14. Februar 2016 .he

Gastbeitrag: „Auf der Suche nach Fidschi’s Hai-Kinderstuben“ von Tom Vierus (Teil 1)

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Tom Vierus ist ein junger Hai-Wissenschaftler und Naturfotograf, der momentan auf den Fidschi-Inseln lebt und dort eine potentielle Kinderstube für juvenile Haie untersucht. SHARKPROJECT Germany hat diese aktuelle Studienreise finanziell unterstützt.
Neben seinem Blog livingdreams.tv schreibt Tom Vierus über facebook, Twitter und Instagram.


Auf der Suche nach Fidschi’s Hai-Kinderstuben – 1. Teil

Im Rahmen meines ISATEC (International Studies in Aquatic Tropical Ecosystems) Master Studiengangs an der Universität Bremen lebe und arbeite ich momentan auf den Fidschi Inseln. Als Teil des „Shark Research Programm“ der University of the South Pacific (USP) untersuche ich eine potentielle Kinderstube für juvenile Haie im Norden Fidschis. In den pazifischen Gewässern rund um die 333 Inseln sind viele verschiedene Haiarten anzutreffen, und man weiß noch sehr wenig bis gar nichts über deren lokale Aufzuchtsgebiete. Mein Masterprojekt soll einen Teil dazu beitragen, kritische Habitate rund um Fidschi zu identifizieren und diese letztendlich in einen nachhaltigen nationalen Hai-Management-Plan zu integrieren.

Das Mündungsgebiet des Ba Flusses im Norden Viti Levu'S Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Das Mündungsgebiet des Ba Flusses im Norden Viti Levu’S
Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Besonderer Fokus wird dabei auf den Bogenstirn-Hammerhai gelegt, der hier in vielen Küstengebieten anzutreffen ist. Von den acht Hammerhai-Spezies des Genus Sphyrna werden zwei als „stark gefährdet“ von der IUCN (International Union for Conversation of Nature) eingestuft: der Bogenstirn-Hammerhai Sphyrna lewini und der Große Hammerhai Sphyrna mokarran.

CMS und CITES – erste Schritte in die richtige Richtung

2014 wurden nach langen Verhandlungen diese beiden Hammerhaiarten (S. lewini, S. mokarran) sowie der als „gefährdet“ klassifizierte Glatte Hammerhai (Sphyrna zygaena) bei der vierjährlichen CITES Konferenz (Convention in International Trade of Endangered Fauna and Flora) auf Appendix II gesetzt. Dadurch werden dem internationalen Handel strenge Kontrollen auferlegt, die Nachweise über den nachhaltigen Umgang mit den entsprechenden Spezies erfordern. Im selben Jahr wurden der Bogenstirn-Hammerhai und der Große Hammerhai dem Appendix II des Internationalen Abkommens von CMS (Convention of Migratory Species) hinzugefügt, das sich besonders auf mobile Meerestiere wie den Hammerhaien konzentriert. Damit verpflichten sich alle 120 teilnehmenden Staaten, in allen Belangen bezüglich des Schutzes der Migrationsrouten und Lebensräume zu kooperieren und den Erhalt der betroffenen Arten sicherzustellen. Als Mitglied beider Verträge verpflichtet sich auch Fidschi, zur Erforschung und zum Erhalt dieser Spezies beizutragen und auf lange Sicht eine nationalen Management-Strategie zu entwickeln.

Überfischung und Habitatzerstörung als größte Herausforderungen für Hammerhai Populationen

Hammerhaie reproduzieren sich als sogenannte K-Strategen ähnlich uns Menschen sehr langsam. Weibliche Bogenstirn-Hammerhaie zum Beispiel erreichen erst im Alter von ca. 15 Jahren sexuelle Reife und können dann alle zwei Jahre zwischen 15 und 31 Jungtiere zur Welt bringen. Diese langsame Reproduktionsrate macht diese Spezies besonders anfällig für Überfischung. Die Populationen können schlicht und einfach nicht mit dem immens hohen Fischereidruck mithalten. Zusätzlich sind einige der Vertreter der Sphyrnidae-Familie besonders im Flossenhandel gefragt: die große Rückenflosse des Großen Hammerhais und der hohe Gehalt an Fasern erzielt Bestpreise im asiatischen Handel und macht Hammerhaie zu begehrten Zielen. Viele Tiere verenden zudem als Beifang in der Langleinen-Fischerei und werden in tropischen Regionen von der artisanalen und nicht-kommerziellen Fischerei gefangen und verzehrt.

Haie gehören in vielen Küstengemeinschaften zu Proteinlieferanten Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Haie gehören in vielen Küstengemeinschaften zu Proteinlieferanten
Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Auch die voranschreitende Entwicklung der Küstengebiete macht den Haien das Leben zunehmend schwerer. Wenn kritische und überlebenswichtige Habitate zerstört werden, verschwinden mit ihnen die letzten Refugien, die auf lange Sicht den Nachschub an Jungtieren sicherstellen können. Es ist an der Zeit, dass betroffene Länder Management-Strategien entwickeln, die das Überleben gefährdeter Spezien auf lange Sicht sichern können und den Schutz der Arten vorantreiben. Genau hier kommen wir Wissenschaftler ins Spiel, denn ohne genügend Daten können keine Entscheidungen getroffen werden.

Der Ba Fluss im Norden Fidschis – eine potentielle Hai-Kinderstube?

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Eine Studie aus dem Jahr 2010 identifizierte einige Gebiete rund um Fidschi‘s Hauptinseln Vanua Levu und Viti Levu als potentielle Aufzuchtsgebiete für juvenile Haie. Traditionelles Wissen der ansässigen Dörfer berichtete von regelmäßigen Jungtier-Fängen. Eines dieser Gebiete umfasst die Gewässer rund um den Ba Fluss im Nord-Westen der Hauptinsel, ca. fünf Stunden von der Hauptstadt Suva entfernt.

Nach meiner Ankunft auf Fidschi stand also erst einmal sehr viel Organisatorisches sowie das Erlernen der benötigten Methodik auf dem Programm: welches Fischerei-Equipment benötige ich für das Fangen der Haie? Wie minimiere ich den Stress auf die gefangen Tiere? Und wie prozessiere ich die Haie am schonendsten?

Die vielseitigen Aufgaben von Feldarbeit

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Es gab (und gibt) also viel zu lernen und zu erledigen. Im Rewa, Fidschi’s größten Fluss, werden bereits seit einem Jahr im Rahmen eines Projektes der USP hauptsächlich Bogenstirn-Hammerhaie mit Stellnetzen gefangen, getaggt und wieder freigelassen. Hier hieß es für mich also, so viele solche Trips zu begleiten wie möglich. Erfahrung macht den Meister, und je mehr solcher Trips ich vor dem Start meines eigenen Samplings rund um Ba begleiten könnte, desto besser und schneller würde mein eigenes Projekt anlaufen. Nebenbei durchstreifte ich die Geschäfte Suva’s, um eine komplette neue Tagging Ausrüstung zusammenzustellen: vom 100m Kiemennetz über Scheren, Messer und Zangen bis hin zu GPS-Geräten, Tags und Maßbändern.

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Die Liste schien endlos, und die Organisation auf Fidschi ist oft schwierig und zeitaufwendig. Nach vielen langen und teils auch frustrierenden Stunden auf dem Meer, dutzenden Meetings und zahllosen (und oft umsonst getätigten) Geschäftsbesuchen war ich im November schließlich bereit, ins ca. 200km entferne Ba aufzubrechen und dort alles mit den Fischerdorf zu organisieren.

Sevusevu und Headman Meetings – traditionelles Vorgehen ist ein Muss

Hier auf Fidschi ist es extrem wichtig, traditionelle Zeremonien und Protokolle einzuhalten, wenn man in Gebieten rund um die Dörfer arbeiten möchte. Dazu gehört auch die Sevusevu-Zeremonie mit dem sogenannten Headman, einer Art Dorfvorsteher.

Während der Sevusevu Zeremonie wird das Anliegen dem Headman vorgetragen (hier nicht im Bild), der den Erfolg bzw. das Scheitern des Projekts in seiner Hand hat. Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Während der Sevusevu Zeremonie wird das Anliegen dem Headman vorgetragen (hier nicht im Bild), der den Erfolg bzw. das Scheitern des Projekts in seiner Hand hat.
Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Dabei werden traditionell vom Bittsteller Kava-Wurzeln übergeben, die mit diversen Danksagungen auf Fijianisch empfangen werden. Daraufhin wird auf Bambusmatten sitzend das Anliegen vorgetragen und auf ein Urteil gewartet. Der Headman hörte mir geduldig solange zu, bis ich alles erzählt hatte, ohne irgendwelche Fragen zu stellen. Danach erklärte er sein Einverständnis und seine Unterstützung für das Projekt, hieß mich in seinem Dorf willkommen und bot mir sogar ein Zimmer in seinem Haus für die bevorstehenden Monate an. Als abschließendes Ritual tranken wir das etwas bitter schmeckende Kava, das in einer großen metallenen Kava-Schüssel angerührt und dann reihum in kleinen Kokosschüsseln gereicht wird. Das gemeinschaftliche Kava-Trinken ist ein substantieller Bestandteil Fijianischer Kultur und sollte noch oft Teil meiner Tage im Dorf werden.

Zurück in Suva – die letzten Vorbereitungen, bevor das Sampling endlich losgeht 

Ein Teil des neu konstruierten Fischernetzes, dass ich benutze, um die juvenile Haie zu fangen und zu taggen Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Ein Teil des neu konstruierten Fischernetzes, dass ich benutze, um die juvenile Haie zu fangen und zu taggen
Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Ich fuhr also zurück nach Suva, um ein Auto zu organisieren, um meine Netze, Bojen, Anker, Seile, mein Kameraequipment und all die anderen schnell zu vergessenden aber notwendigen Utensilien zurück ins Dorf zu schaffen, das direkt am Ba Fluss gelegen ist und ca. 400 Fijianer beherbergt. Gleich am ersten Abend hatte ich ein Treffen mit dem alten und erfahrenen Kapitän David und meinen zwei Helfern Sione und Jim, die mit mir auf unsern kleinen Fiberglas-Boot für die nächsten Wochen und Monate arbeiten würden.

Die "Outdoor-Küche" meines Gasthauses im wunderschönen kleinen Dorf direkt am Fluss Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Die „Outdoor-Küche“ meines Gasthauses im wunderschönen kleinen Dorf direkt am Fluss
Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

David fischt bereits seit ganzes Leben in und um den Ba Fluss und kennt das gesamte Gebiet wie seine Westentasche. Auf dem GPS sollte ich später viele Male sehen, wie er bei jedem Ausflug fast auf den Meter genau dieselben Routen nahm, wo für mich kaum Anhaltspunkte zu entdecken waren. Nach etwas Smalltalk zusammen mit ihnen und dem Headman erklärte ich ihnen, wer ich bin, was ich auf Fidschi mache, und warum es wichtig ist, dass wir herausfinden, welche Haie hier in ihren Fischereigewässern leben.

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

In Zeiten, in denen Populationen von Hammerhaien weltweit stark sinken, ist es besonders notwendig, Gebiete zu identifizieren, die von Hammerhaien als „Kinderstube“ genutzt werden. Verschiedene Studien berichten von einem philopatrischen Verhalten von den lebendgebärenden Bogenstirnhammerhaien, ganz ähnlich wie man es von Schildkröten kennt: die trächtigen Weibchen kehren auf Lebenszeit immer wieder zu denselben flachen Küstengewässern zurück, in denen sie zwischen 15 und 31 Jungtiere gebären und dann wieder in größere Wassertiefen verschwinden. Die juvenilen Haie nutzen die extrem produktiven Flussmündungsgebiete dann als eine Art geschütztes Aufzuchtsgebiet – hier bekommen sie genügend Schutz vor größeren Fressfeinden geboten und finden ausreichend Nahrung.

David erzählte mir bereits, dass hier viele kleine Haie gefangen würden. Ich war also guter Dinge und freute mich darauf in den nächsten Tagen aufs Meer zu fahren und das Sampling zu beginnen.

 

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Foto (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

Wie genau ich die Haie fange, warum ich zusätzlich noch eine Longline einsetze, und wie das Leben im Dorf läuft, lest Ihr im nächsten Teil! 

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Da mich SHARKPROJECT Germany großzügigerweise mit 500 Euro für mein Hai-Projekt hier auf Fidschi unterstützt hat, werde ich hier im Blog in den nächsten Wochen über meine Erfahrungen, Fortschritte und Funde berichten. Bei Anregungen oder Fragen freue ich mich über jede Mail an tom(at)vierus.de.

Teil 2: http://www.sharkproject.org/gastbeitrag-auf-der-suche-nach-fidschis-hai-kinderstuben-von-tom-vierus-teil-2/

Teil 3: http://www.sharkproject.org/gastbeitrag-auf-der-suche-nach-fidschis-hai-kinderstuben-von-tom-vierus-teil-3/

Teil 4: http://www.sharkproject.org/gastbeitrag-auf-der-suche-nach-fidschis-hai-kinderstuben-von-tom-vierus-teil-4/

Text und Fotos (c) Tom Vierus / SHARKPROJECT

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