Immer wenn es um das Thema Haiausrottung geht, werden Bilder von chinesischer Haiflossensuppe gezeigt. Damit wird der Eindruck erweckt, dass die Chinesen die Hauptverantwortlichen für den dramatischen Rückgang der Haipopulationen sind. In Diskussionen um den Schutz der Haie kommt dieses Vorurteil immer wieder. Fakt ist jedoch, dass die Chinesen zwar einen Teil zur Ausrottung der Haie beitragen aber nicht die alleinig Verantwortlichen sind. Hier sollten wir zunächst einmal vor der eigenen Haustüre kehren.
© Gerhard Wegner
Die europäischen Fischereinnationen sind zumindest in gleicher Weise beteiligt. Europa hat mit 200 Booten über 24 mtr. Länge die zweitgrößte Longlining-Flotte der Welt. Mit fast 100 km langen Leinen, bestückt mit unzähligen Haken waren diese Schiffe einst spezialisiert auf so wertvolle Beute wie Thunfische und Schwertfische. Haie waren nur Beifang – mehr schlecht als recht.
Die Meere sind jedoch inzwischen fast völlig überfischt. Und hier bietet sich der bisher verschmähte Hai als neues Hoffnungsprodukt an. So findet man heute Blauhai- oder Makohaisteaks und –filets bei fast allen Fischhändlern. Egal ob die Tiere vor der Ausrottung stehen oder nicht, die Kühltruhen müssen gefüllt werden für den fischliebenden Verbraucher. Angelandet wurden 2005 so über 100.000 t Hai-Karkassen und Flossen. Finning, d.h. das Abschneiden der Flossen ist zwar nach einer EU-Verordnung verboten. Aber diese Verordnung besagt nur, dass die Tiere mitsamt Flossen angelandet werden müssen. Diese werden dann später abgeschnitten und sind ein wertvoller Export für den boomenden Markt für Haiflossen. Abnehmer sind hier China, Asien aber zunehmend auch USA und Europa selbst. So ist ganz allmählich aus dem verschmähten Beifang Hai eines der Hauptziele der europäischen Longliner geworden. So beträgt der Anteil von Haien im Gesamtfang inzwischen bis zu 67%. Gefangen werden hauptsächlich Blauhaie, Makohaie sowie Fuchs- und Hammerhaie.
Alles Arten, die nach der IUCN Liste der bedrohten Tierarten als stark gefährdet bis nahezu ausgerottet eingestuft werden. Trotzdem gibt es hier weder Verbot noch irgendwelche Quotenregelungen. Jede europäische Nation kann so viele Haie fangen, wie sie will. Sofern die Bestimmungen der CITIES bzw. die nationalen Gesetze der Länder beachtet werden unter in deren Gewässern mit Genehmigung gefischt wird. Aber rund 2/3 der Meere (die Hohe See) sind nahezu rechtsfrei. In ihr muss ein Fischer lediglich die Gesetze beachten, die der Staat unterzeichnet hat, dessen Flaage er führt. Hier kommen die sogenannten Billigflaagen ins Spiel, d.h. kleinere Fischfangnationen, die keine der Völkerrechtsabkommen unterschrieben haben. So wundert es nicht, dass zu den rund 200 in der EU registrierten großen Longliner-Trawlern (über 24 mtr.) noch rund 170 dazukommen, die zwar europäische Eigner haben aber unter Billigflaagen fahren. Nicht gerechnet dabei die Schiffe, die ganz ohne Flaage auf Raubzug gehen. Weltweit kommen hier nochmals 1600 Longliner dazu. Wieviele davon ebenfalls europäische Eigner haben, ist unbekannt. Und um dem allen noch die Krone aufzusetzen, subventioniert die EU die Longliner noch mit Millionenbeträgen, weil die Fangerträge trotz der Umstellung auf Haie nicht mehr ausreichen, die laufenden Kosten zu decken.
Nun haben wir hier nur die europäische Fischereipolitik betrachtet. Nehmen alle großen und bedeutenden Fischfangnationen zusammen, ist festzustellen, das alle die gleichen Probleme und die gleichen „Lösungen“ haben. Haifleisch und Haiflossen als Ersatz für Thunfisch und Schwertfisch. Zumindest solange es noch Haie in unseren Weltmeeren gibt. Da aber auch hier die Bestände dramatisch schrumpfen ist die Fischereiindustrie schon auf der Suche nach Ersatz. Probiert werden aktuell Produkte aus Quallen oder winzigen Krebsen, dem sogenannten Krill. Wir werden gemeinsam das Meer schon kleinkriegen, dafür brauchen wir kein chinesisches Alibi.
Auszug aus unserem Buch: "Räuber, Monster, Menschenfresser" - erschienen im Kosmos Verlag, Stuttgart
| 20.8.2008 | Print |