4. Mai 2020 Maria Paternoga

Die Unterwasser berichtet: MSC-Siegel – Mehr Schein als sein!

Foto: Adobe Stock

Wir laufen Gefahr, in den nächsten Jahrzehnten eine Million Arten zu verlieren! Die weltweite Bedrohung vieler Meeresbewohner nimmt beängstigende Ausmaße an. So gelten 82 der 494 bewerteten Haiarten bereits als »bedroht«. Und der Welt-Biodiversitätsrat warnte 2019, dass wir in den nächsten Jahrzehnten über 30 Prozent aller Hai- und Rochenarten sowie ein Drittel aller Meeressäuger und riffbildenden Korallen verlieren werden – vor allem durch den Einfluss der kommerziellen Fischerei.

Nachhaltiger Fischfang?

Insbesondere im deutschsprachigen Raum achten bereits viele Menschen beim Fischkauf auf Nachhaltigkeit und vertrauen dabei auf das »Ozeane voller Leben«-Versprechen des MSC-Siegels. In der Annahme, dass dieser Fisch nicht aus überfischten Beständen stammt, und beim Fang nicht zahllose andere Meeresbewohner als sogenannter Beifang sinnlos sterben. Die Mehrheit erwartet auch, dass zerstörerische Fangmethoden, hoher Beifang, das Einkesseln von Delfinen oder gar das illegale »Finning« von Haien beim MSC ausgeschlossen sind.

Ausverkauf trotz »Nachhaltigkeit«

In Wirklichkeit werden aber viele Fischereien zertifiziert, obwohl sie solche Fangmethoden einsetzen und den Beifang bedrohter Meeresbewohner bewusst in Kauf nehmen, weil der MSC-Standard dies zulässt: Die Thunfischfischerei in Mexiko verfolgt und kesselt gezielt Delfine in Fangnetzen ein. Die Hummer- und Eismeerkrabbenfischerei in Nordamerika nimmt in Kauf, dass bedrohte Nordkaperwale in den Stellleinen sterben. Die spanische Ringwadenfischerei mit »Fischsammlern« wird trotz des Beifangs von tausenden jungen Seidenhaien als nachhaltig gekürt. Und seit kurzem gilt fast die gesamte Nordsee-Bodenfischerei als nachhaltig – trotz fortwährender Verstöße gegen das Rückwurfverbot und massiver kumulativer Auswirkungen auf das Ökosystem. In der größten Thunfischfischerei im Westpazifik wurde allein im zertifizierten Teil der Fischerei das »Finning« von über 2500 Haien bekannt. Und obwohl Umweltschützer, Wissenschaftler und sogar Einzelhändler wie die Migros mehrfach forderten, »Fins Naturally Attached« als Zertifizierungsvoraussetzung einzuführen, hat MSC dies bisher kategorisch abgelehnt. »Es ist unglaublich, dass diese weltweit als wirksamste Maßnahme gegen »Finning« anerkannte Anforderung bei MSC-zertifizierten Fischereien, wenn überhaupt, dann frühestens 2030 umgesetzt wird«, kritisiert Sharkproject.

»Make Stewardship Count« fordert Verbesserungen!

Wer alles zu den Unterstützern der neuen Forderungen an das MSC-Siegel gehört, sieht man auf dieser eindrucksvollen Darstellung.

Auch »Make Stewardship Count« (www. make-stewardship-count.org) fordert vom MSC schnell weitreichende Verbesserungen bei Beifang und Artenschutz. Die internationale Koalition aus 92 Mitgliedern, zu denen auch Sharkproject, Greenpeace, NRDC, Born Free, ProWildlife, GRD, VDST, EJF, Ecology Action Centre, Stop Finning, AGA, Fins Attached, Bloom, OceanCare, AWI sowie namhafte Wissenschaftler wie Prof. Callum Roberts zählen, beteiligt sich an der Standardüberprüfung des MSC und will dabei auch die Transparenz des Prozesses sowie die Möglichkeiten zur Beteiligung und Einflussnahme für alle Interessensvertreter genau im Auge behalten. Und bei Verstößen öffentlich rügen. Denn gerade daran habe es in der Vergangenheit stets gemangelt, ist in der Mitteilung der Koalition zu lesen.

Das Siegel muss halten, was es verspricht!

»Wir brauchen definitiv mehr nachhaltigen Fischfang. Aber die Verbraucher müssen sich auch darauf verlassen können, dass dieser Fisch insgesamt umweltverträglich und ohne Beifang an bedrohten Arten gefangen wurde«, sagt Kate O’Connell vom Animal Welfare Institute.

Die Kernforderungen an den MSC (Quelle: www.make-stewardship-count.org):

✓ Die gesamte Auswirkung der zu zertifizierenden Fischerei auf das marine Ökosystem muss bewertet werden.

✓ Der Beifang der Fischerei muss kontinuierlich reduziert werden und bei besonders bedrohten Arten sogar gegen Null gehen.

✓ Sämtliche Fangaktivitäten einer Fischerei müssen für den gesamten Fang nachhaltig sein und nicht nur für die Zielspezies allein.

✓ MSC-zertifizierte Fischereien dürfen nicht zum Verlust der Artenvielfalt oder zur Zerstörung empfindlicher Lebensräume am Meeresboden beitragen.

✓ Die Zertifizierung einer Fischerei muss beweisgestützt erfolgen, und die verwendeten Daten müssen transparent und überprüfbar sein.

✓ Alle Auflagen für die Zertifizierung einer Fischerei müssen vor der ersten Re-Zertifizierung vollständig erfüllt sein.

✓ Die Zertifizierungsagenturen müssen wirtschaftlich von der zu zertifizierenden Fischerei unabhängig sein.

✓ Das MSC muss den Stand der Wissenschaft proaktiv implementieren und seine eigenen Nachhaltigkeits-Ansprüche auch umsetzen.

Weitere Informationen zum Thema:

IUCN ROTE LISTE: www.iucnredlist.org

MSC ANNUAL REPORT: www.msc.org/docs/

MAKE STEWARDSHIP COUNT: www.make-stewardship-count.org

WWF: www.wwf.de

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