13. November 2016 .he

Gastbeitrag: „Auf der Suche nach Fidschi’s Hai-Kinderstuben“ von Tom Vierus (Teil 4)

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Tom Vierus ist ein junger Hai-Wissenschaftler und Naturfotograf, der für eine Zeit lang auf den Fidschi-Inseln gelebt und dort eine potentielle Kinderstube für juvenile Haie untersucht hat. SHARKPROJECT Germany hat diese Studienreise finanziell unterstützt.
Neben seinem Blog livingdreams.tv schreibt Tom Vierus über facebook, Twitter und Instagram.


Auf der Suche nach Fidschi’s Hai-Kinderstuben – 4. Teil

Mittlerweile ist meine Masterarbeit nicht nur geschrieben, abgegeben und bewertet worden, sondern ich konnte sie auch vor ungefähr 20 interessierten Studenten und Lehrenden erfolgreich verteidigen. Nach ziemlich genau zwei intensiven Jahren habe ich nun einen kleinen persönlichen Meilenstein erreicht – den Master of Science! Auch wenn das natürlich ein schöner Grund zum Feiern war, habe ich noch viel vor und bin weit entfernt von einigen meiner Lebensziele. Es ist definitiv ein tolles Gefühl mit dem Hauptanteil der Analysen fertig zu sein, aber die Arbeit geht weiter: so muss für die wissenschaftliche Publikation, an der ich momentan arbeite, die Masterarbeit stark komprimiert werden und zusammen mit den Co-Autoren müssen wir entscheiden, was wir weglassen und worauf wir uns konzentrieren. Genau daran arbeiten wir momentan.

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Laborergebnisse bestätigen unseren ersten Verdacht 

Wie ich im dritten Teil berichtete, ist es manchmal nicht ganz einfach, juvenile Haie morphologisch bis zur Art zu bestimmen: viele Baby-Haie werden zum Beispiel noch mit dunkeln Färbungen an den Flossenenden geboren, die dann aber nach wenigen Wochen verschwinden. Auf der anderen Seite gibt es einige Arten, bei denen es genau andersherum läuft und dunkle Flossenspitzen erst mit der Zeit auftreten. Hinzu kommt, dass die Haie aufgrund des Stresses so schnell wie möglich wieder ins Wasser entlassen werden müssen – da bleibt kaum Zeit für eine intensive Begutachtung. Daher helfen manchmal nur die genetischen Analysen der DNA im Labor.

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Wissenschaftliche Daten über Haie rund um die Fidschi-Inseln sind zum großen Teil noch recht rar, und so konnte auch nicht ausgeschlossen werden, dass es sich bei den gefangenen Individuen um Arten handelt, die vorher in diesem Gebiet noch nicht beschrieben wurden. Viele Stunden im Labor (inklusive nicht weniger Frustrations-Momente) später wissen wir mehr: bei unserer fragwürdigen Spezies handelt es sich tatsächlich um den Schwarzspitzen-Hai Carcharhinus limbatus (auch wenn wir nicht zu 100 % sicher sein können, dass es sich nicht um den sehr eng verwandten australischen Schwarzspitzen-Hai Carcharhinus tilstoni handeln könnte, der auf den Fidschi-Inseln bis dato noch nicht nachgewiesen wurde).

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Neben den Ergebnissen der genetischen Untersuchungen brachte auch unser Model interessante Ergebnisse. Anhand der Häufigkeit der Fänge der verschiedenen Haiarten wollte ich herausfinden, ob signifikante Unterschiede zwischen den bevorzugten Umweltbedingungen existieren, d.h. teilen sich die Baby-Haie die Bucht auf, weil Hammerhaie es lieber in einem Areal mögen, in dem verschiedene Parameter vorherrschen (z.B. Salzgehalt, Temperatur, Trübegrad des Wassers), während Schwarzspitzen-Haie ein anderes bevorzugen?

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Hai-Kinderstuben als Refugien für Jungtiere

Untersuchungen wie diese sind wichtig, um mehr über die Biologie und Ökologie der Haie herauszufinden. Je mehr Daten wir sammeln, umso wahrscheinlicher ist es, in Zukunft Lebensräume bereits dann als potentiell wichtig einstufen zu können, wenn man „nur“ eine Begutachtung der vorherrschenden Umweltbedingungen durchführt.

Auch wenn meine sample size (also die Anzahl der einzelnen Proben, die ich sammeln konnte) relativ gering ist und daher Schlussfolgerungen mit Vorsicht zu betrachten und interpretieren sind, liefern sie dennoch wertvolle Hinweise. Zum Beispiel zeigten die Models, dass Bogenstirn-Hammerhaie generell trüberes Wasser bevorzugen, während Schwarzspitzen-Haie, die mit der Langleine gefangen wurden, eher Wasser mit erhöhten Sauerstoffgehalt bevorzugten, ergo dort öfter gefangen wurden. Eine Theorie dazu wäre, dass die Bogenstirn-Hammerhaie mehr darauf bedacht sind, im trüben Wasser Schutz vor potentiellen Räubern zu finden, während die Schwarzspitzen-Haie sauerstoffreiche Gewässer bevorzugen, um den erhöhten Energiebedarf (und damit Sauerstoffbedarf) während der Jagd zu decken. Interessant wäre es jetzt, die Studie über einen deutlichen längeren Zeitraum fortzuführen, um zum einen die Ergebnisse zu bestätigen und zum anderen die wissenschaftliche Definition einer Kinderstube erfüllen zu können.

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Zur Erinnerung – eine „Hai-Kinderstube“ (Englisch: ,nursery) muss folgende Kriterien erfüllen:

  1. Juvenile Haie werden hier öfters gesichtet/gefangen als in anderen Gebieten
  2. Juvenile Haie tendieren dazu, sich für ausgedehnte Zeitperioden in der ‚nursery‘ aufzuhalten bzw. wieder hierher zurückzukehren
  3. Das Gebiet wird immer wieder und über Jahre hinweg genutzt
Fast ein Drittel aller uns heute bekannten Haiarten ist entweder bereits vom Aussterben bedroht oder steht kurz davor! Von weiteren 40 % besitzen wir einfach noch zu wenige Daten, um die Größe und den Zustand der jeweiligen Populationen festzustellen. Deshalb ist es besonders wichtig, in Zukunft noch mehr Informationen über die Biologie und Ökologie der verschiedenen Haiarten herauszufinden, um adäquate Schutz- und Fischereimaßnahmen zu entwickeln. Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Fast ein Drittel aller uns heute bekannten Haiarten ist entweder bereits vom Aussterben bedroht oder steht kurz davor! Von weiteren 40 % besitzen wir einfach noch zu wenige Daten, um die Größe und den Zustand der jeweiligen Populationen festzustellen. Deshalb ist es besonders wichtig, in Zukunft noch mehr Informationen über die Biologie und Ökologie der verschiedenen Haiarten herauszufinden, um adäquate Schutz- und Fischereimaßnahmen zu entwickeln.
Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Aufgrund meiner begrenzten Zeitspanne auf den Fidschi-Inseln konnte ich Punkt 3 nicht prüfen, allerdings deuten alle gesammelten Hinweise stark darauf hin, dass es sich tatsächlich um eine nursery area handelt. Nahezu 70 % aller von mir gefangenen Haie wiesen entweder eine offene oder eine „halb-verheilte“ (Englisch: ,semi-healed) Nabelschnurnarbe (Englisch: ,umbilical scar) auf – ein Indikator für das Alter der Tiere. In einer Studie mit Bogenstirn-Hammerhaien vor der Küste Hawaiis wurde herausgefunden, dass die bei der Geburt offenen Nabelschnurnarbe nach ca. einer Woche zu dem „halb-verheilten“ und nach zwei weiteren Wochen zum verheilten Zustand voranschreiten. Die meisten Individuen, die ich in der Ba-Bucht gefangen haben, sind also höchstwahrscheinlich unter einem Monat alt gewesen und wurden in der unmittelbaren Umgebung geboren.

Schwarzspitzen-Haie, die mit Langleinen gefangen wurden, wurden vermehrt in Gebieten mit erhöhter Sauerstoffsättigung angetroffen. Dies könnte verschiedene Gründe haben – eine Theorie wäre, dass die Junghaie in Gebieten jagen, in denen mehr Sauerstoff zu Verfügung steht, da der Jagdprozess einen erhöhten Sauerstoff-Bedarf zu Folge hat.

Die nächsten Monate – wissenschaftliche Publikation, Doku und PhD 

Anfang November fand in Bristol (England) die alljährliche europäische Hai-Konferenz statt, bei der Wissenschaftler aus aller Welt ihre aktuellen Forschungen rund um Knorpelfische vortrugen. Bei der European Elasmobranch Association Conference (EEA 2016) nahmen über 150 Delegierte teil, und ich bekam die Chance, eine der 76 Präsentationen zu halten. Es war ein fantastisches Wochenende, an dem ich nicht nur viele Leute kennenlernen konnte, sondern auch sehr, sehr viel Inspiration mit nach Hause genommen habe.

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Die nächsten Wochen und Monate werden nun für die wissenschaftliche Publikation, eine Dokumentation über Haie und meine Arbeit auf den Fidschi-Inseln, sowie für die Vorbereitungen für meinen Doktortitel benötigt. Mitte nächsten Jahres wird dann (hoffentlich) eine große Crowdfunding-Kampagne gestartet, denn eines ist sicher: für das Projekt auf den Fidschi-Inseln benötige ich die Unterstützung der Bevölkerung. Akustische Sender und die nötige Logistik sind teuer, und nur gemeinsam mit der weltweiten shark-community kann ich das Projekt verwirklichen!

Bis dahin alles Gute und denkt immer dran – Menschen sind gefährlicher für Haie, als Haie für Menschen!

***

Da mich SHARKPROJECT Germany großzügigerweise mit 500 Euro für mein Hai-Projekt auf Fidschi unterstützt hat, habe ich hier im Blog über meine Erfahrungen, Fortschritte und Funde berichtet. Bei Anregungen oder Fragen freue ich mich über jede Mail an tom(at)vierus.de.

Teil 1: http://www.sharkproject.org/gastbeitrag-auf-der-suche-nach-fidschis-hai-kinderstuben-von-tom-vierus-teil-1/

Teil 2: http://www.sharkproject.org/gastbeitrag-auf-der-suche-nach-fidschis-hai-kinderstuben-von-tom-vierus-teil-2/

Teil 3: http://www.sharkproject.org/gastbeitrag-auf-der-suche-nach-fidschis-hai-kinderstuben-von-tom-vierus-teil-3/

Text und Fotos (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

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