26. Mai 2019 Nils Kluger

Die Azoren – grünes Paradies, blaues Meer, wunderbare Natur – mit einem Fehler

(c) F. Kremer Obrock

Wale waren über Jahrhunderte hinweg eine wichtige Einnahmequelle auf den Azoren. Alles an ihnen wurde verwertet. Nachhaltig und saisonal gefangen, waren sie ein wichtiger Bestandteil des Überlebens der Menschen auf den Inseln. Doch wurde weltweit durch viel Nationen, im Nordatlantik vor allem durch amerikanische Walfänger, die Walpopulation nahezu ausgerottet. 1984 erkannte man das Desaster auch auf den Azoren und beendete den Walfang. Bis heute haben sich einige Walpopulationen nicht mehr von der extremen Dezimierung ihrer Bestände erholt. Doch auf den Azoren machte man aus der Not eine Tugend, und nunmehr verdienen die Menschen ihr Geld mit Touristen, die unbedingt einmal in ihrem Leben einen dieser faszinierenden Meeressäuger sehen möchten. Der Tourismus, ein durchaus gutes Geschäft, das mittlerweile das lukrativste auf den Inseln geworden ist, blüht. Den Walen, auch den Pottwalen um die Azoren, war ein „Happy End“ beschert, wohl auch, weil wir Menschen uns ihnen verbunden fühlen, und obwohl die Menschen auch 1984 noch auf den Walfang angewiesen waren, stoppte man die Jagd.

Dieses glückliche Schicksal wird wohl, wenn es so weiter geht, einem weiteren Meeresbewohner nicht vergönnt sein, dem Hai. Auch wenn die Bevölkerung traditionell auf den Azoren keinen Hai isst, sein Fleisch eher minderwertig und vor allem mit Methylquecksilber vergiftet ist, kann man doch mit ihm Geld verdienen, und genau das geschieht seit vielen Jahren im Hafen von Horta. Die Rolle der Jäger haben in diesem Fall die spanischen Longlining-Flotten übernommen, die, um den weiten Weg von Neufundland und den Azoren nach Vigo zu umgehen, im Hafen von Horta einen Entladeplatz gefunden haben.

5.000 Tonnen Blauhai und Makohai, ein paar Schwertfische!

Das ist die Schätzung von SHARKPROJECT dessen, was jedes Jahr von der spanischen Flotte alleine im Hafen von Horta entladen wird. Dabei begegnen dem aufmerksamen Betrachter immer wieder die gleichen Namen: Monxo Segundo, Martinez Quelle, Siempre Juan Luis, Lomba Mauri oder Ribel Tercero zum Beispiel. Überschlägt man die Ladekapazität und die Fluktuation der Flotte, so kommt man auf die unglaubliche Zahl von ca. 5.000 Tonnen Hai allein in diesem Hafen im Durchschnitt pro Jahr.

Ursprünglich waren Schwertfisch und Marlin der Hauptfang der Langleinenfischer. Haie hingen zwar auch an den Langleinen, waren aber ungewollter Beifang, sie wurden meist tot wieder über Bord geworfen. Über die Fänge von Thunfisch, Hai und Schwertfisch im Atlantik führt die ICCAT (International Commission for the Conservation of Atlantic Tunas) seit 1966 Statistiken. Noch im Jahr 1992 landeten laut ICCAT- Statistik die Longliner-Flotten im Nordatlantik nur 3560 Tonnen Blauhai und 1993 im Südatlantik sogar nur 10 Tonnen an. 2011 waren es 73.192 Tonnen, 2016 dann 66.273 Tonnen Hai.

Wie ist das möglich und warum?

Der Hai wird zum praktischen Ersatz für die drastisch sinkenden Fänge vom Schwertfisch und Marlin. Wobei es die Haiflossen sind, die die Fischer interessieren. Sie sind das Lukrativste am ganzen Tier, da auf dem asiatischen Markt sehr begehrt. Während sich die Fänge des Schwertfisches seit den 90ger Jahren stellenweise halbiert haben, ist die Lage beim Blue und White Marlin viel dramatischer. Hier haben sich die Fänge seit den 1990er Jahren auf ein Viertel des ursprünglichen Fanges im Atlantik bis 2016 reduziert und das trotz bei weitem effizienteren moderneren Fangmethoden als in den 1990er Jahren. Der Hai muss nun als Ersatz herhalten. Makohai war scheinbar neben Schwertfisch schon immer recht beliebt und wurde, im Gegensatz zum Blauhai, angelandet. Seit den 1990er Jahren sind hier die Zahlen recht konstant, doch auch hier mit sinkender Tendenz. Das ICCAT schlägt Alarm. Der Fangdruck auf Makohai ist viel zu hoch. Die Bestände brechen ein. ICCAT rät zu einer Null-Quote für Makohai, sprich einem Fangverbot, damit die im Nordatlantik als völlig überfischt geltenden Bestände sich erholen können. Im aktuellen ICCAT Report heißt es, dass bei Null-Quote ab 2016 eine 54%ige Wahrscheinlichkeit dafür besteht, dass sich die Bestände bis 2040 erholen, bei 2000t Fang pro Jahr im Nordatlantik nur noch eine 25%ige Wahrscheinlichkeit. Im Südatlantik empfiehlt man eine Quote , die sich an den Minimalfängen von 2011-2015 misst, somit maximal 2.000t auch, weil die Bestände im Nordatlantik so verehrend zusammengebrochen sind. Aktuell wurden von 2012 bis 2016 im Nordatlantik zwischen 3400 bis 4500t Makohai angelandet. Im gesamten Atlantik sogar im Jahr 2016 6000t Makohai.

Doch was würde eine „Null-Quote“ bedeuten?

Gefährdete Makohaie werden oft gefangen (c) F. Kremer-Obrock

Es ist das gleiche Schicksal, das die bereits durch das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) geschützten Arten ereilt: Die Tiere dürften laut EU Recht nicht angelandet werden und werden, so das Wunschdenken der EU Bürokraten, lebend wieder in das Meer entlassen. Doch 80-88% der Haie sterben laut ICCAT bereits an der Langleine, bevor das Fanggerät eingeholt wird. Egal wie, auch eine Null-Quote wäre das Todesurteil für die Makohaibestände im Nordatlantik, egal ob durch CITES geschützt wie u.a. Weißspitzen-Hochseehai, Weißer Hai, Hammer- und Fuchshai, so vielleicht auch demnächst der Makohai. Er wäre ein weiterer Kandidat auf der Liste der dringend zu schützenden Haie. Wie lange sollen die Longliningflotten im Nordatlantik weiter unkontrolliert ohne jegliche Logbücher zu geschützten Arten ihr Unwesen treiben?

Wann wird dem endlichen Einhalt geboten?

So wie dem Makohai, könnte es auch in naher Zukunft dem Blauhai ergehen. Obwohl Blauhaie im Gegensatz zu Makohaien sich schneller und zahlreicher vermehren, erleiden sie seit Jahren ein gnadenloses Schicksal. Jedes Jahr fangen die Fischer im Atlantik um die 70.000 Tonnen Blauhai zu 98% mit Langleinen. Und hierbei spielen die Gewässer um die Azoren eine besondere Rolle, sind sie doch die Kinderstube vieler Haiarten, besonders der Blauhaie. Ein Fakt, der jedem Fischer bewusst ist und so werden speziell diese für die Tiere lebenswichtigen Gebiete rücksichtlos ausgebeutet. Dies trifft vor allem junge Haie, die bevor sie überhaupt geschlechtsreif werden an der Langleine sterben.

Entladen eine Longliners auf den Azoren (c) F. Kremer-Obrock

Ponta Delgada, Sao Miguel, Azoren, 29. April 2019. Drei riesige Kreuzfahrtschiffe auf Atlantiküberquerung liegen im Hafen. Die Stadt ist überfüllt mit amerikanischen Touristen, die den Landgang genießen. Tausende Menschen drängen auf die Hafenpromenade, vorbei an der Jahrhunderte alten historischen Festung mit ihrem Militärmuseum. Und direkt dahinter im Hafen ist die LOTA, die staatliche Auktionshalle für Fisch. Keiner der Touristen bemerkt, was gerade hier passiert. Völlig unbeachtet von der Öffentlichkeit landet das Langleinenschiff MESTRE BOBICHA (VP-204-C) vom portugiesischen Festland mit Heimathafen „Vila do Porto“ stammend, Hai und Marlin an. Wieder einmal ist es die Hai-Population, die bluten muss. In einen 32t Container der Firma „Transinsular“ Nr. TMYU 900054-6 wird ein Bündel Hai nach dem nächsten verfrachtet. Der portugiesische Kapitän schaut zu, wie die afrikanische und indonesische Besatzung die Tiere im Container verstaut. Auf Nachfrage wird uns erklärt, dass es in erster Linie Marlin ist, der hier angelandet wird. Der „Beifang“ Blauhai ist deutlich erkennbar. Weite Netze umhüllen die Leiber, um zu zeigen, die Flossen sind am Leib, seit 2013 Pflicht in der EU um „Finning“ zu vermeiden. Hier sind nur die Flossen mit einem Wert von 25€ wichtig. Das Fleisch bringt max. einen Euro pro Kilo. Und so sehen die Leiber der Tiere mittlerweile aus. Die Körper dienen nur noch dazu die EU Richtlinie „Flossen am Körper“ zu erfüllen. Extrem wenig Fleisch ist noch übrig, der Körper endet direkt vor den Brustflossen, kopflos, ausgeweidet und bis zu den Afterflossen aufgeschlitzt, wirken die teuren Flossen grotesk an diesem kleinen Rest billigem Fleisch. In den mit Stoff umwickelten Körpern, die Marlin sein sollen, erkennen wir teils augenscheinlich die Körperform von Makohaien. Weit und breit ist kein staatlicher Aufseher zu sehen, der kontrolliert oder notiert, ob alles mit rechten Dingen zugeht. Nur ein paar plaudernde Hafenarbeiter stehen herum und verschwinden als es anfängt zu regnen. Dieser Container wird unkontrolliert vorbei an der lokalen Auktion seinen Weg auf einem der Containerschiffe nach Portugal finden, Destination Peniche wahrscheinlich, neben Vigo einer der größten Umschlagplätze für Hai in Europa. Spanien und zunehmend auch Portugal sind die beiden Nationen, die nicht nur in der EU Marktführer sind. Diese beiden Nationen bedienen mit den Blau- und Makohaien des Atlantiks den weltweiten Flossenmarkt. 30% aller weltweit gehandelten Flossen stammen aus Europa. Eben jene Blauhaie und Makohaie, die u.a. in Horta, Vigo, Peniche und Ponta Delgada entladen werden, bilden die Grundlage für einen weltweiten Handel, der unsere Ozeane exzessiv zerstört und auch die Fischern auf den Azoren Ihrer Lebensgrundlage beraubt. Eben jene Fischer, die mit Pole and Line Schiffen meist nachhaltigen Fischfang betreiben und ökologisch richtig handeln, sind wie alle anderen Menschen unmittelbar die Leidtragenden. Verschwinden die Topprädatoren an der Spitze des Ökosystems, gerät das Ökosystem völlig aus dem Ruder, das betrifft auch die Thunfische, die mit Pole and Line gefangen werden.

Blauhai an der Condor Bank, Faial (c) F. Kremer-Obrock

Damals „Walewhatching“, heute könnte „Sharkwhatching“: eine der Lösungen sein. Seit 2010 bieten lokale Tauchbasen auf den Azoren Haitauchen an. Ein lebender Hai ist abertausende von Euro im Tourismus wert, das belegen weltweite Studien. Auch eine Studie der Universität der Azoren belegt das für die Azoren. Nachhaltig betrieben, können nicht nur Tauchcenter profitieren. Hotels, Restaurants, Souvenirshops, Supermärkte, Autoverleiher, Bauern, Lieferanten, die gesamte Infrastruktur – alle profitieren davon. Ein lebender Hai ist auch rein wirtschaftlich betrachtet für die Azoren bei weitem mehr wert als ein toter.

Die Azoren, grünes Paradies, blaues Meer, wunderbare Natur, nachhaltiger Tourismus – Das ist die Marketingblase, mit der man sich international präsentiert und ein Image aufbaut, dass der Realität so gar nicht entspricht. Rund um die Azoren, der Kinderstube vieler, auch geschützter, Haiarten, wird gnadenlos Jagd auf eben jene Haie gemacht. Spanische und portugiesische Fangflotten, auch Longliner der Azoren, fischen das Meer im Atlantik gnadenlos leer, vergleichbar mit dem „Goldrausch“ in alten Walfangzeiten. Damals wurden die Menschen klüger. Heute steht genau so wie damals Artenschutz versus Profit und Geldgier, auch auf den Inseln, denn die Hafenbetreiber und Transportunternehmen zum Festland verdienen kräftig mit. Doch irgendwann muss man sich entscheiden. Verspielen diese Unternehmen die Zukunft unserer Kinder und unserer Meere, nur weil sie den Hals nicht voll bekommen können? Es ist ein Scheideweg, Entscheidungen wie unter anderem die Einrichtung einer konsequenten 200 Seemeilen Schutzzone um die Azoren, so wie die konsequente Ächtung von Langleinenfang innerhalb dieser Zone, aber auch eine strenge EU weite Quotierung für Blauhai und Makohai werden fallen müssen, hoffentlich zu Gunsten der Haie und der Meere und somit für unser aller Zukunft!

So wie 1984 auf den Azoren und zwei Jahre später weltweit!

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