26. Januar 2014 admin

Blauhai bei VOX – „Das perverse Dinner“

Das perfekte Dinner“ ist ein Fernsehformat, das seit einigen Jahren durchaus erfolgreich im deutschen Fernsehen läuft. Fünf (bei den Prominentenspecials vier) Protagonisten versuchen, der Gruppe ein perfektes Dinner zu bieten. Nacheinander kochen alle Gruppenmitglieder, meistens in den eigenen vier Wänden, Drei-Gänge-Menüs, die gemeinsam verspeist und im Nachgang jeweils benotet werden. Nach vier bzw. fünf Tagen ist die Runde durch, und derjenige mit den meisten Punkten ist der Sieger, hat sein (relativ) perfektestes Dinner der Runde präsentiert.

So weit so einfach.

Der in Köln ansässige und zur RTL-Gruppe gehörende Sender VOX kauft und steuert die Sendung – produzierendes Unternehmen ist die ITV Studios Germany in Köln. Deren Mutter in England hält die Rechte an der dort als Come Dine With Me genannten Sendung.

Nun ist VOX wie alle privaten Fernsehsender primär werbefinanziert und damit quotenabhängig. Und das führt offenbar bisweilen zu Entscheidungen, die aus sich heraus nicht nachvollziehbar sind und aufrechten (Nicht-)Zuschauern den Kamm schwellen lassen:

Am Freitag, 24. Januar 2014, lief als fünfte Sendung der laufenden Woche der Beitrag zu „Marco aus Düsseldorf“ – ausgerechnet in der Messewoche der „boot“, in der SHARKPROJECT vor Ort in der Stadt präsent war. „Marco“ verarbeitete dort einen Blauhai.

Auch wenn VOX diesen verharmlosend „Grauhai“ bzw. „Requiemhai“ genannt hat, so verschleiern diese biologisch-systematischen Begriffe der Artenfamilie bzw Ordnung den Speziesbegriff nur oberflächlich: Es war ein Blauhai. Und zwar ein sehr junger.

Blauhaie stehen auf der Roten Liste bedrohter Tierarten und werden von der IUCN als „near threatened“ eingestuft, sind also nicht in „nachhaltig entspannter“ Menge in der Natur vorhanden. Da sie eine weitverbreitete Hochsee-Haiart darstellen, sind sie insbesondere durch Langleinenfischerei (Beifang) akut bedroht.

All das sind weder neue noch geheime Informationen. Man möchte nicht zuletzt von einem Fernsehsender, der preiswürdige Serien wie „Tierzeit“ mit Dirk Steffens produzieren ließ und regelmäßige Artenschutz- und Umweltschutztage publikumswirksam in das Programm nimmt, eigentlich erwarten, dass die Grundleistungen einer Vorrecherche erfolgen. Dirk hat u.a. wegen der VOX-Sendungen 2008 den Shark GUARDIAN of the Year-Award von SHARKPROJECT erhalten …

Wir sind absolut sicher, dass es im Redakteurkreis bei VOX mehrere Personen gibt, die um die Gefahr für Haie wissen.

Umso schlimmer müssen folgende Fakten bewertet werden. Wir dürfen an dieser Stelle ausdrücklich klar stellen, dass wir redlich recherchiert haben, Quellenanalyse und -bewertung vorgenommen haben, und dass uns jeweils mehrere unabhängige Quellen vorliegen, die uns dies verlässlich belegt haben:

Kandidaten für die Show erhalten Wochen vor der Produktion eine Briefing, in dem es wörtlich heißt:
– Jeder Kandidat muss drei Vorschläge einreichen
– Der Essenredakteur behält sich vor die Menüs untereinander zu kombinieren, falls Dopplungen mit den Menüs der anderen Kandidaten auftauchen

Die Redaktionssitzung von VOX und ITV entscheidet aber darüber hinaus auch negativ, wenn ein Menü insgesamt nicht „produktionswürdig“ erscheint. In solchen Fällen wird der Kandidat zur Änderung der Rezeptvorschläge ersucht.

Es trifft somit nicht zu, wie VOX am Mittwoch in der Stellungnahme zum aktuellen Vorfall durch die Presseabteilung schreiben lies:
„Wir möchten ein möglichst unverfälschtes Bild der Kandidaten und ihrer Kochkünste wiedergeben und möchten möglichst wenig Einfluss auf das Menü der Hobbyköche nehmen.“
VOX hätte ohne Weiteres die (schon vielfach ausgeübte) Kompetenz besessen, die Produktion eines Hai-Dinners abzulehnen, und sie damit zu verhindern und durch eine andere Speise zu ersetzen.

Festzustellen ist nämlich, dass VOX/ITV nach den lautstarken Protesten seit dem Dienstag der Sendewoche noch reagiert hat: Offensichtlich sind einige Passagen der Sendung neu vertont worden – der Off-Kommentar ist hörbar nachträglich überarbeitet worden. Uns ist nicht bekannt, was vorher dort zu hören war – jedenfalls war Zeit (und wohl auch Anlass) genug, hier nachzubessern.

Immerhin hat man auf die Rote Liste gefährdeter Arten der IUCN verwiesen – aber: liebe VOX-Redakteure – schaut Euch Eure eigenen „Tierzeit“-Sendungen mal an: Methylquecksilber ist ein Stichwort, das in diesen Zusammenhang gehört. Jeder der Gruppenteilnehmer hat mit seiner Blauhai-Portion schätzungsweise mehr als 148 Mikrogramm Methylquecksilber aufgenommen, was z.B. bei einer 75kg schweren Person bedeutet, dass erst nach mehr als 8 Monaten der Abbau im Körper auf den empfohlenen Grenzwert von 7,5 Mikrogramm abgeschlossen ist – bis dahin ist der Körper toxilogisch über dem Grenzwert belastet.

Soviel zum „sorgenfreien Genuss“ von Blauhai – dieser Fisch ist nicht nur gefährdet, er ist auch gefährlich: wenn man ihn isst. „Haie sind Freunde, kein Futter“ würden die sympatischen Zeitgenossen von Nemo dazu sagen. Vielleicht hätte der Fernsehsender mal Fernsehen sehen sollen …

VOX hat auf unsere massive Kritik reagiert und uns gegenüber zwar in Aussicht gestellt, irgendetwas zum Haischutz zu unternehmen. Wörtlich schrieb man uns: „… unabhängig von der aktuellen Ausgabe von „Das perfekte Dinner“ wird sich unser Redakteur (Name) gerne mit Ihnen in Verbindung setzen, um Möglichkeiten weiterer Hai-Berichterstattung erörtern.“ Wir warten hierauf noch.

Wir fragen uns aber ohnehin, was VOX mit „weiterer Hai-Berichterstattung“ meint. Sollte man wieder etwas wie Showkochen meinen, lehnen wir das entschieden ab – hier ist der Schaden heute ja bereits angerichtet. Das lässt sich durch eine zusätzliche Sendung nicht ungeschehen machen. Der Anspruch, den wir auch deshalb an eine kommende Reaktion stellen, darf sich nicht in Lippenbekenntnissen erschöpfen. Wir sind daher skeptisch-gespannt.

Auch finden wir es bemerkenswert, dass VOX nicht einmal den Versuch gestartet hat, im Umfeld der Ausstrahlung auf die Problemlage hinzuweisen – es gab entsprechende Angebote auch von uns. Statt dessen zog man es vor, die Zuschauer falsch zu informieren und sich auf einen vermeintlichen Authentizitätsanspruch zurück zu ziehen – und vorsorglich alle Kommentare auf den eigenen VOX-Internetseiten zu unterbinden.

Übrigens: Die Kochteilnehmer bekommen nach unseren Informationen jeweils eine Gage von 800 Euro. Allein aus dem Verkauf der Streaming-Sendungen über VOXnow setzt der Sender pro Sendung zwischen 40.000 € und 60.000 € um. Wieviel sinnvoller könnte dieser Betrag verwendet werden, um den Artenschutz, den Umweltschutz, den Haischutz so zu präsentieren, wie VOX dies als Eigenanspruch früher einmal angab.

Heute morgen stand in facebook: Das „N“ in RTL steht für „Niveau“.
Dies gilt für die Sendertochter VOX entsprechend – das „N“ in VOX steht für „Naturfreundlichkeit“, „Nachhaltigkeit“, „Niveau“ und „Nachahmenswürdigkeit“. (.he)

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