Drastische Beifangbeschränkungen müssen die industrielle Fischerei grundlegend verändern

Höchste Zeit für eine Fischerei-Wende

Höchste Zeit für eine Fischerei-Wende

Es ist eine Überlebensfrage für uns alle: Nur wenn die Artenvielfalt im Meer erhalten bleibt, funktioniert das Ökosystem Ozean. Und nur dann können die Ozeane ihren entscheidenden Beitrag zum Schutz des Klimas leisten. Doch die industrielle Fischerei beutet seit Jahrzehnten die Weltmeere aus, als gäbe es kein Morgen. Wenn nichts geschieht, wird schon in den nächsten Jahren ein Drittel der Hai- und Rochenarten, der Meeressäuger und der Korallenriffe verschwunden sein.

Die schwimmenden Fischfabriken fischen die Meere leer. Unmengen an Seevögeln, Haien, Schildkröten, Walen oder Delfinen verenden sinnlos als Beifang. Selbst streng geschützte Tiere werden so weiterhin millionenfach getötet und wieder ins Meer geworfen. „Nur eine grundlegende Wende bei der Fischerei kann noch retten, was zu retten ist“, sagt die Leiterin von Sharkproject International Cooperation, Dr. Iris Ziegler. „Es müsste auch Fischereinationen klar sein: Entweder die Fisch-Industrie denkt um, oder sie hat bald nichts mehr zu fischen.“

Fangquoten und Schutzbestimmungen gibt es schon lange. Aber bisher sind sie nur wenig wirksam. Es fehlen wirksame Kontrollen und ein transparentes System, das offenlegt, wie viel tatsächlich gefischt wird und wie viele Tiere als Beifang enden. „Mindestens auf jeder fünften Fangfahrt muss ein Beobachter an Bord sein“, so Ziegler. Bisher ist das nur auf jeder 20. Fangfahrt der Fall. „Zusätzlich müssen elektronische Überwachungssysteme lückenlos festhalten, wo, was und wie viel von welcher Art am Ende gefangen oder wieder freigelassen wird“, fordert Ziegler. „Wenn keiner weiß, was wirklich auf den Fangschiffen passiert, werden wir den Raubbau an unseren Meeren nie in den Griff bekommen. Das geht uns alle an. Denn das Überleben der Meere sichert auch das Überleben der Menschen.“

Es ist eine weltweite Aufgabe, die von der den Vereinten Nationen, der Welthandelsorganisation, der Welternährungsorganisation, aber auch von allen nationalen und regionalen Fischereibehörden gemeinsam angegangen werden muss. Die EU will jetzt im Rahmen des Green Deal ihre Strategie zur Artenvielfalt vorlegen. Dabei soll bis Ende 2021 ein Aktionsplan zum Schutz der Fischerei-Ressourcen und der marinen Ökosysteme erstellt werden. Sharkproject hat Vorschläge zur grundlegenden Fischereiwende vorgelegt: Entscheidend sind strenge Fangmengenbeschränkungen, die auch auf ihre Einhaltung kontrolliert werden. Der Beifang an bedrohten Arten muss deutlich reduziert bzw. bei unmittelbar vom Aussterben bedrohten Arten komplett ausgeschlossen werden. Fangmethoden, die Lebensräume im Meer zerstören wie Bodenschleppnetze oder Tiefseefischerei unterhalb von 400 Metern müssen generell verboten werden. Die Langleinenfischerei muss drastisch eingeschränkt werden. Und mindestens 30 Prozent der gesamten Meeresfläche müssen vollständig unter Schutz gestellt werden, sodass dort jede Art von Fischerei oder anderer Beeinträchtigung des Lebens im Meer verboten ist. „Wir wissen, was zu tun ist. Noch können wir viele Arten vor dem Aussterben retten und das Ökosystem Meer erhalten. Aber jetzt muss schnell und grundlegend gehandelt werden. Eine industrielle Massenfischerei wie in den vergangenen 50 Jahren können wir uns alle nicht mehr leisten“, sagt Ziegler.

Ziele

Sharkproject setzt sich für eine grundlegende Fischerei-Wende ein.

  • Ziel ist eine nachhaltige Fischerei, die den Schutz des gesamten Ökosystems und ein dauerhaftes Erholen der Fischbestände ermöglicht. Fangquoten müssen so bestimmt werden, dass eine schnelle Erholung überfischter Fischbestände sichergestellt ist.
  • Besonders schädliche Fangmethoden wie Bodenschleppnetze und Tiefseefischerei müssen komplett verboten werden.
  • Langleinenfischerei muss drastisch eingeschränkt werden.
  • Die Ringwadenfischerei mit „Fischsammlern“ muss deutlich reduziert und besser überwacht werden. Verlorengegangene „Fischsammler“ müssen geborgen werden. Die Eigentümer der „Fischsammler“ müssen verpflichtet werden für die Bergungskosten aufzukommen. Bisher treiben ausrangierte Fischsammler als Müll im Meer. Bedrohte Tierarten können sich darin verfangen. Beim Auflaufen auf Korallenriffe richten ausrangierte Fischsammler großen Schaden an.
  • Walhaie und Wale müssen zwingend vor dem Einkesseln mit Ringwadennetzen geschützt werden.
  • Fangmethoden müssen so verbessert und eingesetzt werden, dass tatsächlich nur die Fische „im Netz landen“, die auf tatsächlich nachhaltig gefangen werden können.
  • Ungewollter Beifang muss lückenlos dokumentiert und möglichst vermieden werden. Langzeitziel sollte eine Beifangquote von null sein. Schon jetzt kann die Beifangquote von Haien reduziert werden, wenn keine Tintenfische als Köder oder spezielle Hakentypen verwendet werden, die eine schonende Lebend-Freilassung der Haie ermöglichen.
  • Zusammenhängende und streng geschützte Meeresschutzgebiete müssen bis 2030 auf 30 Prozent der Ozeane, also auf fast ein Drittel der gesamten Meeresfläche ausgedehnt werden.
  • Drastische Verbesserung der Überwachung und Kontrollen: Bisher ist – wenn überhaupt – nur auf jedem 20. Schiff ein Beobachter an Bord. Künftig muss auf jedem 5. Schiff einer mitfahren. Zusätzlich müssen elektronische Überwachungssysteme hinzukommen.

Weltweit, EU

  • SHARKPROJECT engagiert sich als akkreditierter Beobachter beim ICCAT (International Commission for the Conservation of the Atlantic Tuna)
    https://www.iccat.int/en/
  • SHARKPROJECT ist akkreditierter Beobachter beim IOTC (Indian Ocean Tuna Commission)
    https://iotc.org 
  • SHARKPROJECT ist Mitglied beim NGO Tuna Forum 
    https://ngotunaforum.org

Dauer

  • Bis die Fischerei auf ein ökosystembasiertes Fischereimanagement umgestellt ist und v. a. der Beifang an bedrohten Arten drastisch reduziert ist.

Besonders schädliche Fangmethoden

  • Langleinenfischerei: An bis zu 200 km langen Leinen mit zigtausenden von Haken wird vor allem nach Thunfisch und Schwertfisch gefischt. Aber Hunderttausende von Haien, viele Schildkröten und unzählige Seevögel sterben sinnlos als ungewollter oder im Fall der Haie oftmals gern gesehener oder sogar gezielter Beifang.
  • Bodenschleppnetze zerstören alles, was sich am Meeresgrund bewegt.
  • Ringwadenfischerei: Umhertreibenden „Fischsammler“, die auch als „Lockbojen“ oder „drifiting FADs“ bezeichnet werden, suggerieren Fischen im offenen Meer Schutz. Daher sammeln sich dort vor allem Jungfische. Die Fischsammler können über Satellitenbojen von den Fangschiffen direkt angesteuert werden und dann werden riesige Ringwadennetze um den Fischsammler herumgezogen. Alles, was sich unter dem Fischsammler befunden hat, wird an Bord geholt. Darunter sind vor allem noch nicht geschlechtsreife Seidenhaie und Weißspitzenhochseehaie, aber auch andere Haiarten, Rochen, Mantas, Meeresschildkröten und Meeressäuger, von denen viele bereits heute bedroht sind. Sharkproject fordert eine drastische Reduzierung der Anzahl solcher Fangsysteme. Sharkproject setzt sich dafür ein, dass diese Fangsysteme künftig biologisch abbaubar sind und lebenslang keine Gefahr besteht, dass sich andere Tiere darin verfangen können. Der Beifang von Junghaien und anderen Arten muss vermieden werden, durch Vermeidung der sogenannten Hotspots für diese Haie und durch technische Maßnahmen zur Überprüfung der Fangzusammensetzung vor dem Einkesseln mit den Ringwadennetzen. Zudem müssen technische Maßnahmen zur Beschleunigung des Freilassens und Verbesserung der Überlebenschancen für diesen Haibeifang eingeführt werden.
  • Tiefseefischerei: Dabei wird in Tiefen unterhalb von 400 bis hinab auf 1000 Meter oder noch tiefer entweder mit Bodenschleppnetzen oder Langleinen gefischt. Die dort lebenden Tierarten sind meist besonders langlebig und besonders empfindlich gegen Überfischung. Viele von ihnen sind kaum erforscht und eine Erholung überfischter Arten oder durch die Fangmethoden zerstörter Lebensraum kann viele hunderte oder sogar tausende von Jahren in Anspruch nehmen.

Projektverlauf

April 2020

SHARKPROJECT wird Mitglied beim NGO Tuna Forum

März bis September 2020

SHARKPROJECT erhält Akkreditierung als Beobachter beim IOTC und ICCAT

September 2020

SHARKPROJECT führt Registrierung im EU Transparenz Register durch

Juni 2021

SHARKPROJECT stellt gemeinsam mit Pro Wildlife e.V. einen 7-Punkte-Plan für Gesunde Meer vor und stellt diesen dem Vizepräsidenten der EU-Kommission Frans Timmermans vor.

September 2021

SHARKPROJECT veröffentlicht im Rahmen des IUCN Weltkongresses ein Positionspapier zur Verbesserung der industriellen Fischerei und der eingesetzten Fangmethoden mit Mindestanforderungen zu Verbesserung der Langleinenfischerei und der Ringwadenfischerei mit „Fischsammlern“.

September 2021

Die EU-Kommission setzt Arbeitsgruppe zur Koordination einer Antwort auf den 7-Punkte-Plan ein

November 2021

EU gibt ihren Aktionsplan zum Erhalt von Fischerei-Ressourcen und zum Schutz mariner Ökosystem bekannt