Europäischen Markt verkauft, die Flossen werden nach Asien exportiert.
Die Azoren spielen bei der Jagd auf Haie eine besondere Rolle. Die Inselgruppe ist ein wichtiges Rückzugsgebiet und Kinderstube für die Hochseehaie des Nordatlantik. Bis vor zehn Jahren durfte in der 200 Meilenzone der Azoren, der EEZ, nur lokale Fischerei betrieben werden. Dann wurde von der lokalen Regierung im Rahmen der EU Quoten die 100 nautische Meilen Zone für spanische Fischer und die 30 nautische Meilen Zone für portugiesische Fischer vom Festland freigegeben. Mit fatalen Folgen für das Ökosystem.
Was als Jagd auf Blue Marlin und Schwertfisch begann, wandelte sich zu einer gezielten Jagd auf Haie. Speziell Blauhaie, Makohaie und Fuchshaie sind sehr gefragt wegen ihrer großen Flossen, die ein vielfaches an Gewinn auf dem asiatischen Markt im Vergleich zum Haifleisch bringen.
Studien belegen, dass von 2004 bis 2010 66% der Makohaie, 76% der Blauhaie, 89% der Hammerhaie und 98% der Dornhaie, aus deren Bauchlappen zum Beispiel die bei uns als „Schillerlocken“ bekannten Räucherfischprodukte hergestellt werden, im Nordatlantik verschwunden sind. 100 spanische Schiffe und 30 portugiesische Schiffe vom Festland fangen in und um die Gewässer der Azoren Haie.
Die „Gewinner“ sind wie so oft nicht die lokalen Fischer. Sie erhalten nur einen Bruchteil des Wertes, den die Flossen auf dem asiatischen Markt erzielen: 700-1.200 US$ pro Kilo. Die spanischen Fischer indes erhalten 20-30 € pro Kilo. Das Fleisch der Blauhaie ist so gut wie nichts wert. Es wird derzeit für 28 Cent auf dem lokalen Markt verkauft.

(c) Klaus Peter Harter

(c) Klaus Peter Harter

Haifleisch ist extrem mit Methylquecksilber, das 1.000x schädlicher als reguläres Quecksilber ist, belastet. Sharkproject, eine internationale Initiative zum Schutz der Haie und der marinen Ökosysteme, hat im Juli 2013 Haifleisch in den Supermärkten in Ponta Delgada auf den Azoren gekauft. Die Proben vom Hundshai (Caçao) und Makohai (Tubarão Rinquim) lagen weit über den
von der EU festgelegten Grenzwerten für Methylquecksilber: Das Haifleisch war somit hochgiftig. Die EU rät Schwangeren und Kindern dringend vom Verzehr von Hai ab. Experten stellen darüber hinaus fest, dass die Grenzwerte viel zu hoch angesetzt sind. Sharkproject, Greenpeace und der WWF raten von daher jedem aus gesundheitlichen Gründen dringend davon ab, Haifleisch zu verzehren.
Dreh- und Angelpunkt für den Haifang ist der Hafen von Horta auf Faial. Für die spanischen Haifänger ist er ein wichtiger Ausgangspunkt für Fahrten in den Nordatlantik. Hier entladen zu können, bedeutet, nicht den langen Weg nach Vigo/Spanien fahren zu müssen. Voll getankt und mit Proviant versorgt, können die Fischer von Horta aus direkt wieder in See stechen.
Doch es gibt auch Lichtblicke: In der EU ist seit Ende Juni diesen Jahres in allen EU-Ländern und in allen Hoheitsgewässern der EU Finning verboten. Bei dieser Praxis wurden den Haien oft bei lebendigem Leibe die Flossen abgeschnitten und das Tier anschließend in das Meer zurückgeworfen. Dort verendet es qualvoll. Da die Flossen ein Vielfaches an Gewinn einbringen und das minderwertige Fleisch unlukrative Ladekapazität auf den Schiffen wegnimmt, war diese Praxis oft üblich, wenn auch in der EU seit 2004 bis auf einige wenige Ausnahmen verboten. Seit Juli 2013 müssen die Haie nun von den Fischern EU-weit mit Flossen und Kopf am Körper in einem Stück angelandet werden. Dies garantiert, dass Finning endgültig und konsequent gebannt ist. Das hat auch zur Folge, dass geschützte Haiarten wie der glatte Bogenhammerhai, Tubarão martelo, bei der Anlandung erkannt werden.
Dennoch: Das Ökosystem der Azoren ist nach wie vor bedroht, wenn der Haischutz nicht konsequent umgesetzt wird. Verschwinden die Topraubfische, die so genannte „Gesundheitspolizei“ der Meere an der Spitze der Nahrungskette, stirbt auch der Rest der Tiere innerhalb kürzester Zeit. Zurück bleibt ein leeres Meer.
Der Tourismus wächst stetig auf den Azoren, die weltweit für ihren Ökotourismus bekannt sind. Taucher aus ganz Europa kommen hier her, um mit den Blauhaien zu tauchen. Dies stellt eine zunehmend wichtige Einnahmequelle für die lokale Wirtschaft dar. Nicht nur die Tauchbasen verdienen gut mit Blauhaitauchen. Die Tauchtouristen fliegen auf die Azoren, nutzen Inlandsflüge, wohnen in Hotels oder Appartements, fahren Mietauto, gehen Essen, kaufen Souvenirs, gehen im Supermarkt einkaufen, besuchen Museen und buchen Walbeobachtungstouren. Nach Berechnungen von Sharkproject ergibt sich hieraus der annähernd zehnfache Wert des Umsatzes mit dem Tauchen für die lokale Wirtschaft.
Das Tourismus-Image der Azoren als Naturerlebnis über wie unter Wasser verträgt sich natürlich nicht mit der Ausbeutung der lokalen Meeresgebiete und der Anlandung von Haien in Horta. Da nachhaltiger Tourismus eine sehr wichtige Einnahmequelle für die Azoren ist und längerfristige und bessere Einnahmequellen für die lokale Bevölkerung bieten, sind die Politiker vor Ort zum Handeln aufgefordert.
Doch auch auf anderer Ebene kann man ansetzen. So hat Sharkproject beispielsweise eine Kampagne gegen Haikonsum in den Restaurants und Hotels auf den Azoren gestartet. Mit dem Aufkleber „No shark on the menue here“ (Kein Hai auf der Karte, Anm. d. Red.) werden Restaurants und Hotels ausgezeichnet, die keinen Hai in ihrem Menü haben und das Bewusstsein der Bevölkerung für das Thema sensibilisiert.
Aber Sharkproject setzt sich auch mit politischen Rahmenbedingungen auseinander und fordert unter anderem:
• Die 200 Meilen Zone (EEZ) muss als Schutzzone ausschließlich für nachhaltige lokale Fischerei wieder hergestellt werden. Es darf kein gezielter Haifang innerhalb dieses Schutz- und Rückzugsgebietes mehr zugelassen werden. Mit dieser Maßnahme können sich auch die Blue Marlin- und Schwertfischbestände erholen. Lokale Fischer, die nachhaltigen Fischfang betreiben, müssen unterstützt und gefördert werden. Zusätzlich zu staatlichen Mitteln könnte ein Förderfonds aus den Erlösen des Haitauchens angedacht werden. Tauchschulen und Fischer sollten sich solidarisieren. Beide Berufsgruppen haben ein existenzielles Interesse daran, dass das Ökosystem der Azoren nicht zerstört wird.
• Die Praxis der lokalen Tiefseelangleinenfischerei muss grundlegend überdacht werden.
• Die Anlandungen von Haien auf den Azoren durch spanische Schiffe muss gestoppt werden. Dies zwingt die Haifänger den langen zusätzlichen Weg nach Vigo fahren zu müssen. In Verbindung mit dem Transport der Tiere in einem Stück, den damit verbundenen größeren Platzbedarf der Fracht, könnte dies für viele spanische Haifänger das wirtschaftliche Aus bedeuten.
• Die Rückzugsgebiete und Wanderungen der einzelnen Haiarten im Nordatlantik müssen weiter von Wissenschaftlern erforscht werden, um diese Gebiete langfristig unter Schutz zu stellen. Hierfür müssen Fördermittel bereit gestellt werden.
• Auf die lokalen Politiker und Fischereiunternehmen muss Druck aufgebaut werden, um den nachhaltigen lokalen Fischfang zu fördern.

Text (c) Judith Hoppe / Reise-Inspirationen.de | Foto (c) Klaus Peter Harter | Alle Rechte vorbehalten; Vervielfältigung, auch teilweise, bedarf eigener Zustimmung

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