1. Februar 2019 Nils Kluger

Europas Meeresschutzgebiete: Das Trawling-Problem

(c) Friederike Kremer-Obrock / Sharkproject

Kurz vor Weihnachten erschien im Wissenschaftsjournal Science eine neue Studie, die zeigt: Innerhalb von Meeresschutzgebieten der EU wird bis zu 46% mehr Trawling betrieben als außerhalb.

In Zeiten von Überfischung und Korallensterben werden weltweit die Forderungen nach Meeresschutzgebieten laut. Weniger als 5% unserer Ozeane sind geschützte Regionen, in denen sich überfischte Populationen erholen können. Dagegen stehen in der EU bereits 29% der innerstaatlichen Gewässer unter Schutz, vornehmlich entlang der Küsten von Deutschland, den Niederlanden bis hinunter nach Spanien und Portugal, rings um die britischen Inseln und verstreut in der Nordsee. Einen guten Überblick liefert die Webseite protectedplanet.net.

Der Großteil industrieller Fischerei wird in Europa mit Schleppnetzen betrieben, eine Methode, die oft mit viel Beifang verbunden ist und eine Bedrohung für bereits gefährdete Arten darstellt. Manuel Dureuil und seine Kollegen der Dalhousie Universität in Kanada haben nun die AIS (automatic identification system) – Daten der EU-Fangflotten für 2017 ausgewertet. Das schockierende Ergebnis: Die Meeresschutzgebiete der EU verhindern die Befischung nicht im Geringsten. Fast zwei Drittel (59%) aller 727 untersuchten Meeresschutzgebiete werden mit Schleppnetzen befischt, und die Intensität dieser Befischung ist im Schnitt 1,4-mal so hoch wie in nicht-geschützten Gegenden. Entlang der Küsten wird besonders intensiv gefischt.

Die Ursache dafür sehen die Forscher vor allem im Management: für mehr als die Hälfte der Gebiete liegt kein Management-Plan vor, und nicht einmal jedes zehnte Meeresschutzgebiet entspricht den IUCN Standards (wer diese nachlesen möchte, findet sie auf der Webseite der IUCN hier) ). Es genüge nicht, Areale einfach als Meeresschutzgebiete auszuweisen, schreiben die Wissenschaftler. Die beeindruckende Ausdehnung der europäischen Schutzgebiete vermittle ein falsches Bild von erfolgreichen Naturschutzbemühungen.
Ein weiterer interessanter Aspekt der Studie: Die Trawling-Intensität beeinflusst maßgeblich und vorhersehbar die Häufigkeit von Knorpelfischen. Außerhalb der Meeresschutzgebiete war sie mehr als doppelt so hoch wie innerhalb, (stark) gefährdete Arten nach IUCN-Richtlinien waren sogar fünfmal häufiger in nicht-geschützten Arealen zu finden. „Es bleibt noch viel zu tun“, heißt es am Ende des Artikels.

„Haie und Rochen gehören zu den am stärksten bedrohten Meeresbewohnern in Europa. Daher waren wir interessiert, ob diese Arten von den umfangreichen Schutzgebieten in der EU profitieren, oder ob es hier noch Nachholbedarf gibt“, erläutert Manuel Dureuil, Präsident der Haiforschungsorganisation ShARCC und Hauptautor der Studie gegenüber Sharkproject.

Ein Beispiel aus Deutschland: Das Schutzgebiet Borkum-Riffgrund könnte ein potentiell wichtiges Gebiet für bedrohte Arten wie dem Hundshai sein, ist aber eines der Schutzgebiete mit der höchsten Schleppnetzintensität, rund 20-mal höher als in nicht geschützten Gebieten.

Manuel Dureuil erklärt dazu: „Zwar ist der Zweck vieler Schutzgebiete in der EU nicht der Schutz von Knorpelfischen, sondern der Schutz der Biodiversität, und hier sind Knorpelfische gute Indikatoren. Oft sind es die ersten, die verschwinden, und die letzten die wiederauftauchen“, so Dureuil weiter. Ein Gebiet mit vielen Haien und Rochen spiegelt daher wahrscheinlich eher ein naturnahes Gebiet wieder. Die Studie zeigt auf, dass es in Regionen mit hoher Schleppnetzintensität bis zu 69% weniger Haie und Rochen gibt. Deshalb müssen wir Europäer müssen uns nun fragen, welche Art von Schutzgebieten wir wollen. Unser Vorschlag: endlich den IUCN Standards folgen, damit Schutzgebiete effektiv Biodiversität schützen können“.

Zur Studie:

Dureuil et al.: Elevated trawling inside protected areas undermines conservation outcomes in a global fishing hot spot. Science, 21. Dezember 2018.http://science.sciencemag.org/content/362/6421/1403

 

 

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