3. Dezember 2013 admin

An die, die wir etwas angehen …

Am 2. Dezember erhielten wir folgende Mail von Randall Arauz, PRETOMA, Costa Rica:

In jeder Demokratie gibt es die Gewaltenteilung. Das ist auch in Costa Rica der Fall.
Nicht nur in unserem Land wird die Fischereipolitik aber tatsächlich von der Industrie bestimmt. Dies gilt in jedem Land der Welt, ebenso wie die Bestimmung der Fischereipolitik durch Organisationen für das regionale Fischereimanagement. Deshalb kann kein Präsident, selbst wenn er den politischen Willen für eine Maßnahme aufbringt, diese durch eine alleinige, totalitäre Entscheidung durchsetzen. Es müssen Gesetze geändert oder geschaffen werden, die dann, natürlich, umgesetzt werden müssen.

Ich leite seit 2001 eine Kampagne gegen Haiflossen-Finning, für eine der ersten lateinamerikanischen Organisationen, die sich des Problems annahmen. Es stimmt, Costa Rica war seit 1998 Hauptumschlagplatz für Haiflossen der Taiwanesischen Flotten, als das Land ausländische Flotten offiziell einlud, in der Heimlichkeit der eigenen Private Docks anzulanden. Costa Ricas Fischereibehörde wird von einem Direktorenvorstand geleitet, der sich unter anderem aus Longlinern mit Eigeninteresse in der Haiflossenindustrie zusammen setzt. Einer unserer ersten Erfolge war das Gesetz, dass Haie nur angelandet werden dürfen, indem die Flossen noch mit dem übrigen Haikörper verbunden sind; wir waren das erste Land der Welt mit einer solchen Vorschrift. Aber dieses Gesetz konnte nicht durchgesetzt werden, so lange die ausländischen Schiffe ihre Fänge in der illegalen Heimlichkeit eigener Private Docks anlanden durften. Diese Situation war typisch für die Zeit seit dem Kampagnenstart 2001: Die staatliche Exekutive will vorhandene Hai-Finning-Gesetze durchsetzen, und die Fischereibehörde schützt die Interessen der ausländischen Flotten. Um diese politische Situation zu verändern, sind Änderungen der Gesetze notwendig.

Daher: Warum glauben wir, dass Präsidentin Chinchilla den Award verdient hat? Zunächst und hauptsächlich, weil sie am 1. Dezember 2010 die Schließung der Private Docks angeordnet hat. PRETOMA hatte bereits im Januar 2006 eine Verfassungsgerichtsanordnung erstritten, dass die Private Docks zu schließen waren. Wir forderten vom vormaligen Präsidenten Abel Pacheco (2002-2006) die Durchsetzung dieses Beschlusses, aber er weigerte sich. Während der gesamten Amtszeit des Nachfolgers, Präsident Oscar Arias (2006-2010), ordnete die Staatsaufsicht die Schließung der Docks an, und der Umweltausschuss im Kongress erließ eine Empfehlung zur Schließung … aber die wirtschaftliche und politische Macht der ausländischen Flotten war zu groß. Auch Arias verweigerte die Schließung der Docks. Unsere Position war denkbar einfach: So lange die ausländischen Flotten in der Abgeschlossenheit eigener Private Docks anlanden durfte, würde kein Finning-Gesetz funktionieren. Alsbald nach Amtsantritt ordnete Laura Chinchilla die Schließung der Private Docks an
(1. Dezember 2010).

(c) La Nación

Der Effekt dieser Maßnahme trat unmittelbar ein. Drei Monate lang landete kein einziges ausländisches Boot an. Dann wurde im März 2011 ein Boot aufgegriffen, in dem zweitausend Kilo Haifisch ohne Flossen angelandet wurden. Der taiwanesische Kapitän und die Mannschaft bekamen eine Strafe von mehr als 60.000 $ aufgebrummt; und dann wurden sie gefragt, was mit den Flossen geschehen war. Sie waren eigens in San Juan del Sur angelandet worden, dem Hafen in Nicaragua, und wurden von dort aus auf dem Landweg hierher nach Costa Rica importiert. Im April und Mai wurden zwei weitere taiwanesische Schiffe gefangen, in denen sich Haiflossen befanden, zusammengehalten nur durch die Wirbelsäule. Der Präsident der INCOPESCA wurde kürzlich strafrechtlich durch den Staatsanwalt von Puntarenas angeklagt, weil er eine dieser Landungen zuließ. Seit dem sind keine weiteren Anlandungen von Flossen mit Wirbelsäulen mehr erfolgt, jedenfalls nicht bekannt. Die breite Mehrheit der ausländischen Flotten hat Puntarenas verlassen und ist in andere Länder umgezogen. Private Docks stehen zum Verkauf. Jedenfalls war es jetzt notwendig, Haiflossen-Importe zu stoppen.

Das Thema der Haiflossen-Importe wurde der Bevölkerung von Costa Rica durch eine ganzseitige Anzeige in der wichtigsten Zeitung, La Nación, im November 2011 präsentiert. Wir forderten die Präsidentin öffentlich auf, dieses Schlupfloch zu schließen, und im Rahmen der CITES den Schutz der Hammerhaie zu unterstützen. Im Juni 2012 nahm Costa Rica (als erstes und einziges Land der Welt) Hammerhaie in Anhang III der CITES auf, im Oktober 2012 wurden in Costa Rica Haiflossenimporte verboten, und im März 2013 führte Costa Rica mit Brasilien und Honduras das Verfahren an, Hammerhaie weltweit in den Anhang II der CITES aufzunehmen.

Daher meinen wir, dass die Präsidentin den Award verdient, weil:

  • Sie ordnete die Schließung der Private Docks an.
  • Sie erließ das Verbot des Haiflossen-Imports.
  • Costa Rica war die Speerspitze der mit Brasilien und Honduras zur Aufnahme von Hammerhaien in CITES.

Zudem sind die Präsidenten demokratischer Länder klar keine Diktatoren, sondern stehen unter einem gehörigen Druck der Lobbyisten. Da Costa Rica das Grundproblem mit vielen Fischereinationen teilt, dass Wirtschaftsinteressen die Fischereipolitik diktieren, waren diese Entscheidungen nicht leicht zu erreichen, gegen die größte politische Opposition – und dennoch bleibt die Präsidentin bei den Waffen. Zur Stärkung der Durchsetzung der Meeresschutzpolitik richtete sie das Amt eines Vize-Ministers der Ozeane ein. Costa Rica war stets an vorderster Front im Kampf gegen Hai-Finning. Wir waren die erste Nation, die gegen das Hai-Finning das Gesetz erließ, dass Flossen gemeinsam mit und am Restkörper angelandet werden müssen; ein Gesetz, das vom ganzen Amerikanischen Kontinent übernommen wurde, von der EU und von Australien. Wir waren die erste und einzige Nation, die Hammerhaie unter Anhang III führte, und wir führten das Verfahren für die weltweite Aufnahme in Anhang II an. Sicherlich, die Dinge könnten besser sein, aber es sind komplizierte politische Prozesse, und Änderungen kommen nicht über Nacht.

Aktuell läuft unsere Kampagne für eine Reform der Fischereibehörde Costa Ricas, durch die Vorstand nicht mehr bestimmt und eingesetzt wird, sondern durch die Allgemeinheit des Volkes gewählt. Diese Reform braucht die Zustimmung im Kongress. Natürlich wird diese Veränderung enorme Gegenkräfte durch die übliche wirtschaftliche Lobby erfahren, die seit je her die Fischereipolitik in Costa Rica bestimmt hat. Wir hoffen, dass dieser Award Chinchillas Position stärken wird, diese benötigte Änderung durchzuführen, dass ein Gesetzesentwurf zur Reform der Fischereipolitik an den Kongress gereicht wird, und dass in der Region und in der ganzen Welt ein Dominoeffekt einsetzt, und dass mehr und mehr Nationen die Fischereipolitik in die Hände vom Volk gewählter Vertretungen geben, damit das größte Wissen genutzt werden kann, und damit die Gesetze respektiert werden.

PRETOMA wird damit fortfahren, diese Reformen zu erreichen und Costa Rica zu dem Umweltschutz-Vorreiter werden zu lassen, den die Welt braucht. Organisationen wie SHARKPROJECT waren und sind wichtige Unterstützer bei unseren Bemühungen. Der SHARK ENEMY AWARD, der 2006 an Präsident Pacheco gereicht wurde, hat Costa Rica in der öffentlichen Wahrnehmung als Hai-Finning-Nation gezeigt. Der AWARD jetzt für Präsidentin Chinchilla zeigt uns in einem anderen Licht: als Nation, die sich zum Besseren wandelt.

Randall Arauz

 

Fotos (c) Randall Arauz / Pretoma / La Nación

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