Foto_ C.Gstöttner
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Finning in MSC zertifizierten Fischereien?

Unmöglich sollte man glauben – leider aber auch heute noch allzu wahr und auch in Zukunft nicht ausgeschlossen!

Seit 2018 haben Interessensvertreter aus Umweltschutz, Handel, Fischerei und Regierungen deswegen mehrfach Briefe an das MSC geschrieben um dieses kaum vorstellbare Paradoxon im Fischerei Standard und der Zertifizierungspraxis des wohl weltweit größten Nachhaltigkeitslabels für Fisch und Meeresfrüchte zu korrigieren: Fisch mit dem MSC Siegel und der Bezeichnung „aus zertifiziert nachhaltiger Fischerei“ stammt vielfach aus Fischereien die noch immer „Finning“ betreiben und das MSC weigert sich bis heute wirksame Vorsorgemaßnahmen zu etablieren um sicherzustellen dass „Finning“ in zertifizierten Fischereien nicht mehr vorkommen kann.
Das MSC ignoriert diesbezüglich weiterhin bewusst die weltweit anerkannten Maßnahmen um dies bestmöglich zu verhindern!

Bereits 2018 hatte daher SHARKPROJECT einen gemeinsamen Brief initiiert um die Rücknahme der Zertifizierung von Fischereien, wie z.B. der PNA (Parties oft he Nauru Agreement) Thunfischfischerei im westlichen Zentralpazifik zu erwirken in denen nachgewiesenermaßen „Finning“ stattfindet. Am 5 Oktober 2018 erhielt das MSC diesen Brief zusammen mit einem ausführlichen Hintergrund Briefing – unterzeichnet von 45 Umweltschutzorganisationen, und auch dem englischen Einzelhändler Marks & Spencer (Brief vom 5. Oktober 2018 und PNA issues brief).

Bedauerlicherweise erfolgte daraufhin aber kein Einlenken seitens des MSCs um dieser weltweit größten, MSC zertifizierten Thunfischfischerei das Nachhaltigkeitssiegel zu entziehen, sondern diese wurde im Gegenteil erneut zertifiziert.
Daher ging ein zweiter Brief am 5. April 2019 an das MSC – diesmal von 57 Unterzeichnern, darunter wieder viele Umweltschutzorganisationen wie SHARKPROJECT, Greenpeace, WildAid, OceanCare, ProWildlife, Humane Society International, Gesellschaft zur Rettung der Delphine, und viele mehr….. aber auch von namhaften Wissenschaftlern wie Prof. Callum Roberts von der Universität in York, GB und Dr. Catherine Dorey. Außerdem hatten mehrere Einzelhändlern wie Migros und Woolworths, Fischereien, und sogar das südafrikanischen Fischereiministerium diesen Brief unterzeichnet. (Brief 5 April 2019)

Diesmal führten die Unterzeichner sogar jede Menge Beweise auf aus denen zu entnehmen ist, dass bewusst Fischereien zertifiziert werden ohne ausreichende Sicherheit zu haben dass „Finning“ nicht vorkommen kann und dass mehrfach Fischereien eine hohe Bewertung von SG 80 (d.h. keine weiteren Maßnahmen sind mehr erforderlich) für dieses Bewertungskriterium erhalten haben, obwohl es bereits bei der Zertifizierung eindeutige Beweise dafür gab dass „Finning“ noch immer stattfindet.

Daraufhin startete dann das MSC eine öffentliche Konsultation zu weiteren Maßnahmen gegen „Finning“, ohne aber dabei die von den Unterzeichnern geforderte, schnellstmögliche Einführung einer „Fins Naturally Attached“ Verordnung (die Flossen müssen sich bei Anlandung im Hafen noch auf natürliche Weise am Körper des Tieres befinden und dürfen daher nicht mehr auf See abgeschnitten werden; hierzu siehe auch: EU Bürgerinitiative Stop Finning – Stop the Trade ) als Option anzubieten. Es wurde lediglich angeboten zukünftig diejenigen Schiffe von der Zertifizierung für 2 Jahre auszuschließen, die rechtskräftig wegen Verstößen hinsichtlich „Finning“ innerhalb der letzten 2 Jahre verurteilt wurden – eine Begebenheit, die in vielen Teilen der Welt eigentlich niemals vorkommt und gar nicht zeitnah überprüfbar ist, v.a. wenn Fischereien mehrere hundert Boote in ihrer Flotte haben.

An der Konsultation haben neben dem WWF, der Migros und den Unterzeichnern der beiden Briefe, auch die Internationale Koalition „Make Stewardship Count“ teilgenommen. Diese Koalition aus zwischenzeitlich 90 Organisationen und Wissenschaftlern hatte in 2018 einen gemeinsamen Brief an das MSC geschrieben: Calling on MSC to live up to its vision und darin weitreichende und umgehende Verbesserungen im Zertifizierungsstandard hinsichtlich der Bewertung des Beifangs der Fischerei und deren Einfluss auf das Ökosystem gefordertCritical requirements necessary to improve Marine Stewardship Council Principle 2. Seither weist die Koalition, Make-Stewardship-Count in Gesprächen und Publikationen unermüdlich auf gravierende Missstände in MSC-zertifizierten Fischereien und die Defizite beim Zertifizierungsverfahren bzw. bei der Re-zertifizierung von Fischereien hin. Wie auch aus der konsolidierten Eingabe zum Thema Shark Finning und einem im Nachgang zu einem Informationsworkshops veröffentlichten Positionspapier zum Thema Finning ersichtlich, wird weltweit von vielen Seiten empfohlen umgehend eine „Fins Naturally Attached“ Verordnung als zwingende Voraussetzung für die Zertifizierung einzuführen und die Einhaltung dieser Verordnung ausreichend zu überwachen. Nur so kann die Reputation des MSC hinsichtlich der „Finning“ Problematik in Zukunft wiederhergestellt werden. Dabei muss eine risikobasierte Mindestüberwachungsquote für alle Fischereien mit vergleichbarem Risiko für Haiinteraktion und damit für „Finning“ gelten damit mit hoher Wahrscheinlichkeit (z.B. größer 80%) sichergestellt ist dass die Fischerei diese Verordnung auch einhält.

SHARKPROJECT ist Mitglied des Steuerungskommittees von Make Stewardship Count und war aktiv an der Erstellung der Konsultationseingabe zu dieser Konsultation beteiligt: die vorgeschlagene Maßnahme seitens MSC ist vollkommen unzureichend, die Einführung einer „Fins Naturally Attached“ Verordnung ist unabdinglich und muss deutlich schneller erfolgen als die vorgesehene Standardüberprüfung, weil sämtliche Änderungen im Rahmen der Standardüberprüfung nicht vor 2024 wirksam werden können.

Daher wurde jetzt – kurz vor der diese Woche bevorstehenden Vorstandssitzung des MSC– ein dritter, gemeinsamer Brief geschrieben (Brief vom 31. Januar 2020), in dem die 57 Unterzeichner das MSC dringendst auffordern jetzt endlich schnell aktiv zu werden und die konkreten Forderungen der Interessensvertreter aus Umweltschutz, Handel, Industrie und Wissenschaft nicht mehr länger ignorieren. Denn letztlich steht die Reputation des MSC auf dem Spiel und das Vertrauen der Verbraucher in das Ökosiegel, denn die Verbraucher hatten bereits 2018 in einer repräsentativen Umfrage von YouGov Deutschland eindeutig ihre Erwartung geäußert dass diese bestialische Methode in MSC zertifizierten Fischereien nicht vorkommen darf.

Update - April 2018
2 Monate danach ...
Was ist zwischenzeitlich passiert?

Die Forderungen der 66 Unterzeichner des offenen Briefes an den MSC stießen auf breite Zustimmung innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft und auch bei anderen Umweltschutzorganisationen. So unterstütze auch der WWF Deutschland in einer Pressemitteilung vom 24. Januar diese öffentlich mit

„WWF Deutschland teilt und unterstützt die geäußerte Kritik am MSC. Wir raten dem MSC, diese Bedenken ernst zu nehmen und entsprechende Verbesserungen an MSC Standard und Zertifizierungs- und Kontrollprozessen zügig einzuleiten.“

Die Zeitung die Welt zitierte im Wirtschaftsteil ihrer Ausgabe vom 7. Februar 2018 auch besorgte Vertreter aus der Nahrungsmittelindustrie, wie z.B. von Frosta, Iglo und der Deutschen See und mahnt, dass im Falle eines nicht Einlenkens des MSC hinsichtlich der erforderlichen Verbesserungen Das weltweit in der Industrie und im Handel verbreitetste Siegel für den Fischfang könnte dann in die Bedeutungslosigkeit abtauchen“.

Und in Großbritannien haben kürzlich auch einige Lebensmittelhändler Briefe an den MSC geschickt in denen Sie Ihre Bedenken äußerten.

 

Also tut sich jetzt endlich etwas – aber wie reagiert der MSC auf den zunehmenden öffentlichen Druck?

Kaum zu glauben aber wahr –  er steckt den Kopf in den Sand!

Denn außer einem kurzen, an Dr. Iris Ziegler/SHARKPROJECT persönlich gerichteten Brief von Rupert Howes, dem CEO des MSC, in dem er den Erhalt des Briefes und die bereits in 2017 erfolgten Anschreiben und  Gesprächsbereitschaft der Koalition bestätigt ist NICHTS geschehen – zumindest NICHTS das man als konstruktive Gesprächsbereitschaft interpretieren könnte.

Vielmehr hat es der MSC vorgezogen die im Brief geforderten Verbesserungen und die Beispiele von Fischereien die zeigen warum diese Verbesserungen dringend erforderlich sind, aus dem Kontext zu reißen und in seinen Pressemitteilungen unvollständig, verzerrt oder komplett falsch widerzugeben und als unrealistische, überzogene Forderungen abzutun.

Schade, denn die oft gemachte Aussage „MSC welcomes stakeholder engagement and input“ scheint augenscheinlich dann nicht zu gelten wenn solche – wohlgemerkt konstruktive Kritik – zwar der Umwelt dient aber die selbstgesetzten Wachstumsziele des MSC behindert, der nach eigene Aussage bis 2020 20% des weltweiten Wildfangs an Fisch zertifiziert sehen möchte und bis 2030 sogar ein Drittel!

 

Der Widerstand gegen den MSC und die weltweite Unterstützung für „Make Stewardship Count“ wächst weiter

Aber dieses Verhalten des MSC ebenso wie das öffentliche Interesse hat die Koalition noch weiter bestärkt dass es zwingend notwendig ist diese Verbesserungen der Standards durchzusetzen und zwar jetzt!

Ansonsten verliert der Verbraucher komplett das Vertrauen in dieses Nachhaltigkeitssiegel, das längst nicht mehr für das steht, wofür es eigentlich einmal gegründet wurde: den nachhaltigen Umgang mit unseren marinen Ressourcen um die Artenvielfalt der Meere auch für zukünftige Generationen zu bewahren.

Und auch die Anzahl unserer Unterstützer ist weiter gewachsen, denn immer mehr Wissenschaftler und Organisationen sind es leid, den ewigen Versprechungen des MSC zu glauben dass sie selbst ihren Standard kontinuierlich verbessern.

So sind wir zwischenzeitlich bereits auf 75 angewachsen … Tendenz steigend!

Und es gibt jetzt auch eine eigene Kampagnen Website, die über die Intentionen und den Stand der Kampagne informiert: „Make-Stewardship-Count“ – www.make-stewardship-count.org – heißt diese und will den MSC auffordern endlich für seine Mission, den Schutz der Meere, einzustehen bzw. echte Verantwortung hierfür zu übernehmen.

Und deswegen wird es im April im Rahmen der diesjährigen Seafood Expo in Brüssel eine Podiumsdiskussion mit renommierten Experten aus Wissenschaft, Fischerei, Handel und Umweltschutzorganisationen geben, die sich mit den erforderlichen Verbesserungen des Standards und des Zertifizierungsprozesses insgesamt befasst und warum diese so essentiell für die Glaubwürdigkeit des MSCs bei seinen Kunden, den wirklich nachhaltigen Fischereien, den Händlern, und letztendlich den Verbrauchern, d.h. uns Allen sind.

Denn nur wenn die Verbraucher von der Nachhaltigkeit des unter dem MSC Siegels angebotenen Fisches auch überzeugt sind und damit dem Siegel vertrauen können werden sie auch zukünftig beim Einkauf dieses bevorzugen und damit langfristig Verantwortung für die Zukunft unserer Meere übernehmen können.

Was tut Sharkproject jetzt?

Wir sind natürlich weiterhin bei dieser Kampagne voll mit dabei und als Mitglied des Kernteams auch maßgeblich an den weiteren Schritten und Aktionen beteiligt, so auch bei der anstehenden Podiumsdiskussion in Brüssel am 25 April 2018.

Aber wir engagieren uns auch darüber hinaus weiterhin bei der Bewertung von Fischereien, die sich derzeit in Zertifizierung befinden und leider in zunehmender Zahl absolut nicht nachhaltig sind, wie z.B. gerade wieder die spanische Echebastar Thunfischflotte im Indischen Ozean.

Ebenso wie IPNLF und der WWF hat Sharkproject gegen die Zertifizierung dieser Fischerei formalen Einspruch beim MSC eingelegt und begründet.

Echebastar, fängt mit Ringwadennetzen und umhertreibenden, künstlichen „Fischsammlern“, den sog. „drifting FADs“ jährlich mehr als 7000 Baby Seidenhaie für ca. 35.000 Tonnen Thunfisch – wobei nur ca. die Hälfte des Thunfischfanges nämlich der Bonito zertifiziert werden soll. Der andere Teil, bestehend aus Gelbflossenthunfisch und Großaugenthunfisch sind im Indischen Ozean kritisch überfischt und können nicht nachhaltig befischt werden bevor die Bestände wieder aufgebaut wurden.

Aber weder der hohe Beifang an noch nicht geschlechtsreifen Seidenhaien, der aber nach Ansicht des CABs noch nicht einmal einer Auflage zur schrittweisen Reduzierung bedarf, noch das Risiko der unwiderruflichen  Zerstörung empfindlicher Lebensräume wie Korallenriffen durch verlorengegangene und gestrandete „Fischsammlerflösse“ waren für den Zertifizier besorgniserregend. Und das obwohl das gesamte Ausmaß solcher FADs auf diese Ökosysteme in Ermangelung zuverlässiger Daten bis heute überhaupt nicht komplett abschätzbar ist.

Des weiteren ist das vom Zertifizierer angedachte Bestandsmanagement und Fangquotenbeschränkungen für den Wiederaufbau der bedrohten Gelbflossenthunfischbestände weder geeignet noch auf den Seychellen so überhaupt umsetzbar.

Wenig vertrauensbildend ist auch die Tatsache dass die 5 hochseetauglichen Schiffe der Flotte über die letzten 4 Jahre hinweg ihr automatisches Schiffsidentifizierungssignal systematisch ausschaltet haben und so ihre Fangfahrten nicht über Satellit kontrolliert werden können. Und trotz der Angabe 100% der Fänge durch Beobachter verifizieren zu lassen sind noch nicht einmal 40% der Fänge bezüglich des Beifangs ausgewertet worden und standen somit für die Zertifizierung zur Verfügung.

Auch wurden keine zuverlässigen Beweise vorlegt, dass auf den 5 Schiffen nicht doch „Finning „ stattfindet zumal noch nicht einmal die in der EU verpflichtende Regelung zur Anwendung kommt, dass Haiflossen nur dann angelandet werden dürfen, wenn sich die Flossen am Körper des Tieres befinden. Vielmehr gibt sich der Zertifizierer mit der gängigen 5% Regel zufrieden nach der das Gewicht der separat angelandeten Flossen max. 5% des Lebendgewichts der Tiere ausmachen darf – und das obwohl es sich bei Echebastar um eine spanische Fischerei mit Firmensitz in Spanien handelt, auch wenn nur 2 der 5 Schiffe offiziell unter spanischer Flagge fahren. Dass die oben genannte 5% Regel keinen effektiven Schutz zur Vermeidung von „Finning“ darstellt ist unter Wissenschaftlern und Umweltschützern unbestritten. Denn wie will man im gefrorenen Zustand oder nach mehreren Wochen auf Hoher See noch zuverlässig nachweisen welche Flosse von welchem Hai stammt und wie viel dieses Tier lebend gewogen hat bzw. ob dann das Flossengewicht 5% dieses Lebendgewichts ausgemacht hätte?

Und darüber hinaus zeigt sich jetzt auch, dass der MSC seinen eigenen, neuen „Streamlining Process“, der die Zertifizierung schneller, einfacher und kostengünstiger machen sollte, nicht einmal selbst umsetzen kann. So wurden im Laufe des Einspruchsverfahrens bisher fast jede im „Streamlining Process“ beschriebene Vorgehensweise kurzfristig geändert – aber uns als Einsprechenden keine Möglichkeit zur Anpassung eingeräumt, wenn wir um mehr Zeit oder die Möglichkeit baten zusätzliche wissenschaftliche Daten heranzuziehen zu dürfen wenn diese erst in den letzten Monaten bekannt wurden.

Aber trotz der eklatanten Defizite der Echebastar hinsichtlich des Umweltschutzes und der Transparenz ihrer Fischereiaktivitäten ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sie als erste Fischerei in der MSC Geschichte überhaupt, für den Einsatz von künstlichen Fischsammlern bei der Ringwadenfischerei auf Thunfisch zertifiziert werden.

Vor allem in Anbetracht der Beispiele aus der jüngsten Zertifizierungsgeschichte ist es offensichtlich, dass der MSC diese Fischerei um jeden Preis zertifizieren will.

Denn zuletzt wurde sogar die PNA (Parties of the Narau Agreement) Fischerei im westlichen Zentralpazifik trotz des massiven und umfassenden Widerspruchs von IPNLF erneut für 5 Jahre zertifiziert; und das obwohl der MSC kürzlich angekündigt hat, dass die von dieser Fischerei angewandte Praxis, nämlich die künstliche Aufteilung des Fanges in einen mit umweltverträglichen Methoden gefangenen Teil und einen anderen Teil bei dem durch den Einsatz von künstlichen „Fischsammlern“ (sog. drifting FADs) ein vielfach höherer Beifang an Jungfischen und jungen Seidenhaien generiert wird. Diese Praxis gilt allgemein bisher als nicht nachhaltig und damit als nicht zertifizierbar. Ab 2019 soll diese künstliche Auftrennung nicht mehr zulässig sein wird. Zudem gibt es auch den begründeten Verdacht, dass in dieser Fischerei immer noch regelmäßig „Finning“ vorkommt, obwohl offiziell verboten. Aber der Zertifizierungsagentur Acoura Marine reichten die Bestätigung des Fischereimanagements aus und im Einspruchsverfahren wurden die von IPNLF vorgelegten Belege vom unabhängigen Schiedsrichter aus formalen Gründen nicht anerkannt.

Offener Brief von SHARKPROJECT und 65 Umweltschutzorganisationen, Wissenschaftlern und Einzelpersonen mit Forderungen an den MSC

SHARKPROJECT und weitere 65 Umweltschutzorganisationen, Wissenschaftler und Einzelpersonen haben gemeinsam vom Marine Stewardship Council (MSC) weitreichende und umgehende Nachbesserungen am Zertifizierungsstandard gefordert, mit dem Ziel, den Nachhaltigkeitsanspruch des MSC-Siegels zu rehabilitieren.

Der Marine Stewardship Council (MSC) hat diese Forderungen in einem offenen Brief am 18. Januar 2018 (PDF, 336 kB) erhalten mit der Aufforderung, bis zum 12. Februar 2018 mit konstruktiven Vorschlägen zu reagieren.

Die Allianz appelliert an den MSC, den Dialog aufzunehmen, um die Forderungen zügig umzusetzen. 

Zum Hintergrund

Vor 21 Jahren wurde der MSC als Resultat einer gemeinsamen Initiative des WWF und Unilever gegründet, um der Überfischung der Ozeane Einhalt zu gebieten und dem Verbraucher eine echte Alternative beim Einkauf zu bieten; die Wahl zwischen Fisch aus nachhaltigem Fang oder dem aus konventioneller Fischerei mit entsprechender Zerstörung unserer Ozeane.

Als damals die ersten Fischereien mit dem blauen MSC-Logo im Handel erschienen schien es, als sei eine echte Lösung für den umweltbewussten Verbraucher gefunden. Wer kann als Verbraucher schon anhand des Handelsnamens oder Fanggebietes erkennen, ob durch den Fang eines Fisches ein bereits überfischter Bestand an Gelbflossenthunfisch weiter ausgebeutet wird, empfindliche Meeresgebiete mit Schleppnetzen umgepflügt werden, oder bedrohte Tierarten qualvoll als Beifang sterben?

Im Gegensatz zu anderen Fischsiegeln am Markt beruht das MSC-Siegel auf einer Zertifizierung durch unabhängige Zertifizierungsagenturen, die anhand eines veröffentlichten Anforderungsstandards die Fischerei beurteilen. Dabei können sich auch Umweltschutzorganisationen und Wissenschaftler in die Bewertung einbringen und erforderlichenfalls ein Schiedsgerichtsverfahren einleiten. Eigentlich wirklich ein „Goldstandard“.

Was heißt das für den Verbraucher?

Der Verbraucher verliert angesichts solcher Informationen mehr und mehr das Vertrauen in das Siegel. Er wird dann keine gezielte Auswahl mehr treffen, sondern irgendeinen Fisch kaufen, wie es auf dem Sektor der Bioprodukte bereits stattgefunden hat. Den Ozeanen ist dadurch nicht geholfen.

Deshalb fordern Umweltorganisationen weltweit schon seit längerer Zeit, dass der MSC endlich seinen Standard insbesondere hinsichtlich der Bewertung des Beifangs und der Einflüsse auf die marinen Ökosysteme „nachbessert“, und das Zertifizierungsverfahren so abändert, dass eine echte Unabhängigkeit der Zertifizierungsagenturen gewährleistet ist. Bisher beauftragt und bezahlt die zu Fischerei die Zertifizierungsagentur selbst.

Leider scheiterten bisher aber alle Versuche beim MSC ein Umdenken zu bewirken – selbst die von großen Umweltschutzorganisationen.

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Was ist aus diesem Goldstandard geworden?

Zunehmend wurden in den letzten Jahren Fischereien zertifiziert, von deren Nachhaltigkeit die Wissenschaftler und Umweltschutzorganisationen nicht überzeugt sind. Dies hat einen Grund in den Wachstumsvorgaben des MSC selbst. In seinem Jahresbericht 2017 setzt sich der MSC ein hohes und zugleich kontroverses Ziel: “Wir werden unsere Bemühungen für den Schutz unserer Ozeane noch weiter erhöhen, noch mehr Fischereien dabei unterstützen, die Zertifizierung zu erlangen und zu behalten, und die Versorgung mit Fisch für diese und zukünftige Generationen sicherstellen.

Um dieses Ziel zu erreichen (20% des weltweiten Fangs aus MSC-zertifizierter Fischerei bis zum Jahr 2020 und mehr als 33% bis 2030), müssen ständig zusätzliche Fischereien zertifiziert werden.

Einfache und kleine Fischereien wie Handleinen-, Angelruten-, oder Harpunenfischereien reichen zum Erreichen dieses Soll-Wachstums bei weitem nicht aus, so dass in den letzten Jahren vermehrt große Fischereien mit zweifelhaften Fangmethoden in das Bewertungs-und Zertifizierungsprogramm aufgenommen wurden.

Es gibt eine wachsende Anzahl an problematischen Zertifizierungen, die trotz der datenbasierten und wissenschaftlich untermauerten Einsprüche von Umweltschutzorganisationen zertifiziert wurden:

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• Eine Thunfischfischerei in Mexiko setzt ihre Ringwadennetze gezielt über Delphinschulen aus, um so einen in deren Nähe vermuteten Fischschwarm zu fangen. Zwar werden die Delphine kurz vor dem Einholen der Netze herausgetrieben oder von Tauchern befreit, aber diese Methode führt dennoch oftmals zu schweren Verletzungen oder zum Tod der Tiere und stellt einen permanenten Stressfaktor für die kleinen oder gar gefährdeten Bestände dar. Die Fischerei wurde trotz weltweiter Kritik und eines Einspruchs des WWF als ,nachhaltig’ zertifiziert. Kürzlich wurde bekannt, dass genau diese Fischerei in Meeresschutzgebieten fischt, in denen der Fischfang verboten ist.

• Die größte Thunfischfischerei im westlichen und mittleren Pazifik (PNA) mit einem Fangvolumen von über 1,2 Millionen Tonnen Thunfisch (Bonito und Gelbflossenthunfisch) soll gerade wieder für die Hälfte ihres Fanges re-zertifiziert werden, weil dieser Teil mit einer Fangmethode (freie Netze) gefangen wird, der wenig Beifang verursacht. Aber: mit den gleichen Schiffen wird während der gleichen Fangfahrt und oft sogar am gleichen Tag auch eine andere Ausprägung der gleichen Fangmethode eingesetzt, bei der gezielt künstliche Flöße ausgesetzt werden, die auch als „Fischsammler“ bezeichnet werden, weil sich unter ihnen viele Fische ansammeln, um Schutz vor Feinden zu suchen. Die Fischer müssen die Schwärme nicht mehr mühsam suchen, sondern peilen die umhertreibenden „Fischsammler“ direkt an. Die Netze werden dann über diese Flösse gesetzt und der gesamte darunter befindliche Schwarm an Bord gehoben. Dabei handelt es sich v.a. um junge Thunfische, aber auch um viele junge Seidenhaie, die ebenfalls dort Schutz suchen und gerade deshalb vielfach Opfer dieser Fangweise werden. Wie viele dies genau sind, muss die Fischerei weder angeben, noch muss sie versuchen, diese Anzahl zu reduzieren: denn dieser Teil des Fanges ist nicht MSC-zertifiziert. Dass die Fischerei für den Tod von fast 68.000 Haien pro Jahr verantwortlich ist, wird nicht weiter bewertet. Auch wird ausgeblendet, dass noch im Jahr 2015 – über 3 Jahre nach der ersten Zertifizierung – über 300 Fälle von „Finning“ von Beobachtern an Bord berichtet wurden. Die Zertifizierungsagentur nahm diese Aspekte auch nicht zum Anlass, für die Re-Zertifizierung Auflagen zu erteilen, den Beifang zukünftig zu verringern

• Eine auf Schwertfisch ausgerichtete, kanadische Langleinenfischerei wurde kürzlich re-zertifiziert, obwohl für den Fang von nur 20.000 Schwertfischen jährlich 100.000 Haie (meistens Blauhaie) als ungewollter Beifang gefangen und tot oder sterbend über Bord geworfen werden. Mindestens 1.200 gefährdete Meeresschildkröten sind ebenfalls als Beifang dieser Fischerei betroffen.

Weitere Beispiele sind im englischsprachigen Annex dargestellt.

Offener Brief  (pdf, 336 kB)

Annex (pdf, 666 kB)

Offener Brief der bisher 66 Zeichner vom 18. Januar 2018

Nun haben 66 Umweltschutzorganisationen, Wissenschaftler und Einzelpersonen gemeinsam vom MSC weitreichende und umgehende Nachbesserungen am Zertifizierungsstandard gefordert, mit dem Ziel, den Nachhaltigkeitsanspruch des MSC-Siegels zu rehabilitieren.

Der MSC hat diese Forderungen in einem offenen Brief am 18. Januar 2018 erhalten mit der Aufforderung, bis zum 12. Februar 2018 mit konstruktiven Vorschlägen zu reagieren.

Zwei Themenbereiche sind besonders dringend und daher bis spätestens Ende 2018 umzusetzen und nicht, wie vom MSC beabsichtigt, erst ,eventuell‘ im Rahmen der nächsten Regelüberprüfung im Jahr 2020:

  • Der aktuelle Zertifizierungsstandard „CRv2.0“ weist gravierende Lücken zu Fragen des Beifangs und der Zerstörung des Lebensraums auf – neben dem Zielfisch muss auch der Beifang hinsichtlich seiner Nachhaltigkeit ganzheitlich in die Bewertung einfließen;
  • Die Zertifizierungspraxis mit ihren Abläufen und Abhängigkeiten an sich muss verbessert werden.

Die Allianz appelliert an den MSC, den Dialog aufzunehmen, um die Forderungen zügig umzusetzen.

Diese sieben Forderungskategorien umfassen folgende Themengebiete:

(weitere Details im englischsprachigen „Offenen Brief“)

  • Die gesamte Auswirkung der zu zertifizierenden Fischerei auf das marine Ökosystem ist zu betrachten und dabei sind sowohl Einflüsse von MSC zertifizierten Fischereien als auch die aller anderen Fischereien in einem Gebiet zu berücksichtigen
  • Alle Fangaktivitäten einer Fischerei für die Zielspezies müssen im Rahmen der Bewertung betrachtet werden.
  • MSC-zertifizierte Fischereien dürfen nicht zur Zerstörung der Artenvielfalt der Meeresböden beitragen.
  • Die zur Zertifizierung der Fischerei verwendeten Daten müssen transparent und vollständig und für die am Bewertungsprozess beteiligten Umweltschutzorganisationen überprüfbar sein.
  • Auflagen für die Zertifizierung einer Fischerei müssen vor der ersten Re-Zertifizierung vollständig erfüllt sein.
  • Die Bewertung einer Fischerei hinsichtlich der gewünschten Zertifizierung darf nur durch Zertifizierungsagenturen erfolgen, die wirtschaftlich von der zu zertifizierenden Fischerei unabhängig sind und nicht von dieser beauftragt oder direkt bezahlt werden.
  • Der MSC muss den wissenschaftlichen Standard und die Nachhaltigkeitsziele des Programms proaktiv überprüfen und aufrechterhalten.

Mit seiner Reaktion auf diese dringliche Aufforderung der internationalen Gemeinschaft an Meeresschutzorganisationen hat es der MSC selbst in der Hand, sich für den einen oder den anderen Weg zu entscheiden: ein Verbrauchersiegel, das nachhaltig gefangenen Fisch garantiert – auch und insbesondere hinsichtlich des Beifanges – oder nur ein Märchen, dem dann bald niemand mehr glauben wird.

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