31. Mai 2016 .he

Gastbeitrag: „Auf der Suche nach Fidschi’s Hai-Kinderstuben“ von Tom Vierus (Teil 3)

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Tom Vierus ist ein junger Hai-Wissenschaftler und Naturfotograf, der für eine Zeit lang auf den Fidschi-Inseln gelebt und dort eine potentielle Kinderstube für juvenile Haie untersucht hat. SHARKPROJECT Germany hat diese aktuelle Studienreise finanziell unterstützt.
Neben seinem Blog livingdreams.tv schreibt Tom Vierus über facebook, Twitter und Instagram.


Auf der Suche nach Fidschi’s Hai-Kinderstuben – 3. Teil

Nachdem ich im ersten Teil (hier klicken) über mein Projekt berichtet habe, und im zweiten Teil (hier klicken) über das Dorfleben und die ersten Feldarbeits-Erfahrungen, berichte ich (nach Rückkehr) in diesem 3. Teil über die weiteren Auswertungen und erste Ergebnisse meiner Untersuchung.

Seit fast vier Wochen bin ich nun wieder zurück in Deutschland und habe viele Daten mitgebracht, die jetzt darauf warten, analysiert zu werden. Meine Feldarbeitsphase hat sich letztendlich um über einen Monat verlängert, nachdem am 28. Februar der stärkste jemals in der südlichen Hemisphäre verzeichnete Sturm, Zyklon Winston, Fidschis Bevölkerung hart traf und Zerstörung über die Menschen und das Land brachte.

Zyklon Winston hat viel Zerstörung auf die Fidschi-Inseln gebracht. Die Besitzer dieses Hauses hatten noch Glück: „nur“ ihr Dach hat in diesen Fall Schaden genommen und die Mauern des Hauses haben den Sturm überstanden. Viele andere Menschen hatten weniger Glück. | Foto (c) Tom Vierus

Zyklon Winston hat viel Zerstörung auf die Fidschi-Inseln gebracht. Die Besitzer dieses Hauses hatten noch Glück: „nur“ ihr Dach hat in diesen Fall Schaden genommen und die Mauern des Hauses haben den Sturm überstanden. Viele andere Menschen hatten weniger Glück.
Foto (c) Tom Vierus

Auch das Dorf, in dem ich arbeitete, hat es schlimm getroffen, und über ein Dutzend Häuser wurden dem Erdboden gleichgemacht. Klar musste in dieser schweren Zeit mein Projekt erst mal zurückstecken. Die Menschen hatten nun andere Sorgen als mit mir Haie zu fangen, und konzentrierten sich auf Aufräum- und Reparaturarbeiten. Hinzu kam, dass starke Regenfälle und die bis zu 420km/h schnellen Sturmböen extrem viel Treibgut mit sich gebracht hatten und nun das gesamte Ästuar-Gebiet, in dem ich fischte, schwer zu befahren war.

Nach der Zwangspause – zurück auf dem Wasser

Nach etwas über vier Wochen später bekam ich ein Anruf von dem Dorfvorsteher, dass ich wieder zurückkommen könne, um mit meiner Fischer-Crew weiter nach juvenilen Haien zu suchen. Bereits sechs Tage nach dem Sturm hatte ich mir zusammen mit meiner Freundin ein Auto gemietet und das Dorf mit Grundnahrungsmitteln ausgestattet besucht, um mir ein Bild der Lage direkt vor Ort zu machen. Nun konnte ich endlich wieder herziehen, und mein Projekt konnte weitergehen.

Das Ba-Fluss-Mündungsgebiet inklusive der sieben Kreisareale, die ich regelmäßig befischt habe. In jedem der sieben Kreise befinden sich 10 zufällig angeordnete ‚fishing sites‘, also Orte, an denen ich entweder die Langleine oder die Kiemennetze eingesetzt habe. | Foto (c) Tom Vierus

Das Ba-Fluss-Mündungsgebiet inklusive der sieben Kreisareale, die ich regelmäßig befischt habe. In jedem der sieben Kreise befinden sich 10 zufällig angeordnete ‚fishing sites‘, also Orte, an denen ich entweder die Langleine oder die Kiemennetze eingesetzt habe. Foto (c) Tom Vierus

Es war bereits Ende März und die Zeit lief mir davon. Ich musste unbedingt noch Fischerei-Stunden sammeln, um am Ende in allen meinen sieben Kreis-Arealen mit annähernd demselben ‚fishing effort‘ (Stunden, die ich pro Kreis gefischt hatte) nach Hause zu fahren.

Nach der langen Pause dauerte es wieder einige Tage, bis wir wieder voll in unserem Rhythmus waren und alles so klappte, wie ich es von meinen Fischern gewohnt war. Wir verbrachten in den nächsten vier Wochen nochmal einige Nächte auf dem Wasser und fingen weiterhin Haie, von denen ich wie auch schon zuvor die benötigten Daten nahm, sie taggte und schließlich wieder in die Gewässer des Pazifiks entließ.

Abschied aus Fidschi – sieben Monate mitten im Pazifik

Mein letzter Abend im Dorf, in dem ich viel Zeit in den sieben Monaten verbracht habe. Es war aufregend, und ich habe viel dazugelernt. Ich werde das Leben und die Menschen dort vermissen! | Foto (c) Tom Vierus

Mein letzter Abend im Dorf, in dem ich viel Zeit in den sieben Monaten verbracht habe. Es war aufregend, und ich habe viel dazugelernt. Ich werde das Leben und die Menschen dort vermissen!
Foto (c) Tom Vierus

Ende April hieß es dann auch für mich: Abschied nehmen von den Fidschi-Inseln. Das bedeutete nicht nur, viele neu gewonnen Freundschaften zurückzulassen, sondern auch, voller Erinnerungen, Erlebnisse und Inspiration nach Hause zurückzukehren. Die Zeit auf Fidschi war nicht immer leicht für mich, und ich habe viele Lösungen für Probleme finden müssen, doch im Nachhinein betrachtet hat es mich unglaublich weitergebracht. Nicht nur wissenschaftlich, sondern auch menschlich.

Ich habe gelernt, ein eigenes Projekt zu planen und durchzuführen, Probleme aus dem Weg zu schaffen und mit Menschen umzugehen, damit alle gemeinsam an einem Strang ziehen. Als ich im Flugzeug saß und meine über 40-stündige Heimreise antrat, ließ ich meine Zeit noch einmal Revue passieren und schloss meinen Gedankengang mit der Feststellung ab, dass ich mir kein besseres Projekt hätte wünschen können.

Foto (c) Tom Vierus

Foto (c) Tom Vierus

Zurück in Deutschland – Fischereinzug macht Platz für den Laborkittel

Etwas über 100 Proben habe ich von Fidschi inklusive aller nötigen Formen und Genehmigungen nach Deutschland importiert, und habe letzte Woche angefangen, diese im Labor zu analysieren. Mein Ziel ist, alle Proben (Haiflossen-Gewebe) zum Sequenzieren einzuschicken, um dann anhand der DNA-Sequenz die einzelnen Spezies bestimmen zu können. Sobald wir die Reihenfolgen der Basenpaare in einem bestimmten mitochondrialen Gen kennen, können wir diese in einer umfangreichen internationalen Datenbank mit bereits sequenzierten Haien vergleichen. Da Hammerhaie morphologisch deutlich einfacher zu unterscheiden sind als viele andere sich sehr ähnelnde, juvenile Haiarten, bin ich mir ziemlich sicher, Bogenstirn-Hammerhaie (Sphyrna lewini) und Große Hammerhaie (Sphyrna mokarran) gefangen zu haben, allerdings bin ich mir unschlüssig über meine dritte Spezies. Momentan vermuten wir, dass es sich um junge Schwarzspitzen-Haie handelt (Carcharhinus limbatus), doch Klarheit werden erst die Analysen bringen. Es bleibt spannend!

Die Komposition der gefangenen Haie. Die DNA-Proben der „Unidentified Blacktips“ müssen noch im Labor analysiert werden, um die Identität zu klären. | Foto (c) Tom Vierus

Die Komposition der gefangenen Haie. Die DNA-Proben der „Unidentified Blacktips“ müssen noch im Labor analysiert werden, um die Identität zu klären.
Foto (c) Tom Vierus

Ersten Ergebnisse – Komposition der Haie

Einem juvenilen Bogenstirn-Hammerhai wird eine DNA-Probe aus der Seitenflosse entnommen, um diese später im Labor zu analysieren. | Foto (c) Tom Vierus

Einem juvenilen Bogenstirn-Hammerhai wird eine DNA-Probe aus der Seitenflosse entnommen, um diese später im Labor zu analysieren.
Foto (c) Tom Vierus

Insgesamt haben wir über die Dauer des Projekts 115 Haie gefangen, davon 40 Bogenstirn-Hammerhaie und 9 Große Hammerhaie, beides Arten, die von der IUCN (International Union for the Conservation of Nature) als ,vom Aussterben bedroht‘ eingestuft werden. Zusätzlich zu meinen Fängen habe ich auch noch DNA-Proben von Bullenhaien (Carcharhinus leucas) gesammelt, die während meines Dorfaufenthaltes von lokalen Fischern im Fluss gefangen worden waren. Das bedeutet, dass das Ba-Fluss-Areal Lebensraum für mindestens vier verschieden Haiarten darstellt. Ein sehr interessanter Fund, den man in Zukunft in weiteren Studien verfolgen kann.

Das Ba Gebiet: ein Kindergarten für Haie?

Meine Funde deuten darauf hin, dass das untersuchte Gebiet als Kinderstube für juvenile Haie dienen könnte. Knapp 50% der von mir gefangenen Individuen hatten eine offene Nabelschnur-Narbe, ein Indikator für das Alter der Jungtiere, was in diesen Fall bei unter 6 Wochen liegen sollte. Um das Konzept von Hai-Kinderstuben (in Englisch: ‚shark nursery‘) wissenschaftlich zu belegen, müssen einige Kriterien erfüllt sein, die von der Haiforscherin Michelle Heupel und ihre Kollegen im Jahr 2007 in einem wissenschaftlichen Artikel beschrieben wurden.
Kurzgefasst müssen drei Kriterien erfüllt werden:
1. Haie werden hier öfters gesichtet/gefangen als in anderen Gebieten.
2. Haie tendieren dazu, sich für ausgedehnte Zeitperioden in der ‚nursery‘ aufzuhalten bzw. wieder hierher zurückzukehren.
3. Das Gebiet wird über Jahre hinweg genutzt.

Dient der Ba-Fluss und sein Mündungsgebiet als Hai-Kinderstube? | Foto (c) Tom Vierus

Dient der Ba-Fluss und sein Mündungsgebiet als Hai-Kinderstube?
Foto (c) Tom Vierus

Mit dieser spezifischen Definition können die Punkte einzeln geprüft und eine Art Baseline etabliert werden, um Gebiete weltweit zu erforschen und zu vergleichen. Um die Punkte zu testen, gibt es verschiedene Verfahren, wie z.B. die Anzahl von Jungtieren mit denen von anderen umliegenden Gebieten zu vergleichen (Punkt 1). Getaggte und wieder gefangene Jungtiere können Punkt 2 validieren; Punkt 3 kann nur über eine Langzeitstudie bestätigt werden. Momentan laufen Diskussionen über eine Fortführung des Projektes, und ich würde mir wünschen, dass sich zeitnah eine Lösung findet, so dass wir über lange Sicht tatsächlich prüfen können, ob es sich bei diesem Gebiet um eine Hai-Kinderstube handelt oder nicht.

Foto (c) Tom Vierus

Foto (c) Tom Vierus

Der eine oder andere mag sich nun vielleicht fragen, warum es nötig ist, so etwas herauszufinden?
Die Antwort ist eigentlich recht simpel: Besonders bei den beiden Hammerhaiarten, die bereits vom Aussterben bedroht sind, ist es extrem wichtig festzustellen, wo sich Fortpflanzungs-, Nahrungs- und Aufzuchtsgründe befinden, um diese letztendlich in Form von Naturparks zu schützen.

Wie sieht die Zukunft der meisten Haiarten aus? Nur mit Daten können hilfreiche Managementpläne entwickelt werden, die nachhaltig wichtige Habitate schützen werden. | Foto (c) Tom Vierus

Wie sieht die Zukunft der meisten Haiarten aus? Nur mit Daten können hilfreiche Managementpläne entwickelt werden, die nachhaltig wichtige Habitate schützen werden.
Foto (c) Tom Vierus

Nur wenn wir kritische Areale in ihrer Funktion erhalten können, haben wir eine Chance, betroffene Arten vor dem Aussterben zu bewahren. Die Identifizierung solcher Habitate ist also der erste Schritt in die richtige Richtung. Nur mit vorhandenen Daten können überhaupt Entscheidungen getroffen werden, die die Natur schützen, und mit ihr auch das ökologische Gleichgewicht unsere Ozeane.

Ausblick – Analyse der nächsten Wochen

Foto (c) Tom Vierus

Foto (c) Tom Vierus

Die nächsten Wochen werden erst einmal ganz im Dienste der Laborarbeit und der Analyse der DNA-Proben stehen. Zusätzlich werte ich momentan meine Daten bezüglich der Umweltparameter aus. An jedem Punkt, an dem ich meine Langleinen oder Kiemennetze eingesetzt habe, habe ich mit einer Sonde auch die Salinität, die Wassertemperatur und die Sauerstoffsättigung gemessen. Neben diesen Daten inkorporiere ich auch Tiefe, Turbidity (gibt den Trübungsgrad des Wassers an) und Distanz zu den Mangroven in die Analysemodelle, um letztendlich herauszufinden, ob sich die verschiedenen Spezies in ihren Habitatpräferenzen signifikant unterscheiden oder nicht.

Anfang August wird es dann Zeit, die Arbeit als fertige Master-These einzuhändigen und einen wissenschaftlichen Artikel zu verfassen. Ich freue mich jedenfalls auf die kommenden Wochen und Monate und die Auswertung meiner Daten. Das ist ja das Schöne an eigenen Projekten: dass man sie eben zu einem großen Teil alleine durchgeführt und geplant hat, und man sich daher mit der Arbeit identifizieren kann!

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Im nächsten Teil melde ich mich dann mit weiteren Ergebnissen!

***

Da mich SHARKPROJECT Germany großzügigerweise mit 500 Euro für mein Hai-Projekt hier auf Fidschi unterstützt hat, werde ich hier im Blog in den nächsten Wochen über meine Erfahrungen, Fortschritte und Funde berichten. Bei Anregungen oder Fragen freue ich mich über jede Mail an tom(at)vierus.de.

 

Teil 1: http://www.sharkproject.org/gastbeitrag-auf-der-suche-nach-fidschis-hai-kinderstuben-von-tom-vierus-teil-1/

Teil 2: http://www.sharkproject.org/gastbeitrag-auf-der-suche-nach-fidschis-hai-kinderstuben-von-tom-vierus-teil-2/

Teil 4: http://www.sharkproject.org/gastbeitrag-auf-der-suche-nach-fidschis-hai-kinderstuben-von-tom-vierus-teil-4/

Text und Fotos (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

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