27. Januar 2021 Christine Gstöttner

Die häufigsten Vorurteile über Haie – ein Auszug aus Blind Dates

Ch.Gstöttner

Eine Umfrage in der deutschen Öffentlichkeit zum Thema Hai brachte es an den Tag. Was wir Menschen über Haie zu wissen glauben, beruht mehr auf Vorurteilen und Legenden als auf Fakten.
So glauben über 80 % der Befragten, dass Weiße Haie mit Vorliebe Menschen fressen. Upps – da ist es wieder, das Horrorszenario, das wir alle schon einmal in dieser Form im Kino oder Fernsehen gesehen bzw. gelernt haben. Aber – Gott sei Dank – das ist eine Legende, nichts weiter als ein Vorurteil. Genauso wie das beharrlich verbreitete Gerücht vom Serienkiller oder dass Haie von Menschenblut angezogen werden.

Im SHARKPROJECT Buch Bild Dates sind Gerhard Wegner und Christine Gstöttner Vorurteilen auf den Grund gegangen und die ausführlichen Erklärungen und Auswertungen finden Sie in dem sehr umfangreichen Kapitel darüber.
In Summe wurden 29 Experten mit rund 40.000 Haitauchgängen, die tagein tagaus mit Haien arbeiten, sie beobachten fotografieren und filmen, ausführlich zu Vorurteilen interviewt. Die Antworten auf ja/nein/vielleicht herunter zu brechen ist schwierig und bedarf großteils der gesamten Antworten um sie umfassend verstehen zu können. Ein „vielleicht“ kann zusammen mit der Erklärung auch ein ja oder nein bedeuten. Wenn Sie also Interesse an den Hintergründen und Geschichten dazu haben, sollten Sie das Buch zur Hand nehmen und nachlesen. Wir haben hier versucht eine knappe Zusammenfassung zu geben.

Das Buch gibt es im Shark Care Shop, dem gut sortierten Fachhandel, bei Amazon und als Interaktives Buch bei Ocean Heroes.

Menschenfressende Haie

In einer Umfrage der Haischutzorganisation Sharkproject waren 82,4 % der Befragten der festen Überzeugung, dass Haie Menschen fressen. Und das ist kein Wunder: Liest man die Sensationsmeldungen über einen aktuellen Haiunfall und hat dazu noch die Bilder diverser Horrorfilme im Kopf, ist es klar wie Kloßbrühe: Haie sind Menschenfresser! Wir Menschen sind Fast Food für sie. Überall in den Meeren scheinen sie dem langsamen, unbeweglichen und wehrlosen „Homo leckerli“ aufzulauern, um sich mal richtig an ihm satt zu fressen.
Unzählige Geschichten kursieren im Internet über Badende, die komplett von einem Hai verschluckt oder zumindest zu einem großen Teil gefressen wurden. Unterstützt werden sie meist von Bildern von Haiopfern ohne Arm oder Bein, dazu im Hintergrund der weit aufgerissene Rachen eines Weißen Hais. Oder, wie in unserem Buch, eine hübsche junge Frau, halb verschluckt von einem riesigen Weißen Hai.
Upps – kann man da nur sagen. Alle Menschen sofort raus aus dem Meer – die Haie kommen!
Fressen Haie also Menschen? Sind sie 24 Stunden lang auf der Jagd nach dem „Homo leckerli“?

Das Fazit unserer Experten: Trotz unterschiedlicher Voten von »Nein« über »Vielleicht« bis »Ja« sind sie sich im Grunde sehr einig. Menschen gehören nicht ins Beuteraster der Haie. Aber Gelegenheit macht Diebe, wie der Volksmund sagt. Bei einer vorbeitreibenden Leiche würde wohl kein Raubfisch Nein sagen. Und wenn das Tier die richtige Größe und die richtigen Zähne hat, wie z. B. ein großer Weißer Hai, dann kann ein Mensch auch mal Beute sein, wie es vor allem André Hartman aus eigener Erfahrung berichtet.
Bleibt festzustellen: Das Vorurteil, dass Haie Menschen fressen, stimmt nicht. Besonders nicht in der verschärften Form, dass sie gezielt Menschen jagen. Aber »Ausnahmen bestätigen die Regel«, wie es der Volksmund so treffend ausdrückt.

Haiangriffe wegen Nahrungsmangel

Ein immer neu aufgelegtes Medien-Thema – das besonders nach Haiunfällen hochkocht. Der Inhalt klingt zunächst logisch: Der Hai hat den Menschen nur gefressen, weil er in seinem Lebensraum nicht mehr genügend Nahrung fand! Einige Medien titeln sogar: »Das Meer schlägt zurück!« So eine Art Öko-Rache, wie sie Frank Schätzing ähnlich in seinem Bestseller »Der Schwarm« beschrieben hat. Die Natur wehrt sich gegen den Menschen, der sie zerstört. Wobei in unserem Fall die Natur sich einen Kämpfer sucht, vor dem die Menschen sowieso schon irrsinnige Angst haben. Vor unserem inneren Auge können wir das Szenario regelrecht vor uns sehen: ein einsamer Hai, der durch ausgestorbene Unterwasserlandschaften schwimmt und dessen Magen hörbar knurrt. Ein schönes Thema für eine Haiunfall-Berichterstattung – aber wie sehen das unsere Experten?

Ein ziemlich eindeutiges Ergebnis. Aber doch mit sehr unterschiedlichen Begründungen und interessanten Ansichten.
Die Antwort auf die Frage, ob Haie aus Nahrungsmangel Menschen angreifen, wurde mehrheitlich mit »Nein« beantwortet. Einig sind sich alle Experten darin, dass es sonst zu Tausenden von Toten kommen würde. Also alles Quatsch, schon aus dem gesunden Menschenverstand heraus! Aber es gibt auch Einschränkungen. Grundsätzlich könnten große Haie sehr wohl unter bestimmten Umständen einen Menschen als Beute behandeln (= sehr hungrig, oder zu alt und zu langsam für die normale Jagd etc.).
Und Fakt scheint auch zu sein, dass Haie im Meer treibende menschliche Leichen nicht verschmähen. Aber das sind seltene Ausnahmefälle oder Spekulationen, die geringe Zahl der weltweiten Haiunfälle spricht eine andere Sprache. Nahrungsmangel scheint es im Meer, zumindest für Haie, noch nicht zu geben. Also können wir auch dieses Vorurteil getrost in die Ablage verschieben. Und keine Angst, es bleibt da nicht lange. Schon bei den nächsten Unfällen wird irgendein Journalist es wieder herausziehen und in einem Interview als »möglichen Grund« anführen. Das Vorurteil ist tot. Es lebe das Vorurteil!

Yum Yum Yellow

Ein nicht totzukriegendes »Hai-Wissen« ist, dass die Farbe Gelb Haie anlockt. Ein Scherzbold hat das in den 60er-Jahren in »yum yum yellow“ – frei übersetzt: „leckeres Gelb« – auf den Punkt gebracht. Und seit dieser Zeit glaubt man zu wissen: Gelb lockt Haie an. Es gibt sogar seriöse Untersuchungen darüber. So haben Wissenschaftler festgestellt, dass Haie tatsächlich Kontraste besser sehen können. Getestet hat man das natürlich unter anderem mit der Farbe Gelb. Daneben gibt es auch viele dubiose Statistiken, u. a. auch eine Liste der gefährlichsten Farben für Schwimmer, Surfer und Taucher. Gelb steht natürlich an der Spitze dieser Hai-Hitparade. Es ist deshalb nicht zu verstehen, dass Anbieter von Bademoden, Surfbrettern oder auch Tauchanzügen immer noch diese »Todesfarbe« verwenden. Oder ist das Ganze nur ein Vorurteil?

Wir fragten unsere Haiexperten: Gelb ist keine Gefahr, aber starker Kontrast ja – das ist der wahre Kern hinter »yum yum yellow«, wobei »yellow« durch »kontrastreich« zu ersetzen wäre. Das ist die einhellige Meinung fast aller Experten. Klar kam aber auch heraus, dass der Kontrast alleine Haie nicht anlockt, dazu sind sie dem Menschen gegenüber zu scheu. Aber in der Kombination mit anderen Faktoren – wie z. B. offenes Futter im Wasser bei Haifütterungen – kann sich das Risiko dramatisch erhöhen. Die ansonsten scheuen Haie können aufdringlich und damit potenziell gefährlich werden. Deshalb der gute Rat, speziell bei Haifütterungen nur mit dunkler, nicht glänzender Ausrüstung zu tauchen.
Volle Entwarnung dagegen für Schwimmer, Surfer und Schnorchler. Sie dürfen tragen, was sie wollen. Farbe und Kontrast hin oder her, Hauptsache, es sieht gut aus.

Menschliches Blut macht Haie rasend!

Das haben wir doch alle schon mal gesehen, oder? Zumindest in Filmen! So zum Beispiel in dem unvergessenen Klassiker, in dem zwei vergessene Taucher im Wasser treiben, ringsherum scheue Haie, dann verletzt sich einer der Taucher und die Post geht ab. Heißt, die Haie werden rasend und verknuspern den Taucher. Und spätestens jetzt ist es Gewissheit geworden: Menschliches Blut macht Haie rasend! Gerade vor der Urlaubszeit häufen sich in der SHARKPROJECT-Zentrale die E-Mails ängstlicher Frauen, die fragen, ob sie denn an ihrem Urlaubsort ins Wasser können, auch wenn sie ihre Tage haben. Können sie so wirklich unbesorgt schwimmen oder locken sie damit Haie an? Und was ist, wenn ich mich unter Wasser verletze und blute? Werde ich dann zwangsläufig Opfer wildgewordener Haie? Eine fundierte Antwort zu finden, ist schwierig. Wissenschaftlich anerkannte Studien gibt es darüber nicht, nur einige Thesen auf Basis von Einzelversuchen. Da bleibt genügend Spielraum für Interpretationen. Und dann kommen wieder die Medien ins Spiel. Es gibt genügend Dokumentationen, die zeigen, wie Haie sich wild um Futterkübel voller Fischblut drängen. Das wiederum erzeugt Ängste, und denen ist es völlig egal, ob es sich um Fischblut oder Menschenblut handelt. Blut ist Blut, oder? Und schließlich gibt es in etlichen Büchern, Dokumentationen und vor allem im Internet diverse Geschichten darüber. Legende oder Tatsache?

Fragen wir unsere Experten: Weg mit dem Vorurteil, und Gott sei Dank können jetzt Frauen auch weit vor der Menopause wieder an jedem Monatstag im Meer schwimmen. Unsere Experten sind sich sicher: Menschliches Blut ist für Haie nicht interessant. Sie interessieren sich nur für Blut der von ihnen bevorzugten Beute. Und der Mensch gehört eindeutig nicht dazu. Eigene Erfahrungen der Experten zeigen eindeutig, dass sich selbst Säugetierfresser wie Tigerhaie oder Weiße Haie nicht für das Blut des Säugetiers Mensch interessieren. Auch kein anderer Hai verfällt bei dem Geruch von menschlichem Blut in einen Fressrausch. Aber Achtung, wenn ein Mensch blutet, gibt er auch andere Stresssignale von sich. Er wird sich heftig bewegen, um Hilfe rufen und natürlich mit dem Blut auch Stresshormone ins Wasser abgeben. Diese Kombination ist für Haie sicherlich interessant. Es könnte sein, dass sie nachschauen wollen, wer oder was sich da wie eine potenzielle Beute verhält.

Haie verwechseln Surfer mit Robben

Es gibt keinen Zeitungsbericht über Haiattacken auf Surfer, in dem sie fehlen: Bilder, die zeigen, wie ähnlich sich die Umrisse paddelnder Surfer und schwimmender Robben sind. Ohne große Worte sagen diese Bilder, warum der Surfer angegriffen wurde. Der Hai, meist wird dazu ein großer Weißer abgebildet, hat ganz einfach den paddelnden Surfer mit seiner Lieblingsbeute verwechselt. Blöd gelaufen! Statt in leckeres, fettes Robbenfleisch zu beißen, erwischt er die knochigen Extremitäten eines fremden Lebewesens. Das verwirrt den Hai. Und er dreht nach dem ersten Biss enttäuscht ab. Der verletzte Surfer bleibt zurück und schwört sich, nie mehr zu surfen, wenn er diese Attacke überlebt. So zumindest die gängige These, die in fast jedem Haibuch und fast jedem Bericht über Surfunfälle aus den Schubladen der Medienindustrie geholt wird. Dabei bleibt unberücksichtigt, dass es – wenn man den Unfallstatistiken glauben darf – zumindest einige Male im Jahr auch zu mehreren Bissen bei einer Attacke kommt. Aber das ist sicher nicht das einzige Fragwürdige an dieser ansonsten doch so logisch erscheinenden Verwechslungstheorie. Deshalb ist es höchste Zeit, dass wir Erfahrungen sprechen lassen. Viele unserer Experten sind selbst Surfer, haben Attacken auf Surfer miterlebt und sind täglich mit Haien auf Du und Du. Was ist ihre Meinung zu der Silhouettentheorie?

Zugegeben, dass uns dieses Ergebnis überrascht hat. Wir hätten darauf getippt, dass von den Experten ein klareres „Nein“ kommen würde. Aber die Begründungen machen nachdenklich.
Fazit: Wieder eine Legende, die wir im Garten unserer Vorurteile begraben können. Unsere Experten schließen zwar nicht aus, dass es in seltenen Fällen tatsächlich zu einer Verwechslung kommen kann, aber die doch recht häufigen Attacken auf Surfbretter erklären sie anders. Die Gründe dafür liegen nach ihrer Erfahrung in einer unglücklichen Addition von Geräuschen, Bewegungen und Umweltfaktoren. Diese Kombination kann Haie neugierig machen und in seltenen Fällen zu einer Attacke führen – egal, ob es in diesem Gebiet Robben gibt oder nicht. Doch selbst wenn viele der registrierten Haiattacken vor allem die Surfer unter den Wassersportlern betreffen, sollten wir nicht vergessen: Das Risiko, beim Surfen von einem Hai gebissen zu werden, ist statistisch kaum messbar. Und das, obwohl die Surfer mit Vorliebe da unterwegs sind, wo es hohe Wellen und große Haie gibt. Offensichtlich sind die Haie zu intelligent, um sich nur durch eine ähnliche Silhouette täuschen zu lassen. Sie erkennen zumindest auf den zweiten Blick, dass Surfer etwas völlig Fremdes sind und nicht in ihr Beutespektrum gehören.

Schreie und Schläge helfen gegen angreifende Haie

Wir Menschen haben wenige natürliche Waffen gegen angreifende Raubtiere. Wenn wir nicht flüchten können, dann bleibt uns nur Schreien, Treten oder Schlagen. Was macht man/frau also gegen einen aufdringlichen oder gar attackierenden Hai? Klar – wir schreien, treten oder schlagen!
Dass Schreien funktioniert, hat man zumindest schon im Fernsehen gesehen. Prof. Hans Hass hat das in einem seiner Filme vorgeführt. Automat aus dem Mund, lauter Schrei und der Hai drehte erschrocken ab. Seit dieser Zeit geistert dieses erfolgreiche Abwehrverhalten durch viele Haibücher und Dokumentationen. Treten und schlagen? Klar – bevor er mich beißt, kriegt er was auf die Schnauze. Was soll daran also Legende sein?
Lassen wir das mal so stehen und fragen unsere Experten, was sie darüber denken. Helfen Schreie und Schläge tatsächlich gegen einen allzu aufdringlichen Hai?

Das Fazit unserer Experten: Trotz unterschiedlicher Kommentare ist die Meinung unserer Experten zumindest in einem Punkt einhellig. Sie meinen, dass es falsch sei, eine nahe Haibegegnung immer als eine Attacke zu betrachten. Überwiegend sind die Tiere nur neugierig.
Aber dann wird es spannend und die Geister teilen sich. Was soll ein Taucher machen, wenn ein Hai ihm gefährlich nahe kommt? Die einen sagen: auf keinen Fall schreien oder schlagen – das macht die Tiere nur noch neugieriger. Die anderen dagegen geben die klare Empfehlung, alle Möglichkeiten zu nutzen, um die Tiere auf Distanz zu halten. Also Luftblasen (Schreie oder Luftdusche), mit Flossen Wasser gegen das Tier drücken und notfalls schlagen und treten. Alles besser, als einen Biss zu riskieren.
Heißt im Klartext: Eine Fraktion unserer Experten behandelt die enge Begegnung wie eine bevorstehende Haiattacke, die andere dagegen geht „nur“ von einem neugierigen Hai aus.
Und das genau ist die Crux. Wann ist es ein Angriff und wann nur Neugierde? Und wie soll ich das unter Wasser entscheiden? Unter Stress und mit einem Tier, das ich nicht kenne?
Deshalb ist dieses Thema nicht so einfach zu beantworten wie die Fragen zu den „Hai-Legenden“ davor. Wir müssten mehr wissen. Über die Sinne der Tiere, die Haiarten und über Faktoren, die aus einem neugierigen Hai einen aufdringlichen Hai mit „Attackenrisiko“ machen. Wüssten wir das, könnten wir eine Annäherung besser beurteilen. Mehr über Haie, Annäherungen und Verhalten gibt es in den anderen Kapiteln von Blind Dates.

Text gekürzt aus Blind Dates

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