Schluss mit Bodenschleppnetzen und massivem Beifang, mehr Kontrollen beim industriellen Fischfang

Höchste Zeit für eine Fischerei-Wende

Es ist ein Kampf gegen eine weltweit mächtige und oft rücksichtslose Fischereiindustrie: Sharkproject stemmt sich im Schulterschluss mit anderen NGOs dem Raubbau im Meer entgegen: „Wir finden uns nicht damit ab, dass schwimmende Fischfabriken die Meere leer fischen und dabei Millionen Seevögel, Haie, Schildkröten, Wale oder Delfine sinnlos als Beifang verenden lassen“, sagt die Leiterin von International Cooperation bei Sharkproject, Dr. Iris Ziegler.

Nur eine grundlegende Wende bei der Fischerei kann noch retten, was zu retten ist. Dafür setzt sich Sharkproject in der EU und den internationalen und nationalen Fischerei-Managementbehörden ein. „Gemeinsam sind wir stärker“, so Ziegler. Deshalb arbeitet Sharkproject auch hier weltweit in engem Schulterschluss mit vielen anderen Meeresschutz-NGOs zusammen und beteiligt sich an Koalitionen zur Reformation der Fischerei. Seit Dezember 2021 ist Sharkproject jetzt auch Mitglied beim Bündnis „Transform Bottom-Trawling“, das die Schleppnetzfischerei einschränken will, und Teil der „Deep Sea Coalition“ zum Schutz der Tiefsee.

Fangquoten und Schutzbestimmungen auf dem Papier gibt es schon lange. Aber bisher sind sie in der Praxis nur wenig wirksam. Es fehlen wirksame Kontrollen und ein transparentes System, das offenlegt, wie viel tatsächlich gefischt wird und wie viele Tiere als Beifang enden. „Mindestens auf jeder fünften Fangfahrt muss ein Beobachter an Bord sein“ so Ziegler. Bisher ist das oft nur auf jeder 20. Fangfahrt der Fall. “Zusätzlich müssen auf allen Fangschiffen elektronische Überwachungssysteme existieren, die lückenlos festhalten, wo, was und wieviel von welcher Art am Ende gefangen oder wieder freigelassen wird“ fordert Ziegler. „Wenn keiner weiß, was wirklich auf den Fangschiffen passiert, werden wir den Raubbau an unseren Meeren nie in den Griff bekommen. Das geht uns alle an. Denn das Überleben der Meere sichert auch das Überleben der Menschen.“

Die EU will jetzt im Rahmen ihrer Strategie zur Artenvielfalt 2030 einen Aktionsplan für den Erhalt der Fischbestände und zum Schutz des Ökosystems Meer (Action Plan to Conserve Fishery Ressources and Marine Ecosystems) erstellen. Sharkproject engagiert sich aktiv in diesem Prozess mit seinen Forderungen für ein für das gesamte Ökosystem verträgliche, ganzheitlich nachhaltige Fischereireform.

Hierfür braucht es grundlegende Verbesserungen:
Bodenschleppnetze müssen komplett verboten werden. Denn Millionen eigentlich geschützter Tiere verenden immer noch täglich als sinnloser Beifang in den Schleppnetzen. Von 10 Tonnen im Schleppnetz bleibt nur eine Tonne übrig, die wirklich gegessen wird.
„Wir wollen, dass nur noch gefangen werden darf, was dann hinterher wirklich auf dem Teller landen soll. Die Fangmethoden müssen dahingehend allesamt entscheidend verbessert und einige komplett verboten werden“, sagt Iris Ziegler von Sharkproject.

Dabei geht es auch um den Schutz der Lebensräume am Meeresboden. Denn Fangmethoden, wie die Schleppnetzfischerei fischen nicht nur Gebiete leer. Auch ganze Lebensräume werden auf Dauer zerstört und das selbst in den besonders empfindlichen Lebensräumen der Tiefsee.

Bedrohte Haiarten müssen durch Fangverbote und große zusammenhängende Schutzgebiete geschützt werden. Ziegler: „In allen Meeren gibt es „Hotspots“ an denen Großfische und Wale sich treffen, sich paaren, ihren Nachwuchs großziehen. Diese Gebiete müssen für die Fischerei und den Schiffsverkehr zukünftig tabu sein.“

Sharkproject hat daher Leitlinien für eine grundlegende Fischereiwende vorgelegt: Tiefseefischerei und Bodenschleppnetzen müssen verboten werden. Die Langleinenfischerei muss drastisch eingeschränkt werden. Und mindestens 30 Prozent der gesamten Meeresfläche müssen vollständig unter Schutz gestellt werden, so dass dort jede Art von Fischerei oder anderer Beeinträchtigung des Lebens im Meer verboten ist.
„Wir wissen, was zu tun ist. Noch können wir viele Arten vor dem Aussterben retten und das Ökosystem Meer erhalten. Aber jetzt muss schnell und grundlegend gehandelt werden. Eine industrielle Massenfischerei wie in den vergangenen 50 Jahren können wir uns alle nicht mehr leisten“, sagt Ziegler.

Ziele

Sharkproject setzt sich für eine grundlegende Fischerei-Wende ein.

  • Ziel ist eine nachhaltige Fischerei, die den Schutz des gesamten Ökosystems und ein dauerhaftes Erholen der Fischbestände ermöglicht. Fangquoten müssen so bestimmt werden, dass eine schnelle Erholung überfischter Fischbestände sichergestellt ist.
  • Besonders schädliche Fangmethoden wie Bodenschleppnetze und Tiefseefischerei müssen komplett verboten werden.
  • Langleinenfischerei muss drastisch eingeschränkt werden.
  • Die Ringwadenfischerei mit „Fischsammlern“ muss deutlich reduziert und besser überwacht werden. Verlorengegangene „Fischsammler“ müssen geborgen werden. Die Eigentümer der „Fischsammler“ müssen verpflichtet werden für die Bergungskosten aufzukommen. Bisher treiben ausrangierte Fischsammler als Müll im Meer. Bedrohte Tierarten können sich darin verfangen. Beim Auflaufen auf Korallenriffe richten ausrangierte Fischsammler großen Schaden an.
  • Walhaie und Wale müssen zwingend vor dem Einkesseln mit Ringwadennetzen geschützt werden.
  • Fangmethoden müssen so verbessert und eingesetzt werden, dass tatsächlich nur die Fische „im Netz landen“, die auf tatsächlich nachhaltig gefangen werden können.
  • Ungewollter Beifang muss lückenlos dokumentiert und möglichst vermieden werden. Langzeitziel sollte eine Beifangquote von null sein. Schon jetzt kann die Beifangquote von Haien reduziert werden, wenn keine Tintenfische als Köder oder spezielle Hakentypen verwendet werden, die eine schonende Lebend-Freilassung der Haie ermöglichen.
  • Zusammenhängende und streng geschützte Meeresschutzgebiete müssen bis 2030 auf 30 Prozent der Ozeane, also auf fast ein Drittel der gesamten Meeresfläche ausgedehnt werden.
  • Drastische Verbesserung der Überwachung und Kontrollen: Bisher ist – wenn überhaupt – nur auf jedem 20. Schiff ein Beobachter an Bord. Künftig muss auf jedem 5. Schiff einer mitfahren. Zusätzlich müssen elektronische Überwachungssysteme hinzukommen.

Weltweit, EU

Dauer

  • Bis die Fischerei auf ein ökosystembasiertes Fischereimanagement umgestellt ist und v. a. der Beifang an bedrohten Arten drastisch reduziert ist.

Links

7 Punkte zum Schutz der Meere Sieben-Punkte Plan Pressemitteilung zum Sieben-Punkte Plan

Positionspapier zur Fischerreireform

Pressekonferenz auf dem IUCN Kongress in Marseilles https://www.sharkproject.org/presse/archiv-2021/

Report Mainz berichtet über «Qualfang in der Nordsee» Dabei kommentiert Sharkproject die Auswirkungen der Schleppnetzfischerei. Noch bis Dez 2022 in der ARD Mediathek unter:  https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/report-mainz/videosextern/qualfang-in-der-nordsee-102.html

Unser Blogbeitrag zu Qualfang in der Nordseehttps://www.sharkproject.org/blog/qualfang-in-der-nordsee/

Besonders schädliche Fangmethoden

  • Langleinenfischerei: An bis zu 200 km langen Leinen mit zigtausenden von Haken wird vor allem nach Thunfisch und Schwertfisch gefischt. Aber Hunderttausende von Haien, viele Schildkröten und unzählige Seevögel sterben sinnlos als ungewollter oder im Fall der Haie oftmals gern gesehener oder sogar gezielter Beifang.
  • Bodenschleppnetze erfassen alles, was sich am Meeresgrund bewegt. Von etwa 10 Tonnen Fang im Schleppnetz ist oft nur eine Tonne für den menschlichen Verzehr bestimmt, 9 Tonnen and Meeresbewohnern verenden sinnlos als Beifang und fehlen im Ökosystem der Ozeane. Auch die Lebensräume am Boden werden durch Bodenschleppnetze unwiederbringlich zerstört. Dennoch sind Bodenschleppnetze selbst in Meeresschutzgebieten noch immer erlaubt. Im deutschen Wattenmeer, einem UNESCO-Weltnaturerbe, etwa werden Krabben mit sogenannten Baumkurren gefischt. Bodenschleppnetzfischerei macht über ein Drittel der gesamten Fangfischmenge der EU und fast 40% des Einkommens der EU Fangflotte aus.
  • Ringwadenfischerei: Umhertreibenden „Fischsammler“, die auch als „Lockbojen“ oder „drifiting FADs“ bezeichnet werden, suggerieren Fischen im offenen Meer Schutz. Daher sammeln sich dort vor allem Jungfische. Die Fischsammler können über Satellitenbojen von den Fangschiffen direkt angesteuert werden und dann werden riesige Ringwadennetze um den Fischsammler herumgezogen. Alles, was sich unter dem Fischsammler befunden hat, wird an Bord geholt. Darunter sind vor allem noch nicht geschlechtsreife Seidenhaie und Weißspitzenhochseehaie, aber auch andere Haiarten, Rochen, Mantas, Meeresschildkröten und Meeressäuger, von denen viele bereits heute bedroht sind. Sharkproject fordert eine drastische Reduzierung der Anzahl solcher Fangsysteme. Sharkproject setzt sich dafür ein, dass diese Fangsysteme künftig biologisch abbaubar sind und lebenslang keine Gefahr besteht, dass sich andere Tiere darin verfangen können. Der Beifang von Junghaien und anderen Arten muss vermieden werden, durch Vermeidung der sogenannten Hotspots für diese Haie und durch technische Maßnahmen zur Überprüfung der Fangzusammensetzung vor dem Einkesseln mit den Ringwadennetzen. Zudem müssen technische Maßnahmen zur Beschleunigung des Freilassens und Verbesserung der Überlebenschancen für diesen Haibeifang eingeführt werden.
  • Tiefseefischerei: Dabei wird in Tiefen unterhalb von 400 bis hinab auf 1000 Meter oder noch tiefer entweder mit Bodenschleppnetzen oder Langleinen gefischt. Die dort lebenden Tierarten sind meist besonders langlebig und besonders empfindlich gegen Überfischung. Viele von ihnen sind kaum erforscht und eine Erholung überfischter Arten oder durch die Fangmethoden zerstörter Lebensraum kann viele hunderte oder sogar tausende von Jahren in Anspruch nehmen.

Projektverlauf

April 2020

SHARKPROJECT wird Mitglied beim NGO Tuna Forum

März bis September 2020

SHARKPROJECT erhält Akkreditierung als Beobachter beim IOTC und ICCAT

September 2020

SHARKPROJECT führt Registrierung im EU Transparenz Register durch

Juni 2021

SHARKPROJECT stellt gemeinsam mit Pro Wildlife e.V. einen 7-Punkte-Plan für Gesunde Meer vor und stellt diesen dem Vizepräsidenten der EU-Kommission Frans Timmermans vor.

September 2021

SHARKPROJECT veröffentlicht im Rahmen des IUCN Weltkongresses ein Positionspapier zur Verbesserung der industriellen Fischerei und der eingesetzten Fangmethoden mit Mindestanforderungen zu Verbesserung der Langleinenfischerei und der Ringwadenfischerei mit „Fischsammlern“.

September 2021

Die EU-Kommission setzt Arbeitsgruppe zur Koordination einer Antwort auf den 7-Punkte-Plan ein

November 2021

EU gibt ihren Aktionsplan zum Erhalt von Fischerei-Ressourcen und zum Schutz mariner Ökosystem bekannt

Dezember 2021

Sharkproject tritt der Koalition «Transform Bottom Trawling» bei.

Dezember 2021

Sharkproject setzt sich als Teil der Deep Sea Coalition für die empfindlichen Ökosysteme und die Haie in der Tiefsee ein. Insbesondere die Umsetzung des Fischereiverbotes bis zu 800 m Tiefe in empfindlichen Tiefseelebensräumen in EU Gewässern und ein weltweites Moratorium gegen Tiefseebergbau sind Themenschwerpunkte diesbezüglich.

Dezember 2021

Sharkproject beteiligt sich an der öffentlichen Konsultation zum Aktionsplan der EU Artenvielfalt 2030.