10. April 2016 .he

Gastbeitrag: „Auf der Suche nach Fidschi’s Hai-Kinderstuben“ von Tom Vierus (Teil 2)

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Tom Vierus ist ein junger Hai-Wissenschaftler und Naturfotograf, der momentan auf den Fidschi-Inseln lebt und dort eine potentielle Kinderstube für juvenile Haie untersucht. SHARKPROJECT Germany hat diese aktuelle Studienreise finanziell unterstützt.
Neben seinem Blog livingdreams.tv schreibt Tom Vierus über facebook, Twitter und Instagram.


Auf der Suche nach Fidschi’s Hai-Kinderstuben – 2. Teil

Nachdem ich im ersten Teil (hier klicken) über mein Projekt berichtet habe, und wie die ersten Wochen nach meiner Ankunft auf den Fidschi-Inseln liefen, berichte ich in diesem Teil über das Dorfleben und die ersten Feldarbeits-Erfahrungen.

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Bevor wir anfingen, experimentell in dem Flussmündungsgebiet des Ba Flusses zu fischen, verbrachte ich einige Tage im Dorf, um meine Fischer-Crew besser kennenzulernen und einige Gespräche mit anderen Fischern zu führen. Mithilfe dieser Interviews hatte ich bereits eine Idee, wo wir die besten Chancen haben würden, um Haie zu fangen, und ich konnte mich zusätzlich voll und ganz auf meinen Kapitän David verlassen, der bereits sein ganzes Leben hier fischt und das gesamte Gebiet wie seine Westentasche kennt.

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Meine Fishercrew: Sione, Sikeli und David
Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Die Feldarbeit beginnt

In den nächsten Tagen und Wochen fuhren wir viele Male bei Sonnenuntergang aufs Meer. Mit unsern 6m langen und mit einem 40-PS-Motor bestückten Fiberglas-Boot sind es ca. 20 Minuten Fahrt von unserem Dorf bis zu den Fischereistellen. Diese Minuten waren und sind immer wieder aufs Neue wunderschön: die von Mangroven gesäumten Ufer sind noch vollkommen naturbelassen und geben im orangenen Licht der untergehenden Sonne spektakuläre Postkartenmotive preis. Während mir der Fahrtwind durchs Gesicht blies und der Himmel eine ganze Palette an Farben aufbrachte, dachte ich nicht nur einmal, wie toll mein Projekt hier auf den Fidschi-Inseln ist, und dass ich meine Master-Arbeit mit keiner anderen tauschen wollte.

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

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Langleine und Kiemennetz, um möglichst großes Spektrum abzudecken

Anfangs übernahm ich die Methodik aus dem Projekt im Rewa Fluss nahe Suva und fischte nur mit einem 100m langen und drei Meter breiten Kiemennetz, aber nach einigen Trips auf dem Meer habe ich mich dazu entschlossen, zusätzlich eine ca. 75m lange Longline zu benutzen, und ein zweites Netz zusammenbauen zu lassen. Die Langleine ist alle 3m mit einem beköderten Haken versehen, und wird nicht wie das Kiemennetz alle 20 Minuten auf Haifang kontrolliert, sondern alle 40 Minuten.

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Sikeli kontrolliert das Kiemennetz bei Sonnenuntergang
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Durch die Kombination beider Fischereimethoden könnte ich ein noch größeres potentielles Spektrum an Haien „befischen“, was mir letztendlich natürlich ein klareres Bild über die verschiedenen Hai-Arten in diesem Ästuar-System verschaffen würde.

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

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Meine Aufgabe besteht also vereinfacht gesagt darin, so viele Stunden wie möglich auf dem Wasser zu verbringen, um Haie zu fangen und Daten zu sammeln. Die Haie werden dann vermessen, das Geschlecht bestimmt, der Zustand der Nabelschnurnarbe dokumentiert, und die Tiere werden mit einem internen PIT-Tag mit einer individuellen Nummer versehen, sowie mit einem extern sichtbaren „Spaghetti“-Tag unterhalb der Rückenflosse, der mit Instruktionen und einer Telefonnummer versehen ist.

 

 

 

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Mit dieser Applikatornadel wird der visuelle „Spaghetti-Tag“ unterhalb der Rückenflosse angebracht.
Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Zusätzlich zu diesen Daten sammele ich Informationen zu den Umweltbedingungen wie zum Beispiel Salzgehalt, Wassertemperatur und pH-Wert, und bestimme die Tiefe und den Grad der Wassertrübung, die Aufschluss auf den Nährstoffgehalt im Wasser geben kann.

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Mit der Manta-Sonde bestimmte ich abiotische Faktoren, wie zum Beispiel Wassertemperatur, Salzgehalt und Sauerstoffsättigung
Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Umwelt-Parameter können helfen, bevorzugte Aufenthaltsorte zu bestimmen

Mit den gesammelten Daten hoffe ich, am Ende bevorzugte Habitatbedingungen der einzelnen Spezies‘ herleiten zu können. Halten sich Hammerhaie lieber in etwas wärmerem und trüberen Wasser auf, oder ist der Salzgehalt am wichtigsten? Sind Schwarzspitzen-Haie mehr in Gewässern anzutreffen, die flacher als 5m sind – oder bevorzugen sie die etwas klareren, tieferen Gewässer? Es gibt viele Fragen, und die Analyse der Daten im Sommer wird mehr Klarheit schaffen. Bis dahin heißt es jetzt noch, die Feldarbeitsphase so intensiv wie nur möglich zu nutzen – je größer die Datenmenge, umso besser die statistische Auswertung.

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Ein juveniler Bogenstirn-Hammerhai, kurz bevor er zurück in die pazifischen Gewässer rund um Ba entlassen wird.
Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Erste Ergebnisse – über 100 juvenile Haie

Nach nun etwas mehr als drei Monaten haben wir über 100 Haie gefangen. Fast 70% davon sind Schwarzspitzen-Haie (Carcharhinus limbatus), ca. 20% Bogenstirn-Hammerhaie (Sphyrna lewini) und die restlichen 10% die wunderschönen Großen Hammerhaie (Sphyrna mokarran). Während die Bogenstirn-Hammerhaie ausnahmslos mit dem Kiemennetz gefangen wurden, beißen die Schwarzspitzen-Haie regelmäßig an der Langleine. Die beiden Arten sind nicht nur äußerlich, sondern auch von ihren physischen Voraussetzungen schwer zu vergleichen: während Hammerhaie von Natur aus eher schwach und sehr empfindlich sind, finden wir die Schwarzspitzen-Haie in der Regel deutlich aktiver und „fitter“ vor. Das macht es für mich nicht unbedingt leichter, und die energiegeladenen Jungtiere können einem Forscher das Leben recht schwer machen, wenn sie vermessen und getaggt werden sollen. Um die Haie in einen Art Trancezustand zu versetzen, hilft es oft, sie einfach auf den Rücken zu drehen und dann präzise und schnell zu arbeiten.

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Nicht nur einmal kam es vor, dass wir das Netz einholten und kleine Haie vorfanden, die von größeren Räubern attackiert worden waren. So wie dieser junge Schwarzspitzen-Hai, den wir mit einer großen Bisswunde aus dem Netz bargen.
Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

An Bord muss ohnehin alles in einem möglichst kurzen Zeitintervall von Statten gehen, um den Stress auf die Tiere so gering wie möglich zu halten. Sobald wir einen Hai im Netz oder an einem Haken der Langleine vorfinden, platziere ich ihn in unseren mit Wasser gefüllten Plastikcontainer. Dann nehme ich alle nötigen Daten auf, injiziere den Identifikations-Tag und entnehme zu guter Letzt noch eine winzige DNA-Probe aus der Seitenflosse des Hais, die einem langjährigen genetischen Projekt der Universität des Südpazifiks zu Gute kommt.

Zwei verlorene Langleinen – das Leben während der Feldarbeit

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Nicht immer hat alles so geklappt wie geplant: So sind bereits zwei Langleinen verloren gegangen. Das erste Mal war es sicher ein großer Hai, der die mit 30 Bojen und zwei Ankern bestückte Leine mit sich gerissen haben muss, denn es gab kaum Strömung in diesem Gebiet. Beim zweiten Mal allerdings vermute ich, dass die Strömung zu stark war und die Langleine mitgerissen hat. Nachdem wir die Haken beködert hatten, fuhren wir die ca. 300m zu dem Kiemennetz. Da es stockdunkel war und nur das Mondlicht die Nacht etwas erhellte, sahen wir die großen Endbojen der Langleine nicht mehr trotz der eher geringen Entfernung. Nur zwanzig Minuten später, während wir auf dem Weg zurück zur Langleine waren, wurde es plötzlich leise auf dem Boot. David stand auf, während er das Boot lenkte, was mich schon etwas stutzig machte, und Sione scannte mit unserem starken Spot-Strahler den Horizont. Ich schaltete das GPS-Gerät an und kontrollierte die Koordinaten – „Ja, es muss genau hier sein!“, sagte ich laut.

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

David, Sione, Jim und ich an einem eher regnerischen Tag.
Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Doch alle wussten längst Bescheid, denn David braucht nie ein GPS, um eine unserer Stellen zu finden. Nach einem kurzen Suchmanöver fuhren wir zurück, um das Netz einzuholen, und machten uns mit dem restlichen Benzin im Tank auf die Suche nach der Langleine. Die anschließenden fast 90 Minuten waren vergebens – die Langleine war und blieb verschwunden. Niedergeschlagen traten wir den Heimweg an und machten die starke Strömung der ausgehenden Tide für den Verlust verantwortlich. Was auch immer es war, ich musste mich nun um eine neue Langleine kümmern.

Das Leben im Dorf – Mücken, liebe Menschen und viel Zeit

Da unsere Fischereinächte bis zwei oder drei Uhr morgens dauern können, kommen wir alle in der Regel spät ins Bett. Das „Problem“ dabei ist, dass das Dorfleben bereits sehr früh anfängt und oft bereits ab halb sechs die ersten Geräusche von Töpfen und Pfannen zu hören sind. So sind die Nächte eher kurz, doch dafür habe ich ja die Wochenenden in Suva, und wenn alles gut läuft, die eine oder andere Stunde am Nachmittag.

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Tagsüber transferiere ich die gesammelten DNA-Proben und digitalisiere die am Vorabend aufgenommen Daten.
Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Normalerweise stehe ich gegen acht Uhr auf und verarbeite dann die Daten von der Vornacht. Alles, was ich auf dem Boot auf dem wasserfesten Papier notiert habe, muss nun elektronisch gespeichert werden. Wenn ich diese Aufgabe erledigt habe, kümmere ich mich um die DNA-Proben. Auf dem Boot ist es leichter, die kleinen Flossenstücke in Glasfläschchen aufzubewahren, allerdings müssen sie, bevor sie in den Gefrierschrank kommen, in kleine, sogenannte „Eppendorf-Tubes“ umgelagert werden, die ich vorher mit einer Nummer versehe und mit Ethanol fülle.
Nach einem Snack nehme ich dann meistens den Bus nach Ba, eine ca. vierzig Minuten dauernde Fahrt entlang der Zuckerrohrplantagen, und besuche dort den Fischmarkt, um nach Haien Ausschau zu halten. Normalerweise gibt es wenigsten einen, den ich dann vermesse und auch hier wieder eine DNA-Probe entnehme. Außerdem suche ich nach guten Ködern für unsere Langleinen-Haken; meist benutzen wir Meeräschen oder kleine Makrelen. Den Rückweg trete ich dann im Taxi an, um bei einer Tankstelle stoppen zu können und das abendliche Benzin zu kaufen: mindestens 20 Liter und je nach geplanten Gebiet und Länge des Fischereitrips auch gerne mal 30 Liter. Sicher ist sicher, und daran soll es im Endeffekt nicht scheitern.
So komme ich meistens am frühen Nachmittag zurück ins Dorf und verbringe die nächsten Stunden, bis wir rausfahren, mit den Einwohnern. Man sitzt viel einfach da und trinkt Tee oder Kaffee. Geselligkeit ist sehr wichtig im Dorf, und es wird sehr viel Zeit miteinander verbracht. Auch wenn das bedeutet, einfach nebeneinander auf der Terrasse oder dem Fußboden zu schlafen (Fidschianer können wirklich in jeder (!) Position schlafen) oder einfach nur schweigend dem Treiben im Dorf zuzusehen.

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Jeder hilft jedem: wenn wir Hilfe brauchen, um das Boot bei Ebbe ins Wasser zu schieben, sind sofort zahlreiche Hände zu Verfügung.
Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Je nach Wasserstand machen Sione und ich uns dann meisten zwischen 17:00 und 19:00 Uhr auf den Weg zum Boot, beladen es und fahren ein paar hundert Meter weiter bis zu dem Dorf, in dem David und Jim wohnen. Wenn dann alle Mann an Bord sind, geht es raus Richtung Meer, und eine weitere Nacht steht uns bevor. Wie jeden Fischereiabend hoffe ich auf möglichst viele Haie und bin gespannt, wie die Nacht verlaufen wird.

 

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Mehr Informationen über die von mir gefangen Haie gibt es im nächsten Teil.

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Da mich SHARKPROJECT Germany großzügigerweise mit 500 Euro für mein Hai-Projekt hier auf Fidschi unterstützt hat, werde ich hier im Blog in den nächsten Wochen über meine Erfahrungen, Fortschritte und Funde berichten. Bei Anregungen oder Fragen freue ich mich über jede Mail an tom(at)vierus.de.

 

Teil 1: http://www.sharkproject.org/gastbeitrag-auf-der-suche-nach-fidschis-hai-kinderstuben-von-tom-vierus-teil-1/

Teil 3: http://www.sharkproject.org/gastbeitrag-auf-der-suche-nach-fidschis-hai-kinderstuben-von-tom-vierus-teil-3/

Teil 4: http://www.sharkproject.org/gastbeitrag-auf-der-suche-nach-fidschis-hai-kinderstuben-von-tom-vierus-teil-4/

Text und Fotos (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

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